Nährende Spiritualität

Nährende Spiritualität

von Ruth Maria Michel | 06.11.2001

Mein geistliches Leben befindet sich immer in einer Spannung zwischen dem „Schon-Jetzt“ und dem „Noch-Nicht“. Gott ist mit mir, und doch spüre ich immer wieder einen Abstand zu Gott; noch lebe ich im Glauben, nicht im Schauen. Auf der anderen Seite ist Gott da – jetzt, heute – im Heiligen Geist, im Mitmenschen.
Zwar bin ich durch den Heiligen Geist erneuert worden – und doch ist noch viel von der „alten Eva“ in mir. In diesem Spannungsfeld ist meine Lebensaufgabe als Christin, spirituell, d.h. geistbegabt und geistgeleitet, zu leben.

„Mein Glaube ist nur ein brüchiger Steg über Abgründen; der nächste Windstoss schon kann ihn spurlos mit sich hinwegreissen. Vertrauen ist nicht ein Wort meiner Muttersprache. Noch heute reisse ich mir die Hände daran wund.
Du aber, Herr, hast mir Brücken gebaut über den Tiefen. Deine Hand führt mich sicher zu Dir. Du überwindest mein Ur-Misstrauen. Ich fürchte nicht mehr mein Unvermögen. Ich freue mich Deiner Kraft.“


Diese Gedanken1 einer ehemaligen Spitalseelsorgerin drücken aus, was für mich christliche Spiritualität bedeutet: Jeden Tag neu diese Hand suchen, Gott meine Hand geben, mich an der Hand nehmen lassen.

Geistliches Leben

Das Wort Spiritualität leitet sich vom lateinischen „spiritus“ her und heisst Geist (gr. „pneuma“). Von der Bibel her erklärt sich christliche Spiritualität wie folgt: Wer sich mit Jesus Christus verbindet, tritt in die Sphäre des Geistes ein2. Dass ich glauben kann, ist eine Folge des Wirkens des Heiligen Geistes. Erfülltes, fruchtbares Leben ist die Verheissung3 für ein Leben in Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott, der sich mir in Jesus Christus offenbart hat. Diese Frucht geht ebenfalls auf das Wirken des Heiligen Geistes zurück.

„Pneumatikos“, also „geistlich“ zu sein, ist wie ein Terminus technicus für meine christliche Existenz. Es geht um mein „geistliches Leben“; um meine persönliche Beziehung zu Gott und um meine Antwort auf das Wort Gottes in Jesus Christus. Der gekreuzigte Auferstandene ist Immanuel – Gott mit mir.

Spiritualität von unten

Anselm Grün4 spricht von einer „Spiritualität von oben“, die bei den Idealen ansetzt, die ich mir selber von meinem geistlichen Leben mache. Sie geht von Zielsetzungen aus, die in der Bibel vorgegeben sind und die ich durch viel Gebet und Anstrengung erreichen zu können meine.
Die Gefahr dabei: Wer hauptsächlich die Ideale sieht, verdrängt häufig seine Wirklichkeit, die diesen Idealen nicht entspricht. Das kann dazu führen, dass Menschen unter starken (frommen) Leistungsdruck geraten, innerlich gespalten, auf lange Dauer vielleicht sogar krank werden.
Jesus hat keine Stufenleiter der Vollkommenheit aufgestellt, auf der man Sprosse um Sprosse hinaufsteigt, um zu Gott zu gelangen; er ist den Weg zu uns gegangen, ist selber der Weg zu Gott für uns Menschen geworden: einen Weg in die Tiefe, einen „Weg nach unten“.

Eine Spiritualität von unten versteht sich als Weg der Selbsterkenntnis, der davon ausgeht, dass ich den „wahren Gott“ immer besser kennen lerne, wenn ich meine Gedanken und Sehnsüchte, meine Verletzungen und Schwächen, mein ganzes Erleben wahrnehme und mich frage: Wo bist du da, Gott? Was willst du mir dadurch sagen? Wo kann ich (trotzdem) deine Spuren erkennen? Wenn ich den Mut zur eigenen Wahrheit aufbringe und mich im Prozess der Selbsterkenntnis von Gott an der Hand nehmen lasse, werde ich zunehmend Verwandlung erleben und Gott erkennen.

Der Weg zu Gott führt oft über Umwege, über Scheitern und Enttäuschung über mich selbst, über andere, ja sogar über Gott. Nicht mein Gut-Sein ist es, das mich vor allem für Gott öffnet, sondern meine Schwäche und mein Mangel, meine Ohnmacht und meine Sünde. Da wird mir bewusst, dass ich einen Erlöser brauche, der mich annimmt wie ich bin, mich aber nicht so lassen will wie ich bin!

