SexualitÀt in der Bibel: Altes Testament

von Martin Forster | 15.02.2009

Die Bibel ist ein Buch ĂŒber Gott und die Menschen. Ein solches Buch muss auch das Thema «SexualitĂ€t» behandeln. Um die Aussagen des Alten und des Neuen Testaments zu diesem Thema zu verstehen, mĂŒssen wir uns ihren Kontext ansehen.

Der Alte Orient und die Kultur des Judentums zur Zeit des Hellenismus dachten anders ĂŒber SexualitĂ€t als mitteleuropĂ€ische Menschen im 21. Jahrhundert. Wie kann uns die Bibel Richtlinien geben in Fragen zur SexualitĂ€t?

1. Die Urgeschichte

Die SexualitĂ€t ist ein zentraler Aspekt unseres Menschseins. Ob wir Mann oder Frau sind, bestimmt unsere IdentitĂ€t unendlich stĂ€rker als unsere Haarfarbe. Die ersten Kapitel der Bibel behandeln die Fragen unserer IdentitĂ€t. Die Urgeschichte (1. Mose 1-11) antwortet auf die Fragen: Woher komme ich? und: Wer bin ich? Unsere historischen und naturwissenschaftlichen Fragen sind nebensĂ€chlich. 1. Mose 1,26-28 beschreibt die Erschaffung des Menschen als Ebenbild Gottes. Das Bild Gottes verwirklicht sich in der PolaritĂ€t von Mann und Frau. Die jĂŒdische Tradition geht so weit zu sagen: «Jeder Mensch, der keine Frau hat, ist eigentlich kein Mensch ...» (Jebamoth 63a). Beide zusammen sind das Ebenbild Gottes. Sie bekommen auch einen Auftrag: Sie sollen sich mehren und ĂŒber die restliche Schöpfung herrschen.

Der erste Bericht von der Erschaffung der Welt teilt die Schöpfung in ein Sechs-Tage-Werk auf. Die Geschichte wird im Tagesrhythmus erzĂ€hlt. Im zweiten Bericht legt Gott fĂŒr den Menschen einen Garten an. Letzterer sitzt zunĂ€chst allein in diesem Garten und Gott merkt, dass da noch etwas fehlt. 1. Mose 2,18-25 beschreibt also die Suche und die Erschaffung des GegenĂŒbers fĂŒr den Menschen. Gott sucht eine Hilfe fĂŒr ihn und erschafft sie aus einer seiner Rippen. Vom Menschen selber kommt sein GegenĂŒber. Was meint der Autor, wenn er in 1. Mose 2,18 die Frau als «Hilfe» bezeichnet? Verschiedene alttestamentliche Stellen verwenden das Wort fĂŒr Gott, der die Hilfe Israels ist (4. Mose 33,29; Ps 33,20; 70,6; 115,9-11; 124,8). Damit ist einer gemeint, der Israel wirkungsvoll beisteht. Die Frau soll dem Mann ein GegenĂŒber sein. Wir wĂŒrden das heute als Partnerin bezeichnen. In der Schöpfungsgeschichte ist das VerhĂ€ltnis von Mann und Frau nicht hierarchisch. Die Beziehung ist auch nicht von Scham belastet.

Nach 1. Mose 2,24 werden die beiden zu einem einzigen «Fleisch». Der Ausdruck kann Verwandtschaft bedeuten (1. Mose 37,27; 5. Mose 18,6, Jes 58,7). Hier bezieht er sich auf die körperliche Vereinigung, aber auch auf die soziale Verbindung von Mann und Frau. Die beiden werden sexuell «ein Fleisch», aber auch sozial. Sie bilden zusammen eine neue Grösse. Theodor Bovet sprach von der «Eheperson».

Das Experiment Gottes mit den Menschen lief bekanntlich schief. Die Menschen haben sich aus der Beziehung zu Gott gelöst – mit allen Konsequenzen auch fĂŒr die menschliche SexualitĂ€t. Nach 1. Mose 3,16 wird das partnerschaftliche VerhĂ€ltnis von Mann und Frau plötzlich hierarchisch. Der Mann herrscht und die Frau sehnt sich nach dem Mann. Die Zuordnung der Frau zum Mann ist schöpfungsbedingt; die Unterordnung der Frau unter den Mann ist «fallbedingt».

