SexualitÀt in der Bibel: Neues Testament

von Martin Forster | 15.05.2009

Das Neue Testament setzt die Aussagen des Alten Testaments ĂŒber SexualitĂ€t voraus. Die «neutestamentlichen Christen» waren meistens Juden und vom AT geprĂ€gt. Jesus setzte aber neue Akzente.

1. Evangelien

Schon bei der Geburt Jesu ist die SexualitĂ€t angesprochen. Wie alt war Maria, als sie mit Josef verlobt war? Damals heirateten viele Frauen sehr jung, denn sie sollten ja als Jungfrauen in die Ehe gehen. Das tiefst­mögli­che Alter Marias bei ihrer Verlobung war 12 Jahre und ein Tag. Im Judentum heirateten MĂ€dchen nach dem Einsetzen der Menstruation, ebenso im hellenistischen Umfeld. Josef war vermutlich auch noch ein Teenager; das Heirats-Mindestalter fĂŒr einen Knaben war 14 Jahre.

Jesus Ă€usserte sich mehrmals zur SexualitĂ€t. Anlass dazu waren meistens aktuelle Diskussionen, nicht unsere heutigen Fragen. In der Bergpredigt sprach er ĂŒber das Gebot «Du sollst nicht ehebrechen» (2. Mose 20,14 / 5. Mose 5,18). Jesus weitete das Verbot des Ehebruchs auf den begehrlichen Blick aus (Mt 5,27-30). Dieser ist weder von aussen feststellbar noch bestrafbar. Jesus stellte sich weder gegen die Tora noch gegen die mĂŒndliche Überlieferung. Er ging aber ĂŒber die juristischen Möglichkeiten hinaus: Mit seiner Antithese hob er das siebte Gebot nicht auf, sondern vertiefte es.

Doch bringt das Augen-Ausreissen oder das Hand-Abhauen wörtlich verstanden die Lösung, die Jesus anstrebte? Mit dem anderen Auge und der anderen Hand kann man immer noch sĂŒndigen...

Jesus ging es um die eheliche Treue, er lehnte die sexuelle Begierde innerhalb der Ehe damit nicht ab. Im Horizont des Reiches Gottes gelten aber neue MassstÀbe: Keine neuen Gesetze, sondern ein Leben in der radikalen Nachfolge. Der ethische Standard der Menschen im Reich Gottes soll höher sein, auch auf dem Gebiet der SexualitÀt.

Ein PharisĂ€er wollte Jesus mit einer Frage zur SexualitĂ€t (Mt 19,3-12) aufs Glatteis fĂŒhren. Die Frage hatte ihren Hintergrund in jĂŒdischen Diskussionen: Aus welchem Grund darf ein Mann scheiden? Die alttestamentliche Stelle, auf die sich alle beriefen, ist 5. Mose 24,1-4. In diesem Text steht der mehrdeutige Ausdruck «Blösse einer Sache». Die Schule von Rabbi Schammai verstand darunter «etwas SchĂ€ndliches». Die Frau durfte nur entlassen werden, wenn sie eine schwerwiegende Verfehlung begangen hatte. Die Schule Rabbi Hillels trennte die beiden Worte «HĂ€ssliches» und «etwas». Ein solches «Etwas» konnte demnach schon das Anbrennen einer Speise sein. Die laxe Interpretation der Hilleliten setzte sich allgemein durch, d.h. die Entlassung der Frau war aus fast jedem Grund möglich.

Jesus ging aber nicht auf die juristischen Spitzfindigkeiten ein, sondern antwortete mit Zitaten aus der Schöpfungsgeschichte. Damit sagte er etwas GrundsĂ€tzliches zur Ehe: Sie soll monogam sein und ein Leben lang dauern. Das ist die eigentliche Absicht des Gesetzes, die aber weder fĂŒr die damaligen noch fĂŒr die heutigen Menschen selbstverstĂ€ndlich ist. Als die JĂŒnger ihn nach diesem StreitgesprĂ€ch persönlich darauf ansprachen, antwortete er ihnen, dass jemand «um des Reiches Gottes willen» sogar unverheiratet bleiben könne (Mt 19,12).

