Stellungnahme: Gläubige Pädagogen und die Schule

Stellungnahme: Gläubige Pädagogen und die Schule

von Daniel Kummer | 05.06.2009

Anfang Juni erschienen in der Tages- und Wochenpresse mehrere Artikel, welche die Frage aufwerfen, wie sich zukünftige Lehrpersonen mit ausgeprägt religiösem Hintergrund neutral in die Staatsschule einbringen können. Als Organisation, die mit christlich orientierten Studierenden an pädagogischen Hochschulen arbeitet, ist es unsere Überzeugung, dass die religiöse Dimension nicht nur ein wichtiger Bestandteil des täglichen Lebens ist, sondern auch Teil einer umfassenden Bildung.

Aus dem Nährboden des Christentums sind in unserer Kultur verbindende und gesellschaftstragende Werte gewachsen, die die Schule – wie es vermehrt öffentlich gefordert wird – vermitteln und erklären soll. So hält der Lehrplan des Kantons Zürich fest, dass gerade das Offenlegen von Werthaltungen bei SchülerInnen das Bedürfnis nach Wertorientierung weckt. Lehrpersonen an öffentlichen Schulen haben aber “die Pflicht, bei der Besprechung kontroverser Fragen auch andere Sichtweisen und Wertungen aufzuzeigen.”
Dies ist für Lehrpersonen und Studierende an Pädagogischen Hochschulen, mit denen die VBG zusammenarbeitet, verbindlich, gerade weil uns ein fairer und freundlicher Umgang mit den SchülerInnen und ihren Familien in der pluralistischen Gesellschaft wichtig ist. 

Sind religiöse Menschen in der Schule ein Problem?

Aufgrund der Diskussion um das Nationalfondsprojekt 58, das die religiösen Einstellungen von PH- Angehörigen untersucht, sowie die Berichte über christliche Studierende an der Pädagogischen Hochschule Zürich, stellt sich die Frage, wie religiöse Menschen an der Schule mit ihrem Glauben umgehen. Eine Kontext-Sendung von Radio DRS thematisierte die Klage von Eltern, dass Lehrkräfte ihrer Kinder dezidiert gläubig seien und im Unterricht missionierten.

Die VBG ist eine Institution, die mit christlich orientierten Menschen in pädagogischen Berufen zusammenarbeitet und ihnen hilft, ihre religiöse Orientierung zu reflektieren, zu vertiefen und auf angemessene Weise in den Unterricht einzubringen.

Spiritualität als menschliche Komponente und als Teil des Bildungsauftrages

Mehrfach wurde in letzter Zeit auch betont, dass Religion in der Schule einen gewissen Stellenwert haben soll. So vertritt der Leiter der deutschen Pisa-Sektion, Jürgen Baumert, vier Modi der Weltbegegnung1, wobei ein Modus sich mit „konstitutiver Rationalität im Rahmen von Religion und Philosophie“ auseinandersetzt. Hierbei geht es um die Frage, wie Bildung eine angemessene Weltbegegnung ermöglichen kann. Dazu muss sie unbedingt auch den wertbildenden religiös-philosophischen Bereich beinhalten. Insofern ist Religion elementarer Bestandteil einer allgemeinen Bildung. Auch die VBG ist überzeugt, dass eine von jeder religiös-spirituellen Orientierung “befreite” Bildung zu kurz greift.

In Grossbritannien wurde, gestützt auf den 1944 verabschiedeten “Education Act”, Mitte der 90er-Jahre an allen Schulen das Anliegen des “Spiritual Development” als fächerübergreifendes Prinzip eingeführt2. Es geht dabei darum, dass Sinn- und Wertfragen in der Schule einen gezielten und bewussten Platz bekommen sollen.
In die gleiche Richtung zielte im Sommer 2008 ein Vorstoss vom Präsidenten der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), Pfarrer Thomas Wipf, im Europarat3. Er setzte sich dafür ein, dass Religion aktiv in den Unterricht öffentlicher Schulen einbezogen werden solle. In der darauf folgenden Diskussion in Strassburg wurde deutlich, dass Europa aus seinen jüdisch-christlichen Wurzeln genauso schöpft wie aus dem Erbe der Aufklärung. Die Schule als Spiegel der sie umgebenden Gesellschaft müsse also alle Realitäten wiedergeben. „Religion und Glaube gehören konstitutiv zum Menschen und deshalb auch zur Schule.“ Dazu gehöre auch, dass je nach Tradition religiöse Symbole sichtbar sind und die grossen religiösen Feste auch in der Schule besprochen und gefeiert werden.
Das aktive Einbeziehen der Religion diene vor allem der Sensibilisierung, so Wipf. Wichtig sei der Unterschied zwischen dem Auftrag der Religionsgemeinschaften und dem der öffentlichen Schulen. Hier gehe es um das Vermitteln und Glauben religiöser Inhalte selbst, dort um das Wissen über Religionen. In dem Sinne gelte: „Bildung ist mehr als Ausbildung, sie vermittelt auch Haltungen und Orientierungen.“
Bezüglich der Religionszugehörigkeit der Lehrperson plädiert Wipf, der auch Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes ist, dafür, dass diese erkennbar sein darf. Die Schule sei weder ein verfassungsfreier noch ein religionsfreier Raum.
Insofern sehen wir uns mit dem Anliegen, Religion auf angemessene und lehrplanbezogene Weise massvoll in die Schule zu integrieren, in guter Gesellschaft. Trotzdem bleibt die Frage im Raum: Dürfen Lehrpersonen in der Schule für ihren Glauben werben?

