Sechs Jahrzehnte Theorierückstand aufholen – aber wie?

Sechs Jahrzehnte Theorierückstand aufholen – aber wie?

von Fritz Imhof | 20.12.2014

«Wir Christen haben 60 Jahre Theorierückstand.» – Mit dieser These rüttelte der Basler Zukunftsforscher Andreas Walker die Teilnehmenden am Forum für christliche Führungskräfte 2012 auf. Nun hat ihm die VBG ein Podium gegeben, um seine These zu erläutern.

Am Studientag der VBG an der ETH Zürich begründete der promovierte Historiker und Geograf Andreas Walker am 8. November seine These und warf dazu Fragen in den Raum, die vom Bieler Theologen Walter Dürr, vom VBG-Studienleiter Felix Walker und schliesslich von ihm selbst mit einer Replik beantwortet wurden.

Die Antithese lancieren

Walker betonte, er wolle eine Antithese gegen gemeinhin gültige Überzeugungen und Werte formulieren und darauf hinweisen, dass die evangelischen Christen den Anschluss an die Entwicklungen in Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft verloren hätten. Er nehme damit gleichsam ein Kernanliegen der VBG auf.
Er erklärte dazu, das Evangelium sei in seinen Grundaussagen sehr einfach und damals ja an Hirten und Fischer ergangen. Dennoch müsse es heute so formuliert werden, dass es von den Eliten in Universitäten, Forschungszentren und Konzernzentralen verstanden werde und auf deren aktuelle Bedürfnisse eingehe. Die Botschaft habe auch in neutestamentlicher Zeit Leute wie Gamaliel, Nikodemus und Paulus angesprochen. Die starke Fixierung evangelikaler Kreise auf Endzeit- und Entrückungsszenarien und auf die Kurzzeitschöpfungs-Theorie im 20. Jahrhundert habe die evangelischen Christen aber daran gehindert, an wichtigen Fragen zu Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft zu arbeiten. Ausserdem hätten sie sich mit diesen dominierenden Themen oft unglaubwürdig gemacht.
Weil Christen an einen Gott der Wahrheit, Weisheit und Erkenntnis glauben, seien sie der akademischen Welt schuldig, ihr die Antworten des Evangeliums zu erläutern. Dies entspreche letztlich dem Kulturauftrag in Genesis 3 und erfordere einen Sichtwechsel. «Wir haben ein simplifizierendes Wissenschafts- und Gesellschaftsbild gelebt», so Walker. Die evangelischen Christen bräuchten aber Exponenten, deren Befunde auch ausserhalb der evangelischen Welt wahrgenommen würden. «Wo finden unsere Hochbegabten eine geistliche Heimat?», fragte Walker. Wo finden wir Gottes Weisheit in den Fachfragen in einer Zeit, in der Weltanschauungen, Menschen- und Gottesbilder stigmatisiert werden? Das Denken über eine menschenwürdige Zukunft dürfe nicht weiterhin vernachlässigt werden.

Postmoderne als Chance

Der Bieler Theologe und Jahu-Pfarrer Walter Dürr gab in seiner Antwort zu bedenken, dass das Aufarbeiten eines Reflektionsdefizits von mehreren Dekaden seine Zeit brauche. Doch die aktuelle Lage sei dafür günstig. Die Postmoderne sei für Christen eine grosse Chance, weil sie die falschen Götter der Moderne abgeschafft habe. Der totale Werterelativismus und die Forderung, alles selbst zu entscheiden, überforderten aber die Menschen und öffne sie daher für neue Impulse. Um ihnen Antworten zu vermitteln, müssten die Christen aber erst ihr duales (zweistöckiges) Weltbild überwinden, das Gott und sein Reich, und damit die eigene Bestimmung, nur in der geistigen Welt sehe. «Wer Gott weltlos macht, darf sich nicht wundern, wenn die Welt gottlos wird», gab Dürr zu bedenken. Viele Christen priesen lieber die Wunder, als Gott in allen Bereichen dieser Welt wirksam zu sehen.
Christliche Philosophie müsse sich damit auseinandersetzen, dass die «reine Vernunft» nicht mehr anerkannt werde und dem Individualismus und dem Subjektivismus gewichen sei. Von der Kritik der reinen Vernunft (Kant) seien wir in die Vernunft der reinen Kritik abgedriftet. Der Fortschrittsglaube habe sich verflüchtigt. Die Chance der Christen liege darin, wieder die «grossen Erzählungen» bekannt zu machen. Denn mit der Vergötterung des Relativismus werde der Götze Vernunft nur durch einen andern ersetzt. «Wer Absolutes relativiert, verabsolutiert das Relative.» Die Theologie müsse somit zeigen, dass Gott ein handelnder Gott sei, an dem wir unser Leben orientieren können: «Wir stehen im Übergang von einer Weltanschauung zur andern. Das gibt es nur alle paar 100 Jahre. Das müssen wir nutzen», ermutigte Dürr.