2. Apostelgeschichte

Das Christentum wuchs bald ĂŒber die Grenzen des Judentums hinaus. Das brachte verschiedene Probleme mit sich, nicht zuletzt auch ethische. Im «Apostelkonzil» berieten die Leiter der Gemeinde in Jerusalem, was Nichtjuden erfĂŒllen mĂŒssen, um gerettet zu werden. Zu den Bedingungen gehörte, dass sie sich von «Unzucht» enthalten (Apg 15,19-20). Das Einhalten der Sexualethik war auch fĂŒr die Nichtjuden fundamental.

3. Paulus

Paulus, ein Jude, war mit der jĂŒdischen Sexualmoral bestens vertraut. Das Wirkungsfeld des Apostels war vor allem Kleinasien und Griechenland. Diese Gebiete lagen im Einflussbereich der hellenistischen Kultur, was fĂŒr die Sexualmoral Konsequenzen hatte. Die Frauen waren zwar den MĂ€nnern untergeordnet, erlangten aber im 1. Jahrhundert viele Freiheiten. Frauen aus den oberen Schichten konnten heiraten und sich scheiden nach Belieben, denn sie waren finanziell unabhĂ€ngig. Von dieser Freiheit machten sie regen Gebrauch. Nach den römischen Philosophen Seneca (4 v. Chr. – 65 n. Chr.) zĂ€hlen die Frauen ihre Jahre nicht nach den römischen Konsuln, sondern nach der Zahl ihrer MĂ€nner. Sie liessen sich scheiden, um zu heiraten und heirateten, um sich scheiden zu lassen. Ohne zu ĂŒbertreiben kann man sagen, das die hellenistische Kultur sexualisiert war. Auch die MĂ€nner lebten ihre SexualitĂ€t grosszĂŒgig aus. So sagt ein bekanntes Wort: «Die HetĂ€ren haben wir zum VergnĂŒgen, die Konkubinen zur tĂ€glichen leiblichen Pflege, die Ehefrauen, um recht­mĂ€s­si­ge Kinder zu erzeugen und um eine treue WĂ€chterin fĂŒr die hĂ€uslichen Dinge zu haben.»

In der Korrespondenz mit den Korinthern musste Paulus das Thema SexualitĂ€t behandeln, denn diese Stadt war fĂŒr ihr zĂŒgelloses Leben im Griechentum bekannt. Er beginnt mit einem programmatischen Ausspruch: «Alles ist mir erlaubt» (1 Kor 6,12-20). Ein Spruch, der schon damals in Korinth freundliche Aufnahme fand. Viele Ausleger vermuten, dass Paulus einen peppigen Slogan der Korinther aufnahm. Er qualifiziert ihn aber sofort: «Nicht alles nĂŒtzt, und ich soll mich von nichts beherrschen lassen.» Diese Regel umschreibt auch die «Freiheit eines Christenmenschen». Eigentlich wĂ€re mir alles erlaubt, aber es gibt Dinge, die mir zum VerhĂ€ngnis wĂŒrden.

In 6,13 geht Paulus von einem gut nachvollziehbaren Bild aus. Bauch und Speise sind fĂŒreinander geschaffen. Beide werden aber einmal verwesen. Mit dem Leib ist es ganz anders. Er ist nicht fĂŒr die Unzucht bestimmt. FĂŒr Unzucht steht das griechische Wort «Porneia», das jede Form von sexueller Untreue bezeichnet.

