Nur was verbindet, bildet

Nur was verbindet, bildet

von Daniel Kummer | 15.05.2011

Weltanschauliche √úberzeugungen wirken sich besonders stark in der P√§dagogik aus. Dies liegt daran, dass Schule und Erziehung auch in einer wertepluralen Gesellschaft die widerspr√ľchlichen Anliegen der √§lteren Generation an die j√ľngere weitergeben wollen.

In der Politik ist einmal mehr ein Streit dar√ľber entfacht, was in der Schule vermittelt werden soll. Er wird die Entwicklung der Schule beeinflussen. Die im politischen Schlagabtausch verwendeten Bilder und Vergleiche spiegeln weltanschauliche Annahmen √ľber Bildung wider, die f√ľr das Lernen nicht hilfreich sind.

Bildung muss die weltanschaulichen Wurzeln klären

Auf der ostafrikanischen Insel Sansi¬≠bar haben Fischer jahrelang mit Dynamit gefischt und damit die Korallenriffe, in denen die Fische laichten, zerst√∂rt. Die K√ľstenregion wurde fast leergefischt. Verschiedene Umweltorganisationen versuchten w√§hrend Jahren, die Fischer zu stoppen. Die Regierung bem√ľhte sich erfolglos, die Dynamitfischerei zu verbieten.

Vor einem Jahr stellten die Fischer innert 24 Stunden das Dynamitfischen ein. Wie war das m√∂glich? Geschah ein schlimmer Unfall, wurde mit h√§rteren Strafen gedroht? Nein, ein Seminar, in dem die von Gott gegebene Verantwortung des Menschen gegen√ľber der Sch√∂pfung Thema war, l√∂ste einen radikalen Gesinnungswandel aus. Faslun Chalid, der Gr√ľnder der islamischen Stiftung f√ľr √Ėkologie und Umweltwissenschaften in Birmingham, erkl√§rte den Fischern, dass Gott alles erschaffen habe, damit wir essen und leben k√∂nnen. Gott erwarte aber auch, dass wir nichts verschwenden. Diese Botschaft leuchtete den Fischern auf Sansibar ein, weil sie ihrer Weltanschauung entsprach. Die Erkenntnis wurde umgehend in die Tat umgesetzt. Die Ver√§nderung erwies sich als nachhaltig, die Fischer erlernten und akzeptierten neue Befischungsmethoden.

Erfolgreiche Bildung

Bildung, die beim Werte- und Glaubenssystem eines Menschen ankn√ľpft, kann einen radikalen Wandel bewirken und nachhaltige Bildungsprozesse in Gang bringen. Wenn im Bereich, der uns unmittelbar angeht, in den existenziellen Referenzpunkten und Zugeh√∂rigkeiten eine neue Erkenntnis auftritt, √§ndert sich die ganze Lebensausrichtung und damit auch die Weltanschauung eines Menschen. Er teilt Zeit und Geld anders ein, neue Beziehungen werden wichtig, seine Lebensverankerung bekommt eine neue Richtung. Es vollzieht sich eine radikale Umkehr, im guten Fall eine ¬ęBekehrung zum Leben¬Ľ!1

Der Indien-Missionar und Missiologe der Kirche von Schottland, Lesslie Newbigin, erkl√§rte, wie unsere Argumentationen auf Selbstverst√§ndlichkeiten aufbauen, die nicht hinterfragt werden, weil die Erkl√§rungen und Begr√ľndungen ¬ęselbstverst√§ndlich¬Ľ scheinen: ¬ęVon einer ‚ÄĻErkl√§rung‚Äļ sprechen heisst, von diesem letzt¬≠g√ľltigen Bezugs¬≠rahmen, von Massst√§ben und Voraussetzungen zu sprechen, die einen Sinn im Leben erkennen lassen. Eine Erkl√§rung greift nur innerhalb eines angenom¬≠menen Bezugsrahmens, der selbst keiner Erkl√§rung bedarf.¬Ľ2 Haben wir als Gesellschaft noch einen solchen existenziellen Bezugsrahmen, der √ľber wirtschaftliche und technisch-naturwissenschaftliche Bez√ľge hinausgeht? Ich wage es zu bezweifeln. Wie aber k√∂nnen wir dann junge Menschen bilden?

