Religion an der Schule – Problem oder Chance?

Religion an der Schule – Problem oder Chance?

von Fritz Imhof | 10.11.2010

Nicht zu viel Religion an der Schule ist das Problem, sondern der religiöse Analphabetismus. Dies stellte ein Teilnehmer des Podiums in Bern fest, das die Vereinigten Bibelgruppen VBG zum Thema „Darf man in der Schule glauben?“ durchfĂŒhrten.

„Die Debatte um Religion im Klassenzimmer ist stark ideologisch geprĂ€gt“, stellte die VBG vor der Podiumsveranstaltung an der UniversitĂ€t Bern am 9. November fest. Viele Lehrpersonen seien daher verunsichert, sagte Matthias KĂ€gi, Vernetzer der PĂ€dagogikarbeit der VBG. Die VBG-PĂ€dagogikarbeit wollte daher Gegensteuer geben und zur KlĂ€rung beitragen. Sie lud nebst einer Religionskritikerin Fachleute aus Schule und Erziehungsdirektionen, einen Religionswissenschafter und eine Vertreterin der Muslime ein.

AufklÀrung in Gefahr?

Martina Meier, Gymnasiallehrerin fĂŒr Biologie und Initiantin der Arbeitsgruppe „Bildung und AufklĂ€rung“ machte gleich zu Anfang ihre Haltung klar: „Die Schule darf nur Wissen ĂŒber Religionen weitergeben, aber kein religiöses Bekenntnis. Aber dies werde besonders von freikirchlichen Christen immer wieder in Frage gestellt, zum Beispiel wenn sie im Biologieunterricht die Evolutionstheorie durch eine Schöpfungslehre ergĂ€nzt haben wollten.


Hans AmbĂŒhl, GeneralsekretĂ€r der Schweizerischen Erziehungsdirektorenkonferenz verwies auf Artikel 15 der Bundesverfassung, wonach jeder SchĂŒler das Recht habe,  religiösem Unterricht zu folgen. Er dĂŒrfe aber nicht gezwungen werden, einem religiösen Bekenntnis zu folgen oder einer Religion beizutreten. Bei vielen Schweizer Kindern herrsche daher „blanker Analphabetismus“ im Blick auf das religiöse Wissen, stellte AmbĂŒhl fest. „Religion geht als Bildungsgut schleichend verloren.“ Religion mĂŒsse daher im Lehrplan 21 einen klar definierten Platz erhalten.


Anton Strittmatter, Leiter der PĂ€dagogischen Arbeitsstelle der Schweizerischen Erziehungsdirektorenkonferenz bestĂ€tigte den Befund, wenn er sagte: „Wir sind in einem Zeitgeist der EinschĂŒchterung angekommen, wo Leute besserwissend an die Medien gehen“, wenn sie an der Schule etwas störe. Er bemĂ€ngelte die fehlende Dialogbereitschaft und stellte seinerseits fest, das Recht, ĂŒber Religion informiert zu werden, sei heute an vielen Schulen nicht mehr gewĂ€hrleistet. Das hat Folgen fĂŒr die Ethik, denn sie kann man nicht aus der Naturwissenschaft ableiten.

Christentum nicht auf KreuzzĂŒge reduzieren

So weit möchte sie es nicht kommen lassen, stellte auch Martina Meier fest. Wenn ĂŒber das Christentum gelehrt werde, mĂŒsse aber auch ĂŒber die KreuzzĂŒge und die Sonderbundskriege informiert werden. Den SchĂŒlern mĂŒsse klar gemacht werden, dass Errungenschaften wie die Religionsfreiheit nur in der Auseinandersetzung gegen das Christentum errungen worden seien.


Daniel Kummer, Leiter der Lehrerarbeit der VBG, möchte Religion aber nicht nur aus der Negativperspektive unterrichtet wissen. Das Fach „Religion und Kultur“, wie es heute im Kanton ZĂŒrich unterrichtet wird, sollte nur von LehrkrĂ€ften erteilt werden, die selbst eine christliche Überzeugung hĂ€tten.


