Ãœber den Glauben reden

von Jonas Bärtschi | 16.08.2011

"Reden. Mit Gott. Über Gott." Unter diesem Titel griff der VBG-Tag am 3. September ein Thema auf, das die VBG sehr beschäftigt: Wie kann ich auf eine verständliche, nachvollziehbare Art über meinen Glauben reden? Und darf man das in der heutigen pluralistischen Gesellschaft überhaupt?

„Missionieren“ ist ein modernes Unwort. Den positiven
Grundbedeutungen des Wortes zum Trotz – von lateinisch mittere
„senden“, gesandt – wird der Begriff heute mit Zwangsbekehrungen,
Druck und Machtsmissbrauch in Verbindung gebracht. Tatsächlich gibt es
wohl wenig Bereiche, in denen die Ängste und Vorurteile so tief
reichen, und zwar in beiden Lagern. Von nichtchristlicher Seite sind
es vor allem zwei Bedenken. Man stösst sich am Druck, der von Christen
in solchen Situationen bisweilen aufgesetzt wird. Oder man geht ein
tiefes Misstrauen: Wenn Christen tatsächlich in Kategorien von
„gerettet“ und „nicht gerettet“ denken, können sie unmöglich
allen Menschen mit Liebe und Respekt begegnen.

Vorsicht bei der Beurteilung

Das sind ernst zu nehmende Bedenken. Sie stehen der Botschaft von
Jesus und dem christlichen Verständnis von Mission aber diametral
entgegen. In den Evangelien kommt immer wieder zum Ausdruck, dass das
Leben mit Gott mit einer bestimmten Herzenshaltung beginnt – und
nicht mit Äusserlichkeiten. Jesus selbst mahnt zu grosser Vorsicht vor
dem „Balken im eigenen Auge“, wenn es um die vorschnelle
Verurteilung anderer geht (Luk 6,42). Und obwohl ich meiner eigenen
Heilsgewissheit sicher sein kann, sollte ich vorsichtig sein, andere
sogleich kategorisieren zu wollen. Wenn Gottes Massstäbe tatsächlich
allen Menschen „ins Herz geschrieben“ sind (Röm 2,15), sollte ich
vielmehr darum bemüht sein, Gottes Wirken in meinem Gegenüber zu
entdecken. Wo wurden schon Prozesse angestossen? Welche Fragen stehen
an?

Nur Zeugen sein …

Das nimmt auch uns den Druck, ein gutes „Resultat“ erzwingen zu
müssen. Der Kern unseres Auftrags besteht darin, Zeugen zu sein.
„Wir sind also Gesandte an Christi statt, und Gott ist es, der durch
uns mahnt“, drückt Paulus es aus (2 Kor 5,20). Es ist immer Gott,
der die Menschen zur Umkehr bewegt. Die Verantwortung liegt nicht bei
uns. Ich muss mein Gegenüber nicht mit manipulativen Techniken oder
ausgefeilter Rhetorik überzeugen, sondern kann das ruhig Gott
überlassen. Das gibt mir eine grosse Lockerheit. Ich bin einzig dazu
berufen, in den Situationen, in die mich Gott stellt, nach bestem
Wissen und Gewissen Auskunft zu geben. Und solche Situationen muss ich
nicht krampfhaft suchen, sie entstehen eigentlich von selbst. Die
Unabhängigkeit und radikale Liebe von Christen, die sich nur Gott und
keinen «Menschensatzungen» mehr verpflichtet wissen, wird
unweigerlich zu Fragen über ihren Lebensstil führen.

... aber glaubwürdige

Trotzdem braucht es eine gewisse Übung, um auf eine gute Weise über
den christlichen Glauben zu sprechen. Wenn ich mir bewusst bin, aus
welchen nachvollziehbaren Gründen ich an Gott glaube, gibt mir das
Sicherheit und macht mich – gerade im akademischen Umfeld –
glaubwürdiger. Die Menschen interessiert aber auch, wie ich Gott
konkret erlebe. Obwohl es eigentlich die normalste Sache der Welt ist
– ich spreche von dem, was mich bewegt und wofür mein Herz schlägt
–, fühlen sich Christen bei Gesprächen über den Glauben oft
überfordert. Ein möglicher Grund dafür ist, dass wir gar nicht recht
wissen, was die Leute „da draussen“ bewegt.


Wenn ich die Menschen um mich her ernst nehmen möchte, dann muss ich
lernen, ihnen zuzuhören. Gezielte Rückfragen können helfen, damit
ich verstehe, worum es ihnen eigentlich geht. Das ist insbesondere in
Diskussionen hilfreich. Mit einer ersten Frage – «Wie meinst du
das?» – kann ich versuchen, den Sachverhalt zu erfassen. Denn nicht
immer wird so klar kommuniziert, wie wir das vielleicht meinen. Fragt
mich beispielsweise jemand, ob der Mensch vom Affen abstamme oder
nicht, dann will diese Person meist gar keine evolutionsgeschichtliche
Abhandlung hören, sondern nur wissen, ob sie mich in die Kreationisten-
Ecke stellen kann.