Bilden ist nicht herstellen

Vor allem in der politischen Diskussion wird ein Bildungsverst√§ndnis sichtbar, das von vereinfachten, ja falschen Annahmen ausgeht. Dies wird an den dabei verwendeten Bildern deutlich. Man tut so, als ob Bildung ein Herstellungsprozess w√§re. Der leere Kopf des Kindes wird mit allerlei geistigem Futter aufgef√ľllt wie Saftflaschen in der Fabrik. Heute bezweifelt in der Forschung niemand mehr, dass ¬ębilden¬Ľ mehr als ¬ębef√ľllen¬Ľ eines leeren Gehirns ist. Bildungsinhalte sind nicht Kleider, die man kaufen und dem Kind anziehen kann. Selbst das ist ja manchmal alles andere als einfach, wenn man sich √ľber die Aussentemperatur nicht einig ist! Insofern brauchen wir eine politische √Ėffentlichkeit, die diese Herstellungsmentalit√§t im Gespr√§ch √ľber Schulbildung ablegt. Viel passender sind Bilder, die aus dem Beziehungsgeschehen statt aus der Konsumwelt kommen. Bildung entsteht dann nachhaltig, wenn Kindern etwas lieb gemacht wird, wenn man sie f√ľr etwas begeistern kann und sie wichtige Erfahrungen machen. Damit etwas h√§ngen bleibt, m√ľssen sie etwas ¬ęnachh√§ngen¬Ľ k√∂nnen und Musse haben. Was nicht im Umfeld einer gewissen Begeisterung und stressfreien Vertiefung passiert, bleibt wirkungslos. Diese alte p√§dagogische Erkenntnis best√§tigte der Hirnforscher Gerald H√ľther 2009 in einem Vortrag in Freiburg mit neuesten Forschungsergebnissen.3

Machtkämpfe zerstören die Bildung

Dieses neue Verst√§ndnis der Bildung stellt hohe Anforderungen an Lehrpersonen, und es kann nur unter guten Rahmenbedingungen wirksam sein. Seit 200 Jahren ist die Schule eine √∂ffentliche Sache, und seither wird √ľber Ausrichtung und Priorit√§tensetzung ein Machtkampf gef√ľhrt. Am lautesten bl√§st im Moment die SVP zum Kampf. Dieser Machtkampf ist f√ľr den ¬ęBegeisterungsprozess der Bildung¬Ľ wenig hilfreich. Hilfreich ist allenfalls der aufweckende L√§rm. Aber Bildung braucht die Einheit der gemeinsamen √úberzeugungen. Uneinigkeit bildet nicht. Doch Politiker wollen im Detail etwas ver√§ndern und sich oft damit profilieren. Dabei drohen sie das Kind und die Bildung aus dem Blick zu verlieren.

Opferung des Bibelunterrichts

Eines der Opfer der Bildungspolitik ist der religi√∂se Bereich. Religi√∂se Themen in der Schule werden unter dem Vorzeichen diskutiert, dass Religion eine strikte Privatsache sei. So formuliert es auch die Nationalfondsstudie zu den religi√∂sen Einstellung von PH-Studierenden: ¬ęDie Neutralit√§tspflicht des s√§kularen Staates verlangt von gl√§ubigen Lehrpersonen, ihre religi√∂sen √úberzeugungen strikt privat zu halten.¬Ľ

