Schule segelt gegen den Wind

von Daniel Kummer | 15.05.2010

Wenigstens in einem Bereich unseres Lebens spielt die Wahl kaum eine Rolle. Die Schule entzieht sich der Wahlorientierung unserer Gesellschaft weitgehend – zwar aus gutem Grund, aber nicht ohne beachtliche Risiken!

Wahlen sind Ausdruck einer demokratischen Verfassung eines Staates, in dem die Bürger mitreden können. In unserer Gesellschaft hat die Wahlmöglichkeit eine zentrale Bedeutung. Sie ist zugleich Ausdruck der Freiheit und der Selbstbestimmung. Wir können weitgehend Beruf, Arbeitsstelle, Partner, Werte und auch den Lebensstil wählen. Die Wahlorientierung geht heute so weit, dass sie sogar auf Leben und Tod übergreift.

Die Schule - ein Kontrastprogramm

Die Schule stellt demgegenüber geradezu ein Kontrastprogramm dar! Wahl ist da nicht vorgesehen. Weder das Schulhaus noch die Lehrperson, da muss man schon umziehen. Auch die Fächer, der Stoff und der Stundenplan können nicht gewählt werden. Je nach Situation ist nicht einmal der Sitzplatz Wahlsache, es steht nicht frei, ob man in der Pause herumrennen oder ruhen möchte, ob man gemütlich im Unterricht plaudert oder eifrig mitmacht. Die Schule ist eben, zumindest rechtlich, eine Anstalt.
Das führt zu Konflikten. Exemplarisch hierfür war in den letzten Monaten eine Auseinandersetzung in der Gemeinde Belpberg. Eltern waren mit einer Lehrperson zunehmend unzufrieden, die Reaktionen der Schulbehörde zu zögerlich, so dass der Unmut der Eltern an der Gemeindeversammlung im Januar eskalierte. In der Folge wurde der Druck auf den Lehrer so stark, dass er sich selbst krank schreiben liess. Der Fall soll nun auf Wunsch des Berufsverbandes untersucht werden, damit Lehrpersonen nicht zu Freiwild würden. Für Lehrpersonen sei es wichtig zu wissen, ob jemand hinter ihnen stehe oder «sie zum Abschuss» freigegeben seien.

Konflikte zwischen Eltern und Schule sind systembedingt

Vom Schulgesetz her hat die Schule eigentlich eine unterstützende Funktion im Dienste der Eltern: «Die Schule unterstützt die Eltern in der Erziehung ihrer Kinder», so die Formulierung in den kantonalen Schulgesetzen. Konkret gibt es aber eigentlich nur Einschränkungen und Relativierungen dieses Elterneinflusses auf die Schule. Der Einflussbereich der Eltern endet an der Schulhaustüre. Das Bundesgericht hat sich am 24. Oktober 2008 in einem wegweisenden Urteil gegen religiös motivierte Schwimmdispens ausgesprochen.
Der Unterricht in ‹Religion und Kultur› im Kanton Zürich ist für alle obligatorisch, obschon Eltern zu Recht argumentieren könnten, dass sie eine kioskartige, unverbindliche Diskussion über Religion für die eigenen Kinder nicht wollen.
Mit der Verwaltungsreform wird in vielen Kantonen die Schulleitung gestärkt. Laiengremien, z.B. politisch gewählte Schulkommissionen, werden in ihren Kompetenzen geschwächt und teilweise sogar abgeschafft. Dadurch werden Schulleitungen sehr mächtig, und sie stehen im Konfliktfall mit Eltern eher auf der Seite der Kollegen. Wie sollen sie da zugleich vermitteln können? Schulleiter müssen heute zunehmend Entscheide verantworten und kommunizieren, für die vorher eine Kommission geradestand. Die Schule droht so die Allianz mit den Eltern zu verlieren. Doch es gibt noch ein weiteres Problem:

