Menschen führen – Leben wecken

von Anselm Grün |

Die Regel des hl. Benedikt beschreibt den Verantwortlichen als einen Menschen, der dem Leben dient, der in den Menschen Leben hervorlockt. Führen ist für Benedikt eine spirituelle Aufgabe. Vor allem in der Kreativität und der Phantasie, mit der man mit Menschen umgeht und die Arbeit organisiert zeigt sich die Kunst jeglicher Führung. Die Weisheit, die in der Regel des hl. Benedikt steckt, wird in diesem Buch für unsere Zeit fruchtbar gemacht. Anregungen aus der Regel des heiligen Benedikt. Mit Phantasie und Kreativität führen heisst, die Seele des Menschen beflügeln und ihm Lust an seiner Arbeit vermitteln.
Grün, Anselm. Menschen führen – Leben wecken; Anregungen aus der Regel des heiligen Benedikt. ISBN 3878681321. Münsterschwarzach: Vier Türme 2007. 142 Seiten.

Eine Buchzusammenfassung von Felix Ruther

Wenn wir in der Regel1 des heiligen Benedikt nach Führungsmodellen Ausschau halten, so stellen wir fest, dass Führung durch die eigene Persönlichkeit für Benedikt das Wichtigste ist. Anselm Grün beschränkt sich in seinem Buch bewusst auf diejenige Kapitel der Regel, welche sich dem Cellerar (wirtschaftlicher Verwalter) und dem Abt (Vorsteher der Klösterlichen Gemeinschaft) widmen. Grün studierte Theologie, Philosophie und Betriebswirtschaft und ist selbst Cellerar der Benediktinerabtei Münsterschwarzach.

1. Die Eigenschaften des Verantwortlichen

"Wer führen will, muss erst sich selbst führen können. Er soll mit seinen eigenen Gedanken und Gefühlen, mit seinen Bedürfnissen und Leidenschaften zurecht kommen." Die Eignung einer Führungsperson hängt in erster Linie vom Charakter ab. Folgende wichtige Charaktereigenschaften werden aufgezählt: Menschliche Reife; Bescheidenheit; Demut; Gerecht sein; Klar entscheiden; Wie ein Vater; Sparsam und Gottesfurcht. Wie wichtig für Grün der Charakter von Managern ist, erkennen wir an seinen Worten am Schluss des Kapitels: "Manchen Managern täte es besser, sich zuerst einmal mit sich selbst zu beschäftigen und die eigene Seele zu erforschen, anstatt sich gleich mit schwierigen Mitmenschen und mit einer besseren Organisation der Firma zu befassen."

2. Die Weise des Führens – Das Menschenbild Benedikts

In diesem Kapitel wird das Menschenbild Benedikts sichtbar: In jedem Mensch steckt ein guter Kern. Benedikt verlangt von uns, in jedem Menschen Christus zu sehen und ihn zu achten. Dies beeinflusst unseren Umgang mit Untergebenen. Der Cellerar muss mit den Menschen und den Dingen sorgfältig umgehen. Die Förderung des Einzelnen steht im Zentrum. So muss sich eine Aufgabe nach den Menschen richten und nicht umgekehrt. Anstatt die Mitarbeitenden zu verachten, soll der Leitende sie lieben, sie in ihrer Eigenart annehmen und ermutigen. Dies erzeugt nicht nur ein besseres Betriebsklima, sondern erhöht auch die Leistung der Mitarbeitenden.

3. Leitung als Dienst

Der Cellelar soll bei seiner Führungsaufgabe nicht nur auf die Befehle und die äusseren Dinge achten, sondern vor allem auf seine Seele. Dazu Bedarf es der Stille, um die leisen Stimmen in unserer Seele vernehmen zu können. So ist die tägliche Meditation eine Voraussetzung, um die anstehenden Aufgaben gut zu erfüllen.

Führen verlangt, dass der Verantwortliche seine Mitarbeitenden liebt. Es muss ihm ein Anliegen sein, dass es den Mitarbeitenden gut geht, sie gerne arbeiten und sich in der Arbeit entfalten können. Im Führen wird eine Führungsperson spirituell genauso herausgefordert wie im Gebet und in der Meditation.

Nach Grün muss ein Unternehmen auch Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen. Dazu gehört auch die soziale Verantwortung. Führung besteht für Benedikt vor allem darin, Verantwortung für Menschen zu übernehmen, ihnen zu dienen und in ihnen Leben zu wecken.

4. Der Umgang mit den Dingen

Alles, was das Kloster besitzt gehört Gott. Das Vermögen wurde dem Kloster von Gott anvertraut. Daher muss der Cellerar sorgfältig und ehrfürchtig damit umgehen. Die Ehrfurcht vor den Dingen kommt von der Kontemplation der Schöpfung ("dass ich in allem Gott selbst erkenne als den letzten Ursprung"). Geld soll den Menschen dienen. Mit dem Geld gut umzugehen ist daher ein Dienst am Menschen.

5. Der Umgang mit den Menschen

Grün beginnt mit den Sätzen "Wer andere führt, soll immer wissen, dass er auch nur ein Mensch ist, dass er von der Erde genommen ist und dass er ganz irdische Bedürfnisse hat. Wer um seine eigenen Abgründe weiss, der wird sich nie über andere stellen." Folgende Stichwörter sind ihm im Umgang mit Anderen zentral: Loben; Nicht überfordern; Den Menschen lieben; Arzt sein; Die eigene Gebrechlichkeit; Mit dem Herzen denken; Das richtige Mass und Wertschätzung.

Führen heisst für Benedikt, alles mit dem richtigen Mass anzuordnen und im richtigen Augenblick geschehen zu lassen. Führen hat mit Gestalten und Formen zu tun. Jeder Mensch soll so geformt und gestaltet werden, wie es ihm von Gott zugedacht ist.

6. Die Sorge für sich selbst

Der Verantwortliche soll nicht nur für die Gemeinschaft und die einzelnen Mitarbeitenden sorgen, sondern auch für sich selbst. Er muss fähig sein, seine eigenen Kräfte einzuteilen. Ein voller Terminplaner kann auch Ausdruck von Arbeitssucht sein. In dieser besteht die Gefahr, völlig auszubrennen. Erschöpfte Menschen zeigen, dass sie aus eigener Kraft arbeiten. Benedikt setzt deshalb voraus, dass der Cellerar sich regelmässig Zeit für die Stille nimmt. Nur aus dem inneren Frieden heraus kann Frieden verbreitet werden.

7. Das Ziel des Führens – Spirituelle Unternehmenskultur

Im letzten Satz des Cellerarkapitels gibt Benedikt das Ziel des Führens an. Es heisst: "Zur bestimmten Zeit gebe man, was zu geben ist, und erbitte, was zu erbeten ist, damit im Hause Gottes niemand verwirrt oder traurig wird." Es geht um das Gespür für das "Geheimnis der rechten Zeit". Mensch und Zeit müssen zusammen passen, damit auf Dauer eine sinnvolle und effiziente Arbeit möglich ist. Es geht Benedikt nicht um Gewinnmaximierung, sondern um die einzelnen Menschen. Die Führungsperson soll ein Klima schaffen, in dem Gott erfahrbar wird. Sich gegenseitig zu achten und ernst zu nehmen sind deshalb für das Arbeitsklima sehr wichtig.

 

1 Die Regeln des heiligen Benedikt; Beuron: Beuroner Kunstverlag; 4. Auflage, 1990; Regeln 31 und 34