Die ersten Kapitel der Bibel behandeln ganz fundamentale Fragen der menschlichen SexualitĂ€t. Der Mensch wird als Mann und Frau erschaffen, aber von SexualitĂ€t im engeren Sinn ist erst in 1. Mose 4 nach dem Fall die Rede. Da heisst es: «Und der Mensch erkannte Eva, seine Frau  » Das Alte Testament umschreibt den Sexualakt mit AusdrĂŒcken wie «hineingehen zu» (1. Mose 16,2.4; 30,3; 38,8.16; 4. Mose 22.13; 2. Sam 16,21) oder «liegen mit» (1. Mose 26,10; 30.15.16; 39,7.12; 4. Mose 22,23ff). Bei diesen bildhaften AusdrĂŒcken steht das Physische im Vordergrund. Das allgemeine Wort «lieben» gibt es im HebrĂ€ischen fĂŒr die Liebe zwischen Mann und Frau natĂŒrlich auch (1. Mose 24,67; 29,18; 1. Sam 1,5; 18,20; Hos 3,1, Hohelied 1,7). Es geht dabei aber nicht zwingend um den sexuellen Akt. In 1. Mose 4,1 u.a. wird das Verb «erkennen» verwendet. Nachdem Adam Eva «erkannt» hatte, wurde sie schwanger. Auch an anderen Stellen wird der Geschlechtsakt so umschrieben (1. Mose 4,1.17.25; 24,16; 38,26; 1. Sam 1,19; 1. Kön 1,4). Der entsprechende griechische Ausdruck wird im NT ebenfalls so verwendet (Mt 1,25; Lk 1,34). Ganz «erkennen» ist ein personaler Akt und nicht nur eine triebhafte Handlung (Frankl).

2. Die Geschichte danach

Die biblische Geschichte ab 1. Mose 4 verlĂ€uft ausserhalb des Gartens Eden. In 1. Mose 4,19 heisst es: «Lamech aber nahm zwei Frauen; die eine hiess Ada, die andere Zilla.» Elkana, der Vater Samuels, hatte zwei Frauen, Hanna und Peninna (1. Sam 1,1f). Die Bibel berichtet mehr oder weniger gelassen, dass MĂ€nner gleichzeitig mehrere Frauen haben. Doch in den SprĂŒchen erscheint das Ideal der monogamen Ehe (Spr 12,4; 18,22; 19,14). Polygamie war im Judentum theoretisch bis ins 11. Jahrhundert n.Chr. möglich. Nach dem AT gibt es in Ehen mit mehreren Frauen allerdings oft Probleme. Elkana ist hier eher die Regel als die Ausnahme.

SexualitĂ€t gehört nach dem AT in die Ehe. Wie aber findet man den richtigen Partner? Als Abraham in die Jahre gekommen war, suchte er eine Frau fĂŒr seinen Sohn. Die Partnerwahl ist Sache des Vaters. Dieser ist verpflichtet, seinen Sohn zu beschneiden, ihn loszukaufen (Erstgeburt), ihn die Tora und ein Handwerk zu lehren und ihm eine Frau zu nehmen (Traktat Qidduschin 1,11 (336).

Abraham beauftragt seinen Knecht, seinem Sohn eine Frau aus dem Verwandtenkreis zu holen. Der Knecht wird fĂŒndig und bringt Rebekka zurĂŒck (1. Mose 24). Bei der ersten Begegnung kennen sich Isaak und Rebekka noch gar nicht (1. Mose 24,63-66). Die Liebe steht hier nicht am Anfang der Partnerschaft. Die Ehe ist ein gewöhnlicher Vertrag zwischen zwei Menschen, auch wenn in der Geschichte von 1. Mose 24 viel von Gott die Rede ist. Erst spĂ€ter werden EhevertrĂ€ge im Judentum schriftlich aufgesetzt (Tobit 7,13), was einen Schutz fĂŒr die Frauen darstellt. Abraham hat bei der Partnerwahl massiv vorgespurt und Isaak und Rebekka haben zum Vertrag Ja gesagt. ZunĂ€chst zahlt der heiratswillige Mann oder sein Vertreter einen Preis (1. Mose 24,22.53). Der Vater der Braut gibt seiner Tochter die Mitgift mit. In unserer Geschichte ist von MĂ€gden die Rede. Sie gehören zum Besitz einer Frau. Die Mitgift darf zwar vom Ehemann genutzt werden, bleibt aber Eigentum der Frau. In Fall einer Scheidung oder beim Tod des Ehemanns bildet sie ihre Existenzbasis. Der Ehevertrag regelt auch die wirtschaftliche Seite.