Gegenkulturen provozieren Konflikte

Wenn aber die Spannung zwischen Gesellschaft, Schule und Elternhaus weiter zunimmt, stellt sich die Frage, wo sich dieser Konflikt entladen kann. Historisch naheliegend wären religiöse Werte und Kompetenzen. Mit welchen Strategien will nun die Gesellschaft den potenziellen Konflikten entgegenwirken?
Eine Strategie ist, dass sich die Schule an der Wissenschaft orientieren soll und deshalb keine Glaubens-, sondern Wissensinhalte vermittelt. Damit wird aber die Religion problematisiert. ‹Glauben› wird in dem Zusammenhang immer mit ‹vermuten› gleichgesetzt. In der deutschen Sprache kann ‹glauben› aber auch ‹vertrauen› bedeuten. Wenn er zu ihr sagt: «Ich glaube dir!», hat das (hoffentlich) nichts mit vermuten zu tun. Grundsätzlich sind Wissen und Vertrauen radikal miteinander verknüpft, weil sich jedes Wissen auf Glaubenssätze stützt und Wissenschaft immer auch interesse- oder hoffnungsgeleitet ist. Aktuell hoffen Wissenschafter vor allem, dass die Kollegen ihre Resultate nicht fälschen oder abschreiben.
Eine zweite Strategie besteht darin, Religion als Bereich darzustellen, der frei gewählt werden kann, nicht wahrheitsfähig ist und meist zu Konflikten führt. Als Folge davon fordern Religionskritiker – mit Berufung auf die UN-Kinderrechtskonvention – die Altersgrenze der religiösen Mündigkeit herabzusetzen, weil glaubende Eltern ihre Kinder bevormundeten. Eine solche kioskartige Inszenierung von Religion widerspricht aber dem christlichen Glauben im Kern. Er ist ‹das eine Bindende›, das frei macht, indem es bindet. Der Glaube ist kein Accessoire, das man mal so und mal so wählen kann, um seine Identität damit auszustaffieren.

Bildung bedingt Verbindung

Der oben geschilderte Konflikt zwischen Schule, Elternhaus und Gesellschaft wirkt sich grundlegend auf die Bildung aus. Nur dort, wo ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis besteht, gelingt Bildung gut. Ein gutes Verhältnis wirkt sich entscheidend auf die Lebenszufriedenheit der Lehrperson aus. Schüler zufriedener Lehrpersonen waren in einer neuen Studie 43% besser als der Durchschnitt!
Es ist für die Schule also entscheidend wichtig, die Eltern an Bord zu holen und in der Gesellschaft für den Auftrag der Schule zu werben. Europaweit gibt es verschiedene Modelle, die dies klar begünstigen. Sehr gute Schulen in Deutschland sind Privatschulen, die aber vom Staat bis zu 95% finanziert werden. In den Niederlanden werden alle Schulen vom Staat voll finanziert, egal ob in privater oder staatlicher Trägerschaft. Dies ermöglicht, dass die Schule mit den Eltern Identität entwickelt, weil sie eine gemeinsame Werte- und Glaubensbasis haben.
Wenn Schulen einen klaren Freiraum haben und die Eltern an Bord sind, können diejenigen Schule machen, die es betrifft. Von profilierungsbemühten Politikern erfundene Reformen haben nie den Schwung, der entsteht, wenn Eltern und Lehrpersonen für das Wohl des Kindes gemeinsam hinter dem Kontrastprogramm der Schule stehen und es mittragen. Wer dazu Beispiele wünscht, ist mit der DVD ‹Treibhäuser der Zukunft› von Reinhard Kahl gut bedient. Sie zeigt gelingende deutsche Schulen. Viele davon sind Schulen in freier Trägerschaft, die den vom deutschen Staat gewährten Freiraum innovativ nutzen. Sie zeugen von engagierten Eltern und gemeinsamen Werten, die Kinder stark machen. Von daher wünsche ich in naher Zukunft auch der Schweizer Schule ein politisches System, das Reformen von unten ermöglicht, statt sie von oben herab zu verordnen. Um der Kinder Willen!

 

Zuerst erschienen in BST 2/2010