Meine Berufung finden und leben

Meine Berufung finden und leben

von Christoph Egeler | 15.11.2009

Gott fragen, die Psychologie zu Rate ziehen oder selbst entscheiden?

Viele Christen tun sich schwer, ihre Berufung zu entdecken. Einige wiederum scheinen eine klare Berufung direkt von oben erhalten zu haben, was beneidenswert ist. Was aber, wenn sich eine solche Berufung als Irrtum erweist? Und: Wie kann ich wissen, ob ich meiner Berufung auf der Spur bin, besonders dann, wenn ich Gott nicht so direkt höre? Muss ich dann warten oder mehr beten? Wie finde ich meine Berufung?

Zur Berufung gehört das Hören auf Gott, das Bitten um seine FĂŒhrung und das Fragen nach seinem Willen. Aber auch die Psychologie (im weitesten Sinne) hat ihren Platz, und schliesslich darf – oder muss – ich auch einiges selbst entscheiden. Am wichtigsten aber scheint mir die Erkenntnis, dass es eine «allgemeine Grund-Berufung» gibt, die aus dem biblischen Gesamt-Zeugnis ersichtlich ist und fĂŒr alle Menschen gilt. Diese verschiedenen Ebenen oder Aspekte der Berufung schliessen sich nicht aus, sondern ergĂ€nzen sich bzw. bauen aufeinander auf. Ich habe versucht, dies in einem Modell darzustellen.

1. Die allgemeine Grund-Berufung

Ich zitiere aus dem Alten und Neuen Testament je eine Stelle, welche die allgemeine Grund-Berufung auf den Punkt bringen:

«Ein Segen sollst Du sein!» (1. Mose 12,2).

«Nicht ihr habt mich erwÀhlt, sondern ich habe euch erwÀhlt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt.» (Joh 15,16)

Wenn ich dem entsprechend lebe, dann lebe ich – aus biblischer Sicht – meine Berufung schon zu einem wesentlichen Teil, egal in welchem Studium oder Beruf. Oder auch wenn ich noch keine Ahnung habe, was ich spĂ€ter einmal studieren oder arbeiten soll!

2. Die individuelle Berufung und Gottes FĂŒhrung

Jetzt kommen wir in den Bereich, den wir ĂŒblicherweise meinen, wenn wir von Berufung sprechen. Nur auf dem Fundament der allgemeinen Grund-Berufung (siehe oben) macht es Sinn, nach der individuellen Berufung zu fragen oder zu suchen. Ich möchte zunĂ€chst folgende drei Dinge festhalten:

  • Studium und Beruf sind wichtige Aspekte der individuellen Berufung, aber nicht die einzigen.
  • Die individuelle Berufung ist nicht etwas, das ich irgendwann plötzlich finde, sondern ein Prozess, ein Weg mit vielen Stationen.
  • Die Bitte um Gottes FĂŒhrung wird ergĂ€nzt durch das Fragen nach meinen FĂ€higkeiten und Interessen, das GesprĂ€ch mit Menschen, gute Informationen, etc. – Glauben und Denken gehören zusammen; beides ist wichtig, wenn ich meiner individuellen Berufung mehr und mehr auf die Spur kommen will.

 

Vom Glauben her stellt sich die Frage, wie wir Gottes Stimme hören oder seinen Willen erfahren. NatĂŒrlich gibt Gott auch direkte Wegweisungen durch EindrĂŒcke, Prophetie, Bibelstellen, Zeichen, Bilder etc. Wir sollten dafĂŒr offen sein! In der Bibel finden wir eindrĂŒckliche Beispiele von konkreten Berufungen «direkt von Gott», zum Beispiel die Berufung des Mose in 2. Mose 3: Gott spricht zu Mose aus dem brennenden Dornbusch. Wir dĂŒrfen aber nicht vergessen, dass auch diese Menschen nicht tĂ€glich solche FĂŒhrungen erlebten. Es sind besondere, einmalige und daher in der Bibel festgehaltene Erlebnisse. Auch waren die Berufenen oft mitten an der Arbeit, als sie berufen wurden. Mose hĂŒtete zum Beispiel die Schafe seines Schwiegervaters und wartete nicht auf eine Berufung.

Gott spricht auch durch menschliche Erfahrungen und Erkenntnisse. Wir sollten eigene WĂŒnsche und Gedanken kritisch und im Lichte des Glaubens hinterfragen, sie aber nicht als unwichtig oder ungeistlich abwerten, sondern ernst nehmen. Dies gilt besonders fĂŒr (Zukunfts-)TrĂ€ume oder die «innere Stimme» bzw. das «Bauch-GefĂŒhl». Damit meine ich nicht das Lustprinzip oder oberflĂ€chliche GefĂŒhle, aber genau so wenig rationale Kopf-Entscheide. Es ist etwas Tieferes, Ganzheitlicheres. Auch durch Mitmenschen kann Gott zu uns sprechen. Wir sollten sie um Rat fragen und diesen prĂŒfen – und gegebenenfalls beherzigen. Gott fĂŒhrt zudem durch offene und geschlossene TĂŒren. Dies ist alleine aber kein Kriterium fĂŒr göttliche FĂŒhrung, sondern nur zusammen mit anderen Aspekten, die stimmen mĂŒssen.