Aber auch die Liebe spielt in der Ehe eine grosse Rolle. Isaak gewinnt Rebekka lieb. Elkana liebt seine Frau Hanna, obwohl sie keine Kinder hat (1. Sam 1,5). Im israelitischen Königshof waren die Beziehungen zwischen Mann und Frau jedoch oft von der Politik ĂŒberschattet. Von Michal, der Tochter Sauls, heisst es, dass sie David lieb hatte (1. Sam 18,20). Aus politischen GrĂŒnden wird Michal aber David vorenthalten und mit Paltiel verheiratet. Auch dieser hatte Michal offensichtlich sehr lieb, denn als David befahl, dass Michal ihm als Ehefrau gegeben werde, weinte Paltiel heftig (2. Sam 16). In der Weisheitsliteratur wird die Liebe zwischen Mann und Frau in den höchsten Tönen gepriesen (Spr 5,18-19; Pred. 9,9). Das Hohelied besingt ausfĂŒhrlich die erotische Liebe.

 

Die SexualitĂ€t ausserhalb der Ehe wird meistens problematisch gesehen und mit strengen Sanktionen belegt. Ehebruch wird im Dekalog (2. Mose 20,14; 4. Mose 5,18) verboten. Wenn eine verheiratete Frau sexuellen Verkehr mit einem anderen Mann hat, gilt fĂŒr beide die Todesstrafe (3. Mose 20,10; 4. Mose 22,22). Nach dem Ehebruch von David mit Bathseba (2. Sam 11) erzĂ€hlt der Prophet Nathan David das Gleichnis vom armen Mann, der nur ein Lamm hat, und ĂŒberfĂŒhrt ihn damit. Durch den Ehebruch schĂ€ndet der Mann die Ehre des betrogenen Ehemanns. Der verheiratete Mann kann sich legal eine zweite Frau nehmen. FĂŒr diesen Fall gibt es Regeln, die im jĂŒdischen Eherecht und im Neuen Testament eine wichtige Rolle spielen.

«Wenn er sich eine Andere nimmt. Ihre Nahrung, ihre Kleidung und ihren sexuellen Verkehr soll er nicht schmÀlern. Und wenn er ihr diese drei (Dinge) nicht verschafft, dann geht sie heraus unentgeltlich, ohne Geld» (2. Mose 21,10f). Bei der Anderen handelt es sich hier um eine Sklavin. Diese Regel wurde auf jede Ehe ausgeweitet nach dem Schluss vom Kleineren zum Grösseren. Die drei erwÀhnten Dinge wurden auf zwei Kategorien aufgeteilt, nÀmlich materielle und emotionale Versorgung. Diese Verpflichtungen hatten Bedeutung bis in die neutestamentliche Zeit hinein (1. Kor 7,32-34; 3-5). Die SexualitÀt gehört in den emotionalen Bereich. Wenn ein Mann mit einer unverheirateten Frau sexuellen Verkehr hat, muss er dem Vater den Brautpreis zahlen, er muss sie heiraten und er darf sich lebenslang nicht von ihr scheiden (4. Mose 22,28f; 2. Mose 22,16).

Schon dieser Überblick zeigt, dass das Alte Testament das Thema SexualitĂ€t auf breiter Basis behandelt. In der Urgeschichte werden die anthropologischen Grundlagen gelegt. Das Alte Testament ist interessiert an gelingender SexualitĂ€t; die Gesetze regeln diesen wichtigen Teil des Menschseins.

 

Zuerst erschienen in BST 1/2009