Respekt zeigen

Eine zweite Frage hilft mir, die Lage einzuschätzen: «Wie kommst du
darauf?» Oder: «Wie begründest du das?» Auch hier geht es darum,
das Anliegen meines Gegenübers ernst zu nehmen. Wenn mich einer fragt,
wie ein liebender Gott so viel Leid auf der Welt zulassen kann, geht
es dieser Person vielleicht um eine philosophische Erörterung. Es
könnte aber auch sein, dass sie in einer tiefen persönlichen Krise
steckt und einfach nur Trost sucht.


Gerade in argumentativen Gesprächen ist es ein Zeichen von Respekt,
mit Fragen auf eine Person einzugehen, statt ihr gleich meine
Ansichten an den Kopf zu werfen. Nicht zuletzt muss ich mir auch nicht
alles gefallen lassen. Wenn jemand behauptet, das Neue Testament sei
die raffinierte Fälschung aus dem vierten Jahrhundert, dann muss diese
Sicht auch begründbar sein, wenn ich sie ernst nehmen soll. Sich über
unbegründete Spekulationen zu streiten, ist selten produktiv.
Natürlich lässt sich das alles auch umkehren. Weiss ich, was ich
glaube – und weshalb? Kann ich meine Ansichten begründen? In diesem
Sinne sind Gespräche über den Glauben immer auch eine Gelegenheit,
selber zu wachsen und neue Anstösse zu erhalten.


Das gilt nicht nur für meinen Intellekt, sondern auch für mein
Glaubensleben. „Wie erlebst du Gott?“ Diese einfache Frage bringt
viele Christen ins Stocken. Eine einfache Gewohnheit könnte hier
Abhilfe schaffen: Warum nicht am Ende des Tages oder vor dem Beginn
einer neuen Woche zurückschauen und mich fragen: wo habe ich Gottes
Spuren in meinem Alltag gesehen? Das regelmässige Aufschreiben solcher
Erlebnisse kann zu einer geistlichen Ãœbung werden, die mir hilft,
dankbar zu sein und auch in schwierigen Situationen mit Gottes
Gegenwart zu rechnen.

Authentisch sein

Gerade in einer Zeit, in der Wahrheit beliebig
und Beziehungen alles sind, erhalten persönliche Geschichten eine
immense Wichtigkeit. Authentizität überzeugt viele Menschen mehr als
die stichhaltigsten Argumente. «Wer postmoderne Menschen für den
christlichen Glauben gewinnen will, muss Geschichten erzählen“,
meint auch Matthias Clausen, der in der deutschen VBG-
Schwesterorganisation SMD tätig ist. Denn: „Der christliche Glaube
ist im Kern keine grosse Theorie, sondern eine wahre Geschichte.“ In
der VBG haben wir uns das reflektierte Christsein auf die Fahne
geschrieben. Doch wie ein Glaube ohne Werke tot ist, so ist es auch
mit dem Philosophieren allein nicht getan. Wir müssen uns immer wieder
auf die Suche nach einer lebendigen, praktischen Gottesbeziehung
machen. Denn dies ist das Feuer, das die Herzen der Menschen um uns
her in Brand zu setzen vermag.



Die zwei "goldenen Fragen" können helfen, Diskussionen auf eine sachliche Ebene zu bringen und herauszufinden, worum es meinem Gegenüber geht:

1. Wie meinst du das?
Diese Frage zielt darauf ab, mehr Informationen zu gewinnen. Weil ich mein Gegenüber als Person ernst nehmen möchte, ist es mir wichtig, genau zu verstehen, was sie oder er meint. Eine solche Rückfrage kann auch helfen, eine klare Aussage des Gesprächspartners zu erhalten, auf die ich dann genauer eingehen kann. Alternativen zu dieser Frage sind: «Worum geht es dir genau?» – «Verstehe ich dich richtig, dass...?» – «Redest du jetzt spezifisch von...?»

2. Wie begründest du das?
Die zweite Frage will zum Kern der Sache vordringen. Wenn die erste Frage eine These ins Spiel bringt, dann muss diese These auch begründet werden. In Glaubensfragen haben Christen die Tendenz, viel zu rasch in den Verteidigungsmodus zu wechseln, anstatt kritisch zurückzufragen. Die Frage kann aber auch eine Hilfe für mich selber sein, mir über meine Ansichten und ihre Begründung klar zu werden.
Alternativen zu dieser Frage sind: «Wie kommst du zu dieser Ansicht?» – «Hast du das schon einmal selber er- lebt?» – «Auf welche Quellen beziehst du dich?»