Ein besonders wichtiges Kriterium fĂŒr Gottes FĂŒhrung oder Stimme scheint mir die BestĂ€tigung durch inneren Frieden, wenn ich auf dem richtigen Weg bin – bzw. Unruhe oder Unfrieden, wenn ich es nicht bin. Das ist nicht zu verwechseln mit «Easy Life», einem möglichst unbeschwerten Leben, in dem mir alles gelingt. Gemeint ist vielmehr ein tiefer innerer Friede, auch wenn nicht alles «easy» ist. Zudem sind kurzfristige Unsicherheiten normal, auch bei richtigen Entscheidungen!

Zum Schluss das Banalste, aber Wichtigste: Wenn wir uns wĂŒnschen, Gottes Stimme zu hören, sollten wir regelmĂ€ssig Zeit mit Gott und der Bibel verbringen und ihn um seine FĂŒhrung bitten.

3. Die Details oder: Wie treffe ich gute Entscheidungen?

Gott lĂ€sst uns vieles selbst entscheiden. Auch in den «konkreten Details» kann Gott einen bestimmten Plan fĂŒr uns haben, aber in der Regel sind hier eigene Entscheidungen gefragt. Das heisst nicht, dass alles egal oder beliebig ist. Erstens gibt es bessere und schlechtere Entscheide, auch falsche! Zweitens mĂŒssen meine Entscheide immer im Rahmen der allgemeinen Grund-Berufung und einer biblisch-christlichen Wertehaltung erfolgen. Gott soll auch Herr sein ĂŒber unsere Entscheidungen.

 

Wie treffe ich gute Entscheidungen? Dazu ein paar Gedanken, ohne Anspruch auf VollstÀndigkeit:

ZunĂ€chst ist die Situation zu klĂ€ren: Ich sammle Fakten, informiere mich, frage andere Menschen um Rat und versuche Klarheit ĂŒber eigene Ziele und Interessen zu gewinnen. Dabei sollten wir auf Kopf und Herz hören: Wenn es nur fĂŒr den Kopf stimmt (gute GrĂŒnde, Argumente), ich aber ein schlechtes GefĂŒhl dabei habe, liege ich ebenso falsch, wie wenn ich nach meinen GefĂŒhlen entscheide, aber eigentlich wissen könnte, dass es nicht gut ist!

Was heisst «gut»? Einige mĂŒssen lernen, ihren Perfektionismus abzulegen: Entscheide dich fĂŒr das Gute, warte nicht auf das Bessere oder Perfekte, das – vielleicht! – noch kommen könnte! Ein solches Nutzenmaximierungsdenken fĂŒhrt zu EntscheidungsunfĂ€higkeit oder Unzufriedenheit. Wenn eine Arbeitsstelle, eine Wohnung oder ein potenzieller Lebenspartner(!) «gut» ist im Sinne von: Ich fĂŒhle mich wohl, ich fĂŒhle mich angezogen, es stimmt, – dann sollte ich mich mutig dafĂŒr entscheiden und nicht warten, bis vielleicht noch etwas Besseres oder Perfektes auftaucht. Es geht also nicht darum, sich fĂŒr das Schlechte zu entscheiden, sondern fĂŒr das Gute, wenn auch Unvollkommene.

Wenn wir entscheidungsfĂ€hig sein wollen, mĂŒssen wir auch Verzicht und EinschrĂ€nkung lernen: Entscheiden heisst stets auch Verzichten. Das gilt heute ganz besonders – angesichts der vielen Wahlmöglichkeiten. Wer nicht verzichten kann oder will, weil er von allem etwas haben möchte, kann sich kaum entscheiden. Jede Wahl hat ihren Preis; jedes Ja enthĂ€lt ein Nein!

Es gibt eine Zeitachse: Entscheidungen mĂŒssen reifen können. Man kann sich aus Ungeduld in eine unreife Entscheidung stĂŒrzen. Aber man kann auch aus Unentschlossenheit eine ĂŒberfĂ€llige Entscheidung verpassen.

Zu guter Letzt geht es nicht nur darum, sich zu entscheiden, sondern auch, den Entscheid umzusetzen. Alles Entscheiden nĂŒtzt mir nichts, wenn ich nicht danach handle. Ich muss das Risiko auf mich nehmen, loslassen und springen!

 

Ich wĂŒnsche allen mutige und kluge Entscheidungen, aber auch ein inspiriertes Voranschreiten auf dem Weg der individuellen Berufung sowie ein treues Leben der allgemeinen Grund-Berufung, «auf dass in allem Gott verherrlicht werde» (1 Petr 4,11).

 

Zuerst erschienen in BST 4/2009