"RĂ€ume zum Leben und zum Sterben"

von Fritz Imhof | 04.12.2009

Architektinnen und Architekten sind sensibilisiert fĂŒr die Wirkung von GebĂ€uden und RĂ€umen. Bei christlichen Architekten kommt ein besonderes Interesse fĂŒr die „vierte Dimension“ der RĂ€ume dazu. Der Fachkreises Architektur der VBG widmete ihr an seinem 20-jĂ€hrigen Bestehen eine Veranstaltung.

Der Theologe Wolfgang Bittner zeigte am 21. November in ZĂŒrich, wie die alten romanischen Kirchen eine klare Ausrichtung auf die Transzendenz hatten. Die dunklen KirchenrĂ€ume waren dominiert durch Fenster in der Apsis, die den Blick nach Osten in Richtung Jerusalem öffneten. Der folgende Baustil, die Gotik, holte das Transzendente stĂ€rker in den Raum. Eine neue Bautechnik ermöglichte dafĂŒr leuchtende GlaswĂ€nde. Dagegen wirken die RĂ€ume im  Barock und im Klassizismus platter und das „Transzendente“ verliert sich.

„Der Raum löst durch seine Gestaltung ein inneres Erlebnis in mir aus“, sagte dazu Wolfgang Bittner. „Jeder Raum verweist mich in etwas in mir.“ Das ist ganz besonders bei sakralen RĂ€umen der Fall, aber nicht nur.

Glaube im Raum

Interessant fĂŒr die christlichen Architekten sind sakrale RĂ€ume, weil sie als Einheit von Aussen- und Innenarchitektur gestaltet sind. Heute gewinne die „4. Dimension“ in RĂ€umen aber auch in profanen Bauten an Bedeutung, stellte Diserens in ihrem Referat ĂŒber RĂ€ume von der Romantik bis zur Gegenwart fest. Beispiele dafĂŒr seien die RĂ€ume, die nicht nur mit dem Kopf, sondern mit der Seele erfasst werden. Die Kombination von Lichteinfall, Farben und Form lasse uns in solchen RĂ€umen den Alltag vergessen. Beispiele dafĂŒr seien Museen, Restaurants oder Lichthöfe in öffentlichen GebĂ€uden.

Gemeinschaft statt Himmel

Dass moderne KirchenrĂ€ume die Transzendenz nicht mehr so stark betonen, ist fĂŒr Bittner nachvollziehbar. Neuere Kirchenbauten betonen oft viel stĂ€rker den Gemeinschaftsgedanken. Man sammelt sich – im Kreis oder Halbreis – um ein Zentrum. Dabei sollte aber die Ausrichtung bzw. Orientierung des Baus hin zur Transzendenz nicht vernachlĂ€ssigt werden, meint Bittner. Die Ausrichtung auf eine Kanzel bzw. Rednerpult oder den Abendmahlstisch sei zu wenig.

RĂ€ume zum Leben und zum Sterben

Das (Rund-)Zelt des Altertums war auf das Zentrum mit der Feuerstelle ausgerichtet. – „Der Gott des Alten Testaments war ein herumziehender Gott, ein Migrationsgott“, erlĂ€uterte Bittner. – Auch moderne WohnrĂ€ume sollten so gestaltet werden können, dass ein Zentrum entstehe. Noch besser sei es, wenn dieses auf verschiedene Weise gestaltet werden könne. Es gebe Wohnbauten, die nur eine oder gar keine Zentrierung ermöglichen, bedauerte Bittner.

Ordnung und FlexibilitÀt

Ein weiteres Kriterium fĂŒr einen guten Raum sei, so der Theologe: „Hilft mir der Raum, eine Ordnung zu finden?“. Es gebe viele RĂ€ume, „die sich jeder Ordnung verweigern“. Oder andererseits zu einer bestimmten Ordnung zwingen.
Gute Architektur, so Bittner weiter, zeichnet sich gleichzeitig durch die Prinzipien Ordnung und Aufmerksamkeit aus. Sie haben also eine klare und eine transparente Struktur und ermöglichen dem Betrachter dadurch EindrĂŒcke und Gedanken, die nicht vorgegeben sind. Das entscheidende Kriterium fĂŒr einen guten Wohnbau ist fĂŒr ihn: „Man soll nicht nur darin leben, sondern auch sterben können.“ WohnrĂ€ume, „die ein Wohnen erlauben, das uns die Zeit vergessen lĂ€sst.“ RĂ€ume hingegen, die keine Mitte bilden, „sind unmenschlich“, so Bittner.

Geld und Geist

In 20 Jahren hat sich innerhalb der VBG ein Netzwerk von Architekten und Architektinnen gebildet, die sich gegenseitig ermutigen und stĂ€rken. Reisen und Exkursionen, die bis nach Berlin oder New York fĂŒhrten, erweitern den Horizont der Mitglieder und vertiefen ihre Beziehungen.

Am Anfang stand aber ein Seminar von Anne-Lise Diserens zusammen mit dem Architekten Stephan Bleuel mit dem Titel „Im Spannungsfeld zwischen Selbstdarstellung und Dienst am Bauherrn“. Wie gehe ich mit der Spannung um, wenn die Vorstellung der Bauherrschaft nicht mit meiner ĂŒbereinstimmt? Wie bewahre ich da eine integre Haltung? Die Frage mĂŒsse oft ganz persönlich beantwortet werden, sei aber bis heute hoch aktuell geblieben, meinte ein Teilnehmer am JubilĂ€umsanlass. Man könne ja seine persönlichen Überzeugungen nicht wegen eines schönen Auftrags verraten.

Der Fachkreis Architektur

„Aus ganz persönlichem Interesse“ – wie sie einrĂ€umt – initiierte die VBG-Mitarbeiterin Anne-Lise Diserens, selbst Architektin den VBG-Fachkreis Architektur.

„Ich wollte mehr darĂŒber wissen, wie sich unser Christsein auch in diesem Beruf auswirken kann“, sagt Anne-Lise Diserens.

Durch die Auseinandersetzung mit Umweltfragen gelangte Anne-Lise Diserens persönlich zum Thema Schöpfung – und damit zum Glauben an den Schöpfer. Ökologisches Bauen wurde denn auch zu einem Schwerpunktthema des Fachkreises. Denn der sorgsame Umgang mit Energie und Materialien zeichne schöpfungsgemĂ€sses Bauen aus. Im Zeitalter des Klimawandels, ist das Thema noch aktueller geworden. Diserens rechnet vor: In den letzten 40 Jahren hat sich der WohnflĂ€chenverbrauch pro Person auf 50 m2 verdoppelt. „Wir stellen daher Fragen zu unserem Lebensstil und zu einem haushĂ€lterischen Umgang mit Boden und Ressourcen.“ Ein weiterer Schwerpunkt des Fachkreises sind  gemeinschaftliche und sozialen Wohnformen.