Ist deshalb bekennen gleich diskriminieren? Trotz eines beliebten und gut funktionierenden Bibelunterrichts mit Abmeldem√∂glichkeit wurde dieser im Kanton Z√ľrich mit dem Argument abgeschafft, dass er nicht mehr zeitgem√§ss sei und die realen gesellschaftlichen Verh√§ltnisse nicht l√§nger abbilde. Dabei hat die Schule ja gerade nicht die Aufgabe, die gesellschaftlichen Verh√§ltnisse abzubilden. Wem k√§me es in den Sinn, ungesundes Essverhalten als gesellschaftliches Ph√§nomen in der Schule abzubilden und zu diesem Verhalten hin zu erziehen? Zwar gibt es auch in der Sexualerziehung neuerdings diese Tendenz. Aber sonst hat die Schule die Aufgabe, das F√§hnlein gerade gegen gesellschaftliche Trends hoch zu halten und eine Gegenkultur aufzubauen.

Weshalb diese Distanz zur Religion?

Der Lehrplan 21 sieht im religi√∂sen Bereich einen Religionsunterricht vor, der konsequent nur noch √ľber Religion redet, ohne Religion ¬ęlieb zu machen¬Ľ oder f√ľr Religion zu begeistern. Sicherlich, die Schule ist der religi√∂sen Neutralit√§t verpflichtet. Aber sie ist auch der politischen Neutralit√§t verpflichtet. So steht es w√∂rtlich in vielen kantonalen Verfassungen oder Schulgesetzen, und niemandem k√§me es in den Sinn, aus diesem Grund keine engagierte und zielgerichtete politische Bildung zu betreiben, ja sogar politische √úberzeugungen aufzubauen! Sch√ľler sollen f√ľr die Werte einer demokratischen Gesellschaft gewonnen werden und diese Werte im Alltag leben! Warum ist im religi√∂sen Bereich das Klima derart anders? Es gibt eine Neutralit√§t, die klar Position bezieht, ohne aber parteiisch zu sein. Auf genau diese Kultur waren wir in der Schweiz lange Zeit stolz. Denn Neutrale k√∂nnen vermitteln, weil sie unparteiisch sind, Abstinente k√∂nnen nur dankend ablehnen oder wegschauen!

Eltern, Kirchen und Gemeinschaften sind gefordert, daf√ľr zu sorgen, dass der Machtkampf um die Schule und den Religionsunterricht nicht dazu f√ľhrt, dass die Hoffnungsbotschaft des Glaubens Kindern vorenthalten wird und der Glaube ganz in den privaten Bereich abgedr√§ngt wird. Die Botschaft des Evangeliums soll f√ľr Eltern und ihre Kinder weiterhin erfahr- und w√§hlbar bleiben.

In diesem Sinn kommt christlichen Schulen in freier Tr√§gerschaft eine wesentliche Bedeutung zu. Freie Schulen haben den Vorteil, dass sie sich auf eine gemeinsame weltanschauliche Basis abst√ľtzen k√∂nnen und es nicht allen recht machen m√ľssen, sondern verbinden und bilden k√∂nnen. Diese √úberzeugung hat sich in vielen nordeurop√§ischen L√§ndern vor Jahrzehnten breit durchgesetzt, so dass auch private Schulen teilweise oder vollst√§ndig durch die √∂ffentliche Hand finanziert werden. Das w√ľnsche ich auch unserer Schweiz, zum Wohl der Kinder und ihrer Bildung!

 

1 Jim Wallis: Bekehrung zum Leben. Nachfolge im Atomzeitalter, Brendow 2001.

2 Lesslie Newbigin: Salz der Erde, Fragen an die Kirche heute. Schriften­mis­sions­verlag, Neukir­chen-Vluyn 1985, 20f

3 Gerald H√ľther: Ohne Gef√ľhl geht gar nichts! Worauf es beim Lernen ankommt. Auditorium Verlag, M√ľllheim 2009.

4 Stinen, A. und B√ľhler, C.: Lehrerinnen- und Lehrerausbildung zwischen Beruf und Berufung. www.nfp58.ch/files/downloads/NFP58_SS14_Stienen_de.pdf

 

Zuerst erschienen in BST 2/2011