Alles hat seine Zeit

Damit der Geist wirken kann, braucht es immer wieder auch Zeiten der Stille. Dabei ist es hilfreich zu wissen, wozu ich mehr neige – und dementsprechend „Gegensteuer“ geben sollte: Bin ich mehr ein Aktionstyp, der gern mit Leuten zusammen ist und viel Energie zu Unternehmungen hat, oder ein Kontemplationstyp, den es zum Alleinsein in die Einsamkeit und in die Stille zieht?
Zu einer gesunden Spiritualität gehört unabdingbar der Wechsel von Arbeit – Gebet – Freizeit, von Tun und Lassen, von Allein-Sein und Beziehungen-Pflegen. Ich bin herausgefordert, Ausgeglichenheit zu suchen. Auch zu viel des Guten ist ungesund!

Was fördert Glaube, Hoffnung, Liebe? Was ist eigentlich der treibende Motor in meinem Leben? Wie oft bete und arbeite ich nicht aus einer (unbewussten) Angst heraus: Genüge ich Gott? Werde ich mir und anderen gerecht?
Wenn Gottes innerstes Wesen Liebe ist (1. Johannes 4,9) und wir Menschen sein Ab-Bild sind, ist Angst keine empfehlenswerte Ratgeberin und Motivatorin. In meinem Beten und Arbeiten, Geniessen und Verzichten, Tun und Lassen, Beziehungen-Pflegen und mich Engagieren ist eine hilfreiche Prüffrage: Fördert oder hindert es Freude, Glaube, Hoffnung, Liebe – oder führt es zu Resignation, Vereinsamung, Groll? Befreit es mich zum Leben?

Dazu gehört auch die Gedankenhygiene: Wie gehe ich mit meinen Gedanken um? Gedanken der Freude, Liebe, Begeisterung, Traurigkeit, Lustlosigkeit, Unruhe, Ruhmsucht, Angst, Zorn gehören ganz natürlich zu meinem Leben. Mir hilft es, am Abend zu üben, diese Gedanken und Gefühle wahrzunehmen und mich dann zu fragen: Was davon soll Raum gewinnen in meinem „Innenleben“? Was will ich „kultivieren“?
Vor Gott darf ich alle Gedanken zulassen, zur Sprache bringen, prüfen. Manche muss ich genauer anschauen um herauszufinden, woher sie kommen und was sie mir über mich sagen. Es gilt: Nicht verdrängen aber mich von jenen Gedanken trennen, die auf lange Sicht nicht „das Gute nach-denken“ (Römer 12,1; Epheser 4,24-32; Hebräer 5,14; 2. Korinther 10,6). Dies ist eine geistliche Aufgabe. Als Christin bin ich zutiefst auf die Gnade angewiesen; ich bin begnadigt und darf darum zu mir und zu anderen gnädig
sein. Das fängt in meinen Gedanken an.

Geistliche Begleitung

Hilfreich für das geistliche Leben ist die regelmässige Begleitung durch eine im Glauben erfahrene Person. Vieles verbergen wir hinter Masken und Rollen. Geistliche Begleitung und Seelsorge setzt von mir als Begleiterin Wohlwollen, seelisches und psychologisches Einfühlungsvermögen, Sachkompetenz und ein geistliches Gespür für die Haltung des zu Begleitenden vor Gott voraus. Es ist meine Aufgabe, mein Gegenüber in Kontakt mit seiner eigenen Erfahrung zu bringen, ihm zu eigenem Urteil und zu eigener Entscheidung zu verhelfen und ihm praktische Hilfe zu vermitteln, damit er „hörend“ wird auf sein innerstes Ich und die Führung des Geistes. Dabei will ich viel mehr inspirieren als konfrontieren, indem ich ermutige, Fragen stelle, Hinweise gebe, Wegbegleiterin bin.

Es geht darum, dass der Lebens- und Glaubensprozess des Einzelnen zur Sprache gebracht und von Gott her gedeutet wird. Voraussetzungen von Seiten des zu Begleitenden sind deshalb Bereitschaft zu Ehrlichkeit und Lebenswahrhaftigkeit5, der Wunsch, Gott zu suchen, und Offenheit.
Entscheidend wichtig ist, dass es „nicht zuerst um moralische Vollkommenheit, sondern um die Begegnung mit Gott“ geht6 .
Ganz, echt, lebendig, Mensch sein – das ist das Ziel Gottes mit seinem Geschöpf. Die menschliche Situation ernst zu nehmen heisst: die Grundbedürfnisse und Grundsehnsüchte des Menschen zur Kenntnis nehmen und sie zulassen. Wenn ich auf dem Weg der Gottesbegegnung zuerst mir selber begegne, begegne ich auch meinen dunklen Seiten, meinem Unvermögen, meiner Sünde. Ich soll sie nicht einfach weg- bzw. verdrängen oder sie wegzubeten versuchen, sondern sie anschauen und mich fragen, was darin in mir leben möchte7.
Dort, wo wir es wagen, echt zu sein – gerade dort will uns Gott begegnen. Jesus ist am Kreuz gestorben, damit ich von Schuld entlastet werden kann; damit ich mit der Hilfe des Heiligen Geistes die „Schatten“ in mir nicht mehr verdrängen oder auf andere projizieren muss, sondern die Verantwortung dafür übernehme und mich umwandeln lasse.