Die Grenze zur Missionierung abstecken

Wer Religion als Bestandteil einer allgemeinen Bildung sieht, steht rasch unter Verdacht, dass er seine Haltung missionierend in seinen Unterricht einfliessen lassen will. Deshalb möchten wir näher auf diesen Punkt eingehen.
In verschiedenen Kantonen der Schweiz ist der religiöse Bezug nach wie vor eine Selbstverständlichkeit. So hat z.B. die Innerschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz (IEDK) 1983 in einem Lernzielkatalog dieses Anliegen gut auf den Punkt gebracht:
“Die Schule ermöglicht ihm (dem Kind) die religiöse Dimension des menschlichen Lebens zu erfahren, und steht ihm bei der Integration solcher Erfahrungen in seine Lebensgestaltung bei. Ausgerichtet auf ein christliches Menschenbild, macht sie den Schüler mit den Grundaussagen des christlichen Glaubens vertraut und hilft ihm, eine persönliche Beziehung zu Gott aufzubauen”.4
Da diese Formulierung Aspekte der Religionseinführung beinhaltet, sprengt sie wohl in Zukunft den Rahmen der öffentlichen Schule, wie sie mit der Umsetzung von Harmos geplant ist.
Ein Religionsverständnis, das auch in Zukunft für Menschen mit religiöser Ausrichtung leitend sein könnte, hat Martin Buber prägnant formuliert:
“Religiöse Erziehung darf nicht als eine ‘Erziehung zum Glauben’ verstanden werden, wenn Glaube nicht eine blosse Überzeugung und Gewissheit bedeutet, dass etwas ist, sondern ein ‘Sich-an-etwas-Binden’ meint. Dieses Wagnis kann nur jeder für sich selbst eingehen, mit seiner eigenen Person. Wohl aber kann einer, der in solcher Verbundenheit steht, einem anderen das Gesicht des wirklichen Glaubens zeigen -er zeigt es ihm in sich selbst, in seiner Person und in seinem Leben, indem er in jedem Augenblick, so gut er es vermag, diese Verbundenheit lebt.“5
Damit wird klar, dass es nicht um einen „Kampf der Kulturen“ oder der „weltanschaulichen Inhalte“ gehen kann, sondern dass eine Bezogenheit im Zentrum steht. Auch die VBG vertritt die Position, dass Lehrer nicht einfach ihren Glauben vermitteln, wie Thomas Schlag in der NZZ am Sonntag vom 7.6.20096 betont, sondern dass sie aus ihrem Glauben heraus Kraft und Zuversicht für ihre pädagogische Tätigkeit schöpfen. Dabei kann es auch um Inhalte und Wertanbindungen gehen.

Was heisst das in der Praxis?

Der emeritierte Zürcher Theologieprofessor Werner Kramer brachte es in einer Radiosendung7 auf den Punkt, als er drei Gründe anführte, weshalb auch biblische Geschichten als religiöse Inhalte für die Volksschulstufe wichtig sind.
Sie vermitteln erstens Orientierungswissen: Dies ist ein Wissen, das dem Menschen hilft, sich in seiner Umwelt zu orientieren. So kommen viele biblische Themen auch in der Literatur und der bildenden Kunst vor.