Auch fĂŒr den Religionswissenschafter und Sektenkenner Georg Schmid gilt: „Man kann nur ĂŒber eine Religion reden, die man gerne hat.“ Jede Lehrperson sollte in der eigenen (christlichen) Tradition daheim sein und sich in einer weiteren gut auskennen. Sonst ĂŒberlasse er den Unterricht besser einer Kollegin oder einem Kollegen. SelbstverstĂ€ndlich dĂŒrfe kein SchĂŒler religiös unter Druck gesetzt werden.

Keine neutrale Ethik

Ethik mĂŒsse unabhĂ€ngig von Herkunft und Glaube unterrichtet werden, so die Forderung von Martina Meier. „Kann man ĂŒberhaupt neutral ĂŒber Religion informieren?“, fragte  Anton Strittmatter zurĂŒck. Man stehe vor einem „klassischen pĂ€dagogischen Dilemma“, wenn man ĂŒber religiöses Grundwissen und Werthaltungen unterrichte. Denn echte Bildung entstehe nicht einfach am Computer. „Es braucht dazu Seele“. Das bestĂ€tigte auch Georg Schmid: „Religion meint das LetztgĂŒltige, das letztlich auch das Leben bestimmt“. Insofern könne man Ethik und Religion nicht voneinander trennen.


„Wer will bestreiten, dass wir eine christliche Gesellschaft sind?“, warf Hans AmbĂŒhl ein. „Das muss man nicht verdrĂ€ngen. Das soll auch im Unterricht deutlich werden.“ Laut dem EDK-GeneralsekretĂ€r wird das Thema heute viel zu stark problematisiert.

Religiöse Identifikation nicht relativieren

Das religiöse Leben werde in der Schule oft relativiert, bestĂ€tigte Daniel Kummer. Wenn zum Beispiel die ZĂŒrcher Bildungsdirektorin Regina Aeppli fordere, Kinder sollten lernen, ĂŒber Religion in der dritten Person zu reden (Die Christen glauben, dass ...). „Weshalb soll keine Identifikation mit dem Glauben stattfinden dĂŒrfen?, fragte Kummer. Weshalb soll denn die religiöse Identifikation der SchĂŒler relativiert werden?"


„In diesem Fall hatte Aeppli schon recht“, erwiderte AmbĂŒhl. Er sehe in der Aussage der Erziehungsdirektorin kein Votum gegen religiöse Erziehung in der Schule, sondern eine KlĂ€rung im Zusammenhang mit der EinfĂŒhrung des neuen Faches „Religion und Kultur“, mit der sie Bedenken zerstreuen wollte. Angesichts des drohenden religiösen Analphabetismus finde er die Äusserung von Frau Aeppli sogar ermutigend.


Laut Anton Strittmatter gibt es im Blick auf Religion Handlungsbedarf bei der Lehrerausbildung. Lehrpersonen wĂŒrden an den PĂ€dagogischen Hochschulen nicht auf dieses Fach vorbereitet. Es gelte, hier den Auftrag zu klĂ€ren, was sicher noch Aufregung verursachen werde. Denn mit dem Fach seien viele Hoffnungen und Emotionen verknĂŒpft, so dass von den LehrkrĂ€ften grosse SensibilitĂ€t und eine gereifte Persönlichkeit erwartet werden mĂŒsse.

Christen und Muslime gemeinsam

FĂŒr die Muslima Kadriye Koca-Kasan, die in Basel als Interkulturelle Vermittlerin zwischen Christen und Muslimen wirkt, ist  Religionsunterricht in der Schule mindestens so wichtig wie Naturwissenschaften. „Ein wenig Ethik darf auch noch sein“, ergĂ€nzte sie. Sie setzte sich dafĂŒr ein, die Gemeinsamkeiten der monotheistischen Religionen hervorzuheben und erst dann auf die Unterschiede hinzuweisen. Muslime und Christen könnten einen solchen Unterricht gemeinsam besuchen, wenn die Eltern einverstanden wĂ€ren. Ideal wĂ€re fĂŒr sie, wenn man im Unterricht nicht nur zusammen reden, sondern auch gemeinsam beten könnte.


Kompetent geleitet wurde die Podiumsdiskussion von NZZ am Sonntag-Redaktor Markus HĂ€fliger, der zum Schluss die Podiumsteilnehmer mit je einer besonders kniffligen Frage herausforderte – zur Erheiterung des Publikums.

 

http://bernerzeitung.ch/region/gemeindeBei-der-Religion-herrscht-Analphabetismus/story/16475451