Echte Gemeinschaft

Jeder Mensch trägt tief in sich das Verlangen, von einem anderen Menschen ganz verstanden, angenommen und bestärkt zu werden. Jeder kennt auch die Angst, zurückgestossen zu werden, nicht angenommen zu sein. Wenn ich von Spiritualität rede, rede ich nicht nur von der Beziehung zwischen Gott und mir, sondern immer auch von der Beziehung zwischen meinen Mitmenschen und mir!

Wo wir die Erfahrung von Offenheit und Echtheit nicht machen können, wo wir nicht wirklich sein dürfen, wer wir letztlich sind, laufen wir in Gefahr, dass uns Spiritualität, die Nähe des Geistes, verloren geht. Natürlich kann Vertrauen nicht gefordert werden. Vertrauen kann wachsen, ist ein Geschenk, und für Vertrauen kann man sich ein Stück weit auch entscheiden. „Der Dünger einer Gemeinschaft, das ist die Menschlichkeit ihrer Mitglieder“8.
Sind unsere Freundschaften, Gemeinden und Gruppen Orte, wo ich von meinen freudigen Erfahrungen mit Gott und meiner tiefer gewordenen Beziehung zu ihm schwärmen, aber auch von meinen Zweifeln an Gottes Allmacht und Gerechtigkeitssinn sprechen kann? Darf ich mich hier über meine Stärken freuen und sie einbringen, aber auch und offen über meine Schwächen erzählen? Gibt es Platz für meine Erfolge und schönen Erfahrungen, darf ich aber auch von meinen Minderwertigkeitsgefühlen reden?

Mut zu Bescheidenheit und Lebensfreude

Mein Leben ist ein Fragment. Vollkommen wird es erst in der Ewigkeit sein. Christliche Spiritualität nimmt die Realität des Alltags an, die oft nüchtern ist und aus tausend Kleinigkeiten besteht.
Dabei gehören auch Zweifel zu meinem Leben, und ich bin dankbar, immer wieder beten zu dürfen: Herr ich glaube, hilf meinem Unglauben. Und in allem nicht zu vergessen: Wenn Gott der Schöpfer ist, gehört zur Spiritualität auch, dass ich mich seiner Schöpfung freue – zu der auch ich gehöre – sie geniesse und in der Gebundenheit an Jesus Christus mein Leben in zunehmender Freiheit führe. Denn: Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.

Anregungen zur persönlichen Besinnung oder zum Gespräch in Gruppen

Das Sehnen nach Gott treibt den Menschen auf die Suche. Welchen Weg habe ich eingeschlagen?

  • Was ist im Moment meine tiefste Sehnsucht (physisch, seelisch, geistlich)? Wie und mit welchen Möglichkeiten versuche ich sie zu erfüllen? Woher kommt diese Sehnsucht? Wer oder was hat sie geweckt (Wurzel)?
  • Weitere Sehnsüchte?
  • Welche Sehnsüchte haben sich in meinem Leben schon erfüllt? Wie?


Suchen – sich sehnen...
...nach Annahme,

...nach Liebe

...nach einem Sinn im Leben, der auch Krisen übersteht, der auch den Tod überdauert – das führt zur Suche nach Transzendenz

...nach Gott

„Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir,Gott”9

  • Wie kann mein Tun, Lassen und Sein meine Gottesbe- ziehung hindern oder fördern?
  • Welche Erwartungen an Gott sind berechtigt? Welche unberechtigt?
  • Was gehört im Wesentlichen zur Gottesbeziehung?
  • Wie würde ich im Moment meine Gottesbeziehung beschreiben?
  • Wer oder was hat meine Gottesbeziehung (mit)geprägt? Wie wirken sich diese Prägungen in meinem Leben aus (Kirche, Gemeinde, Eltern, Lehrer, Freunde, Bibel, Bücher ...)?


1 aus: Naegeli, Antje Sabine (Theologin und Existenzanalytikerin). „Ich spanne die Flügel des Vertrauens aus“. Verlag am Eschbach, 2000, ISBN 3-88671-100-5

2 zitiert aus: Müller, Wunibald. „Was uns wirklich nährt“. Mainz; Grünewald-Verlag 1997, ISBN 3-7867-2052-5

3 Grün/Dufner. „Spiritualität von unten“. Münsterschwarzacher Kleinschrift, Nr. 82, 1994

4 Vier-Türme-Verlag

5 vgl. Schneider, Michael. „Das neue Leben – Geistliche Erfahrungen und Wegweisung“. Herder, 1987

6 do; 14/1

7 do; 16/2

8 Rück, W. „Gott finden“, S 45

9 Augustin, Confessiones

Zuerst erschienen in BST 8/2001