Zweitens ermöglichen religiöse Geschichten Zugänge zu Lebensfeldern, zu Themen und Erlebnissen, mit denen wir immer wieder konfrontiert sind, wie Tod und Sterben, Leid usw. Da spiele das Kennenlernen von Religiosität auch für nichtreligiöse Kinder eine wichtige Rolle.
Als Drittes hilft laut Kramer der religiöse Zugang, Wertvorstellungen zu klären. Hier sind Werte wie Nächstenliebe, Verantwortung und Solidarität gemeint und nicht andere Werte, die in der Bibel auch vorkommen. Ihm ist dabei wichtig, dass dies im Sinne eines Dialogs, im Rahmen gemeinsamer Auseinandersetzung, stattfindet und natürlich nicht durch Indoktrination.
Gerade die Frage, wie solche Wertvorstellungen eingebracht werden sollen, ist zu klären, angesichts der Befürchtungen, dass Lehrpersonen mit religiösem Hintergrund die nötige Offenheit und Sachlichkeit vermissen lassen. Hier setzt der Lehrplan des Kantons Zürich einen hilfreichen Rahmen, der auch unserer Überzeugung entspricht:
“Der Erziehungs-und der Bildungsauftrag werden im Unterricht nicht getrennt, sondern beide Ziele werden bewusst gemeinsam angestrebt. Dadurch, dass Lehrpersonen bereit sind, ihre Werthaltungen offen darzulegen, kann das Bedürfnis nach Wertorientierung geweckt werden. Gleichermassen haben die Lehrkräfte an den öffentlichen Schulen jedoch die Pflicht, bei der Besprechung kontroverser Fragen auch andere Sichtweisen und Wertungen aufzuzeigen.”8
Für Lehrpersonen, egal mit welchem Hintergrund, sollte diese Formulierung für den Umgang mit religiösen wie auch mit kontroversen Themen handlungsleitend sein. Dies ermöglicht einen fairen und ausgewogenen Umgang in einer Gesellschaft, die den wertschätzenden Zusammenhalt nötig hat.

Sinnvoll und sachgerecht

Es ist unser Anliegen, dass Menschen, auch in der Schule, als religiös-spirituelle Wesen ernst genommen werden. Christliche Lehrpersonen möchten in der Verbundenheit mit Gott leben, was aber in erster Linie eine Haltung darstellt, die sie im Blick auf Umgangsformen und zwischenmenschliche Werthaltungen verpflichtet.
Wo Inhalte aus dem christlich-religiösen Fundus in der Schule explizit thematisiert werden, müssen sie sich auf den Lehrplan beziehen. Die Art und Weise des Bezuges muss sinnvoll und sachgerecht sein. Entscheidend ist, dass z.B. zwischen kosmologischen Schöpfungsdeutungen und naturwissenschaftlichen Theorien klar unterschieden wird. Im Gegenzug erwarten wir auch, dass bei der Vermittlung von naturwissenschaftlichen Theorien auf sinnstiftende und kosmologische Ansprüche im Sinne einer materialistisch-atheistischen Weltdeutungen verzichtet wird.
Es ist ein entscheidender Wert unserer freien und offenen Gesellschaft, dass gerade in kontroversen Themen die gemeinsame Verständigung gesucht wird. Wir sind deshalb zuversichtlich, dass auch die Frage, wie mit Glaubensinhalten in der Schule umgegangen wird, unpolemisch diskutiert werden kann, auch wenn die Positionen vielleicht weit auseinander liegen. Ein wertschätzender und respektvoller Umgang miteinander ist gerade dort besonders wichtig, wo es um die Bildung und Erziehung unserer Kinder geht. Um der Kinder Willen!

 


1    siehe z.B. Jürgen Baumert: Deutschland im internationelen Bildungsvergleich; in: N. Killius u.a. (Hrsg.): Die Zukunft der Bildung, Frankfurt/M. 2002, 113
2    siehe: curriculum.qca.org.uk/key-stages-3-and-4/personaldevelopment/moralandspiritual/index.aspx, 19.6.09
3    Pressemitteilung 9/2008: Gemeinsame Mitteilung mit dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund SEK und der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) – Leuenberger Kirchengemeinschaft. Kon- taktadresse: Dipl.theol. Thomas Flügge (Bern) Email: t.fluegge@leuenberg.eu. 

4    Leitideen für die Volksschule. IEDK 1984, S. 5

5    Ventur, B.: Martin Bubers pädagogisches Denken und Handeln. Neukirchener, 2003.

6    Schlag, T.: Lehrer dürfen nicht ihren eigenen Glauben vermitteln. NZZ am Sonntag, 07.06.2009

7    Radiosendung zu einer Tagung im Kanton Basel Land mit dem Thema „Biblische Geschichte - ein ganz normales Fach?” im November 1996. 
8    Lehrplan Kanton Zürich von 1990 S.18, Didaktische Bemerkungen.