NĂ€her zum "Unser Vater"

von Martin Forster | 15.02.2011

Das «Unser Vater» wird oft routinemÀssig heruntergebetet. Vielen Christen ist es sogar fern. Was in diesem zeitlosen «Herrengebet» an geistlicher Dynamik steckt, zeigt der Theologe Martin Forster anhand von Texten von Romano Guardini auf.

Martin Luther schrieb 1535 eine wunderschöne Anleitung zum Beten. In dieser legt er das «Unser Vater» aus. In seiner unnachahmlichen Sprache sagt er:

«Denn ich sauge noch heutigen Tages an dem Paternoster wie ein Kind, trinke und ess an ihm wie ein alter Mensch, kann daran nicht satt werden. Es ist mir auch ĂŒber den Psalter, den ich doch sehr liebhabe, das allerbeste Gebet1.»

Wenn ich heute junge Christen nach dem «Unser Vater» frage, tönen die Antworten ganz anders. Ihr Bezug zum «Unser Vater» ist distanziert. Die Bedeutung dieses Gebetes wurde mir bewusst, als wir im Hauskreis einen geistig behinderten Menschen hatten, der mit unseren freien Gebeten nicht zurecht kam. Er konnte sich die Anliegen der Einzelnen nicht merken. Indem er aber am Schluss mit uns das «Unser Vater» betete, konnte er sich an der Gebetsgemeinschaft beteiligen.

In den letzten Monaten habe ich mich vertieft mit dem «Herrengebet“ beschĂ€ftigt. In meiner wöchentlichen Stille liess ich mich von den Gedanken Romano Guardinis zu diesem Gebet inspirieren.2 Ich lade Sie nun zu einem Spaziergang durch das “Unser Vater» mit Zitaten von Guardini und einigen Gedanken von mir ein.

Unser Vater...

«Zum Vater des Herrengebetes gelangen wir nur an der Hand Jesu Christi. Sobald wir sie loslassen und aus der Unmittelbarkeit unseres GefĂŒhls â€čVaterâ€ș sprechen, zerrinnt alles.» (Guardini, S. 15)

Schon vor Jahrzehnten wurde die «vaterlose Gesellschaft» verkĂŒndet. Heute gibt es wieder die «neuen VĂ€ter». Beim Wort «Vater» haben die einen Horrorvorstellungen, und die anderen erinnern sich an eine behĂŒtete Kindheit. Guardini verwehrt uns den Weg zum Vater ĂŒber unser GefĂŒhl. Nicht unsere Erfahrungen mit dem eigenen Vater fĂŒhren zum «Vater im Himmel», sondern Jesus Christus. Er hat Gott «Abba» genannt. Nur Jesus Christus kann uns den Weg zum himmlischen Vater zeigen.

... im Himmel!

«Gerade weil Er nicht zur Welt gehört, kann er sich ihr ĂŒberhaupt erst zuwenden, wie das Evangelium es uns verkĂŒndet, nĂ€mlich in einer Liebe, die sich selbst schenkt.» (S. 32)

Manchmal leiden wir darunter, dass Gott weit weg ist. Diese Distanz Gottes zur Welt hat aber auch Vorteile. Gott ist nicht Teil dieser Welt wie ein Auto oder ein Haus. Der Vater im Himmel wendet sich uns zu. Ein Schiedsrichter kann ein Fussballspiel fair leiten, weil er nicht Mitspieler ist. Wer einmal lÀngere Zeit im Ausland lebte, weiss, dass sich die Liebe zur Heimat dann vertiefen kann.

Geheiligt werde dein Name.

