Ora et labora – den Einklang von Gebet und Arbeit suchen

Ora et labora – den Einklang von Gebet und Arbeit suchen

von Benedikt Walker | 18.07.2011

Das Motto der Benediktinermönche öffnet uns den Weg zu einem Leben, das Glaube und Alltag zusammenbringt.

Ich erinnere mich gut an die Nacht, in der meine Mutter starb. Ich war im Endspurt meiner Diplomarbeit und wollte bald mit einer Doktorarbeit beginnen. Am Todesbett hinterfragte ich meine Motivation. FĂŒr welche Ziele investiere ich meine Energie? Wie wirkt sich mein Christsein auf meinen Berufsalltag aus? Worin unterscheidet sich ein christlicher Wissenschaftler von einem, der nicht an Gott glaubt? Diese Nacht war der Anfang einer Reise, auf der ich auch den benediktinischen Leitsatz "ora et labora - bete und arbeite“ entdeckte.
GemĂ€ss der benediktinischen Tradition ist es das Ziel des Lebens, dass in allem Gott verherrlicht wird (1. Petrus 4,11; Epheser 1,4b-6; Epheser 1,12). Arbeit und Gottesbeziehung hĂ€ngen eng zusammen – "ora et labora" umschreibt das. Es trennt den Alltag nicht in zwei unabhĂ€ngige SphĂ€ren von "gottgefĂ€llig" und "profan", sondern hilft, Gott auch in der Arbeit zu finden und zu verherrlichen.

Zwei AuftrÀge

Das Motto "ora et labora" stellt zwei Pole im Leben des Menschen dar, fĂŒr die es in der Bibel klare AuftrĂ€ge gibt. Anselm GrĂŒn schreibt darĂŒber: "Die FĂ€higkeit, gut zu arbeiten, ist fĂŒr die Mönche ein Test, ob das geistliche Leben gesund und das Beten echt ist. Es ist ein geistliches Programm, ein Weg, Gott mitten in sein Leben hineinzulassen und ihm mitten im Alltag zu begegnen."

Die natĂŒrlichste Form des Betens bei der Arbeit ist sicher das spontane Aussprechen der Gedanken und GefĂŒhle vor dem gegenwĂ€rtigen Gott - unserem GefĂ€hrten bei der Arbeit. Eine Hilfe kann es auch sein, wenn das Beten an bestimmte Zeiten und Orte oder TĂ€tigkeiten gebunden wird - ein kurzes Gebet fĂŒr die SchĂŒler beim Betreten des Klassenzimmers oder beim Versenden einer Mail (das hat mich schon mehrfach gezwungen, einen Text zu ĂŒberarbeiten). Meine innere Gebetshaltung kann meinen Berufsalltag und mein Denken und Handeln verĂ€ndern.

Time-Out bei der Arbeit

Wenn ich meine Arbeit in Demut und Gehorsam Gott gegenĂŒber tue, hĂ€nge ich nicht so an ihr, sie macht mich weniger blind fĂŒr meine Mitmenschen und Gott. Weil ich im Dienst Gottes stehe, wird die Frage zweitrangig, welchen Dienst ich verrichten soll. Eine Übung, die mir dabei hilft, ist der Stundenschlag. Beim Glockenschlag zur vollen Stunde unterbreche ich die Arbeit fĂŒr 10 Sekunden. In diesem kurzen Time-Out danke ich Gott fĂŒr seine Gegenwart und bete fĂŒr die Menschen, die im Moment um mich herum sind. Obwohl die Unterbrechung nur zehn Sekunden dauert, murrt meine innere Stimme oft dagegen - höre ich aber den Ton, der mir ein neues Mail anzeigt, bin ich sofort im Posteingang!

Die Ehrfurcht vor Gott ist der SchlĂŒssel, um in der Schöpfung Gott zu entdecken. Sie verĂ€ndert meinen Umgang mit GegenstĂ€nden, Menschen und der Natur. In der Ehrfurcht verzichtet der Mensch auf das, was er sonst gern tut: In Besitz nehmen und fĂŒr eigene Zwecke gebrauchen. Geht die Ehrfurcht verloren, werden Menschen, Natur und GegenstĂ€nde auf Materie reduziert.

Grund der Ehrfurcht vor den Menschen ist der Glaube, dass uns in jedem Menschen Christus begegnen kann. Das beeinflusst meine Beziehungen. Wenn es gelingt, dem Leben des Einzelnen zu dienen, dann wird das auf Dauer auch am meisten Ertrag fĂŒr das Leben aller bringen.

Auch ich bin verleitet, im Eifer der Arbeit meine persönlichen Grenzen zu ĂŒberschreiten. Ein Missachten meiner KrĂ€fte fĂŒhrt oft zu Misserfolgen und kann in einer Erschöpfungsdepression enden. Mich ermutigt da ein Satz von Theresa von Avila: "Gott ist viel mehr daran interessiert, uns ganz zu gewinnen, als dass wir die ganze Welt fĂŒr ihn gewinnen."