Wieso musste Paulus das den Christen sagen? In der hellenistischen Welt verbrachte die mĂ€nnliche Elite ihre Abende mit Symposien. Hier wurde gegessen, getrunken und diskutiert. Zur Unterhaltung nach dem Essen gehörten auch Frauen: Prostituierte, die den GĂ€sten zur VerfĂŒgung standen. Wenn die jungen MĂ€nner mit 18 Jahren die Toga virilis erhielten, waren sie zu diesen gesellschaftlichen AnlĂ€ssen eingeladen. Wie sollten sich nun junge christliche MĂ€nner verhalten? Sollten sie Einladungen zu Symposien annehmen? Oder mussten sie sich vom gesellschaftlichen Leben zurĂŒckziehen?

Das waren Fragen, welche die Korinther beschĂ€ftigten. Sie entschieden, dass ein Christ an gesellschaftliche AnlĂ€sse gehen kann, weil sie keine Glaubensfragen tangieren. Da widersprach Paulus entschieden: «Der Leib ist fĂŒr den Herrn geschaffen. Gott hat Jesus, den Herrn, auferweckt und durch ihn wird er auch uns auferwecken.»

Der Leib ist also kein ethisch belangloser Gegenstand. Christen sind Glieder Christi. Man kann aber nicht ein Glied Christi nehmen und es mit einer Prostituierten verbinden. Die sexuelle Gemeinschaft verbindet die zwei Menschen nach alttestamentlichem VerstĂ€ndnis (1 Mose 2.24). Zusammen mit Christus werden wir nicht ein Fleisch, sondern ein Geist. «Euer Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes.» Unter keinen UmstĂ€nden können Christen die sexuelle Unzucht auf die leichte Schulter nehmen. Sie sollen den Leib nicht fĂŒr Unzucht missbrauchen, sondern mit ihm Gott verherrlichen. Paulus greift hier sogar auf das Erlösungswerk am Kreuz zurĂŒck (6,20). Das sexuelle Verhalten von Christen hat zutiefst mit ihrem Glauben zu tun.

FĂŒr unser Thema mĂŒssen wir mindestens noch eine zweite Stelle bei Paulus besprechen: 1 Kor 7,1-6. Vers 1 ist bereits eine grosse Herausforderung: «Es ist gut fĂŒr einen Menschen, keine Frau zu berĂŒhren.» Das meint natĂŒrlich den sexuellen Verkehr. Ist Paulus ein verkappter Asket? Ist es ein Zitat aus der Anfrage der Korinther oder die Meinung von Paulus? Der zweite Vers legt es nahe, an ein Zitat der Korinther zu denken. Wenn wir in die antiken medizinischen HandbĂŒcher schauen, wird uns das sofort klar. Soranus, der Arzt aus Ephesus, schreibt im 1. Jahrhundert n. Chr. in seiner GynĂ€kologie: «Wir dagegen meinen, dass dauerhafte JungfrĂ€ulichkeit gesund ist, denn Geschlechtsverkehr ist in sich selber schĂ€dlich.»

Die Korinther hatten eine lockere Sexualmoral, obwohl die medizinischen Erkenntnisse ihnen eher Abstinenz nahelegten. Paulus wollte, dass jeder seine eigene Frau und jede ihren eigenen Mann habe (7,2). Er fand aber die Ehelosigkeit besser, weil er mit einer bald eintretenden Notsituation rechnete (1 Kor 7,7). Kurz nach der Abreise von Paulus gab es eine Nahrungsmittelverknappung!

Mann und Frau sollen in der Ehe ihre jeweiligen «Pflichten erfĂŒllen». Paulus greift hier auf die beiden Pflichten aus dem jĂŒdischen Eherecht zurĂŒck (2. Mose 21,10f). Die Partner mĂŒssen materiell und emotional fĂŒreinander sorgen. Das erste findet sich in 1 Kor 7,3-5: Zur emotionalen Seite gehört die SexualitĂ€t. Die materielle FĂŒrsorge findet sich in 1 Kor 7,32-34. Sie sollen sich einander nicht entziehen ausser nach gegenseitiger Übereinkunft. Paulus trat den Korinthern mit einem Ja zur ehelichen Gemeinschaft gegenĂŒber.

 

Zuerst erschienen in BST 2/2009