«Es erinnert uns daran, dass unser Dasein, wir mögen uns dessen bewusst sein oder nicht, mögen zustimmen oder widerstreben, bis in die Tiefe durch unser VerhÀltnis zu Gott bestimmt wird.» (S. 50)

Als moderne oder postmoderne Menschen leben wir gerne in getrennten Welten. Auf der einen Seite suchen wir unseren Platz in der Gesellschaft. Wir suchen nach – christlich gezĂ€hmtem – Erfolg im Beruf und in der Familie. Auf der anderen Seite leben wir in der christlichen Subkultur. Die Gesellschaft hat uns gelehrt, dass Religion Privatsache sei, ansonsten errege sie Widerspruch. Das «Unser Vater» lehrt uns, dass sich unser Dasein nicht in zwei hermetisch getrennte Sektoren einteilen lĂ€sst. Unsere Existenz ist an jedem Punkt von unserem VerhĂ€ltnis zu Gott bestimmt. Unser ganzes Leben soll Gottes Namen heiligen.

Dein Reich komme.

«Das Reich Gottes kommt von Gott, und seine Verwirklichung ist Gnade; aber es ruft die Freiheit des Menschen an, so hÀngt sein Anlangen von dessen Entscheidung ab.» (S. 71)

Die Botschaft, mit der Jesus aufgetreten war, lautete: «Kehrt um, denn das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen» (Mt 4,17). Dieses Reich gehört Gott und kommt von Gott. Daran besteht kein Zweifel. Das Reich setzte sich aber nicht mit imperialistischer Macht durch. Die entsprechenden Versuche in der Geschichte der Kirche sind allesamt Ă€usserst problematisch. Wir sind zur Mitarbeit am Reich Gottes aufgerufen. Wir tragen Mitverantwortung fĂŒr das Kommen des Reiches. Das ist eine grosse Herausforderung.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.

«Wie es nun damit stehen möge – die Welt ist Verwirklichung von Gottes Wille. Endliches Sein ist wesenhaft Gehorsam.» (S. 99)

Wir bitten, dass Gottes Wille geschehen möge. HĂ€ufig stellen wir uns darunter vor, dass sich damit auch unser Wille erfĂŒllt. Guardini stellt diesem reibungslosen Denkmuster einen «kratzigen» Satz gegenĂŒber: «Endliches Sein ist wesenhaft Gehorsam.» Einen solchen Satz halten wir fast nicht mehr fĂŒr zumutbar. Hier taucht ein Wort auf, das wir schon fast aus dem Wortschatz gestrichen haben. Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung sind postmoderne Schlagworte. Es ist gut, dass Christen auch fĂŒr sich selber Sorge tragen. Dabei darf nur nicht vergessen gehen, dass wir Geschöpfe sind. Die Beziehung zu Gott ist nicht ein Luxusartikel fĂŒr einige religiös veranlagte Menschen, sondern gehört zum Lebensnotwendigen. In prosaischer Sprache heisst diese Beziehung «Gehorsam».

Unser tÀgliches Brot gib uns heute.

«Der Christ im Sinne Jesu darf eigentlich nur das besitzen, worum er auch guten Gewissens den Vater bitten kann.» (S. 110)

Die bekannte Bitte um das tĂ€gliche Brot spitzt Guardini auf die Frage nach unserem Besitz zu. Wieviel besitzen wir? Könnten wir Gott guten Gewissens um das bitten, was wir schon haben? Oder sind wir hoffnungslos Â«ĂŒbersĂ€ttigt»?

Und vergib uns unsere Schuld, ...

«Vergebung ist die Liebe, wo sie auf die Schuld trifft.» (S. 135)

Diese ErklÀrung zur Bitte um Vergebung muss man sich langsam auf der Zunge zergehen lassen. TÀglich werden wir mit schuldhaftem Verhalten konfrontiert. Menschen werden an uns schuldig. Wir werden an anderen Menschen schuldig. Wie reagieren wir, wenn uns im Alltag Schuld begegnet? Wenn uns die Liebe bestimmt, dann reagieren wir mit Vergebung. Als mir diese «soziale Logik» aufging, musste ich zuerst einmal leer schlucken. Meine automatisierte Reaktion auf Schuld ist Bestrafung oder zumindest Zurechtweisung. Vergebung kommt erst hinterher.

... wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

«Dem Freunde muss, man möchte sagen, «vergeben» werden, dass er ist, wie er ist, soll die Freundschaft nicht nur bestehen bleiben, sondern wachsen.» (S. 136)

In einer Beziehung stellt es sich frĂŒher oder spĂ€ter heraus, dass der Freund oder die Partnerin ein anderer Mensch ist. Anders als ich ihn mir vorgestellt habe. Er ist anders als ich. Er braucht zum Beispiel nicht so viel NĂ€he wie ich. Eine Beziehung kann nur dann weiterbestehen, wenn wir dem Anderen sein Anderssein vergeben können. Durch diesen mutigen Akt können wohl einige Alltagskonflikte besser bewĂ€ltigt werden.

Und fĂŒhre uns nicht in Versuchung, ...

«FĂŒhre uns nicht in Versuchung, wie auch wir nicht versuchen wollen unseren NĂ€chsten.» (S. 148)

Es gibt spannende theologische Diskussionen ĂŒber diese Bitte. Guardini ergĂ€nzt die Bitte entsprechend der Vergebungsbitte. Jetzt sind wir herausgefordert. Wie wir Gott bitten, dass er uns nicht in Versuchung fĂŒhre, so wollen auch wir unserem NĂ€chsten gegenĂŒber handeln. Achte ich auf die Auswirkungen meines Redens und Handelns? FĂŒhrt es einen anderen Menschen in Versuchung? Wer mit einem ehemaligen Alkoholiker ein Glas Wein trinkt, fĂŒhrt ihn in Versuchung. Es gibt viele Alltagssituationen, wo wir andere Menschen in Versuchung fĂŒhren können.

... sondern erlöse uns von dem Bösen.

«Dass der Wille zum Echten, Wahren, Guten immerfort vom TrĂŒgenden und Zerstörenden durchkreuzt wird, macht ja unser Dasein so unbegreiflich.» (S. 177)

Es gibt Menschen guten Willens. Das ist keine Frage. Das Tragische ist aber, dass der gute Wille immer wieder vom Bösen besiegt wird. Das können wir in der Welt der Politik oder auch in unserem eigenen Leben beobachten. Wir können das Böse weder wegerklĂ€ren noch evolutionĂ€r ĂŒberwinden. Die ersten Kapitel der Bibel beschreiben unsere Tragik. Manchmal können wir darĂŒber nur mit den Psalmbetern klagen (Ps. 130). Immer dĂŒrfen wir aber auf Jesus Christus schauen, der uns vom Bösen erlöst hat.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

«Jedenfalls aber hat – und das muss unsere letzte Einsicht sein – Gottes Urteil ĂŒber die Ewigkeit den Charakter der Gnade.» (S. 188)

In der Schlussdoxologie loben wir Gott und vertrauen uns seinem Urteil an. Vieles ĂŒber die Zukunft wissen wir nicht. Aus der Bibel kennen wir aber Gott und seine Art. Gott ist gnĂ€dig und barmherzig (2 Mose 34,5-8). Am Schluss steht keine Horrorvision. Es wird ein Gericht geben, bei dem Gott der gerechte Richter sein wird. Das Ende wird aber die neue Schöpfung sein, und sie wird die Gnade Gottes widerspiegeln. Wir mĂŒssen nicht Allversöhner sein, um diese Perspektive zu sehen. Wir mĂŒssen nur die Bibel bis zum letzten Kapitel ĂŒber das neue Jerusalem durchlesen. Amen, so sei es.

 

1 Martin Luther (1483 - 1546), Eine einfĂ€ltige Weise zu beten, fĂŒr einen guten Freund (1535), in: M. Luther, Kirche und Gemeinde, Luther Deutsch, Band 6, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1983, S. 211
2 Romano Guardini (1885 - 1968), Gebet und Wahrheit, Matthias-GrĂŒnewald-Verlag, Mainz, 1988

 

Zuerst erschienen in BST 1/2011