Begabte Leute fördern, Netzwerke bilden

VBG-Studienleiter Felix Ruther erläuterte seine Bemühungen, die freikirchlichen Christen für die Fragen der akademischen Welt, insbesondere der Naturwissenschaft, zu gewinnen. Er sei damit bei den verantwortlichen Leitern gescheitert, weil diese andere Prioritäten setzen, bilanziert Ruther. Er schlägt vor, (Natur-)Wissenschafter in ihren Arbeitsbereich auszusenden wie Missionare in ferne Länder. Er wünscht sich Gemeinden, die sich auch langfristige Ziele setzen und ihren akademisch geschulten Mitgliedern dafür einen Freiraum und Unterstützung anbieten. Ruther leidet an der Engführung bei Themen wie Schöpfung oder Evolution. Sie habe viele Kräfte absorbiert und stosse in der wissenschaftlichen Welt auf scharfe Ablehnung. Er suche daher für sein Anliegen neue Koalitionen – auch über den evangelischen Raum hinaus. Ein gutes Vorbild sind in diesem Bereich für ihn die Jesuiten. Sie hätten eine hohe Kompetenz in der wissenschaftlichen Reflexion entwickelt und unterstützten Leute mit Potenzial. Sie hätten es auch verstanden, die Frage nach Gott wachzuhalten.
Felix Ruther erklärte seinen Traum eines universitären Lehrgangs in christlicher Weltanschauung und christlichem Denken gemäss dem «Amsterdamer Modell». Persönlich setzt er sich als Präsident des Instituts Berg und des Instituts INSIST für dieses Anliegen ein.
Der VBG schlägt er vor, begabte Studierende, die sich an den Unis mit Grundfragen von Glaube und Denken befassen, mit Stipendien zu fördern und dafür einen Fonds zu öffnen. Weiter empfahl er, Fachgruppen und Netzwerke für integriertes Wissen zu bilden, Weekends zum Thema «begründet glauben» anzubieten, wichtige Bücher aus dem angelsächsischen Raum zu übersetzen und gute Referate in der Studierendenarbeit in einem Bulletin zu publizieren.

Die Zukunft zurückerobern

In seiner eigenen Antwort betonte Andreas Walker, es gehe ihm nicht um das Erarbeiten von schnellen christlichen Antworten und Werten, sondern darum, die gesellschaftlichen Fragen, Probleme und Nöte zu entdecken, zu verstehen und zu lösen. Die evangelischen Christen hätten eine Übersetzungsleistung zu erbringen. Er sei sich bewusst, dass es dazu einen langen Atem brauche. Walker: «Ich bin mir bewusst, dass wir an Themen zu arbeiten haben, an denen bereits Heerscharen von Doktoranden und Professoren an den Unis arbeiten.» Persönlich lässt er sich auf Wanderungen auf dem Jakobsweg inspirieren: «Ich bin ein ‘Walker’», meinte er dazu doppeldeutig. Und er organisiert nebst einer breiten Referententätigkeit und Interviews und Artikeln für verschiedene Zeitschriften in seinem Haus Salongespräche, bei denen er namhafte Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Politik zusammenführt. Er setzt auf Gespräch und Austausch mit Führungskräften und vermittelt dazu Impulse. Das bringt er auf den Punkt mit den Worten: „Wir müssen die Zukunft zurückerobern!»
Und nicht zuletzt sieht als er seinen persönlichen Anteil an diesem Ziel die Publikation des Hoffnungsbarometers. Denn es sei die Hoffnung, welche den Glauben auszeichne. In der säkularen Welt habe bislang das Sorgenbarometer hohe Beachtung gefunden. Inzwischen sei auch das Hoffnungsbarometer bekannt. Es zeige den Zusammenhang und die Bedeutung von Hoffnung mit und für Beziehungen in Ehe, Familie und Freundeskreis. Hoffnung und Beziehungen gehörten zum genetischen Code des Christentums.

Eine Bildungsbewegung

Im anschliessenden Podiumsgespräch bemerkte Walter Dürr: «Wenn Gott sich in einem Buch offenbart, heisst das, dass wir eine Bildungsbewegung sind.» Diese habe den Auftrag, die Fragen unserer Zeit neu von der Schrift her zu beantworten. «Ich habe mich genügend in dieses Buch vertieft, wenn ich in der Lage bin, daraus eine Frage unserer Zeit zu beantworten.» Es dürfe aber nicht eine Antwort aus dem letzten Jahrhundert sein. Und bei dieser Arbeit müssten Katholiken, Orthodoxe, Evangelikale, Reformierte und Juden zusammenarbeiten.