«Und der Wind legte sich»

«Und der Wind legte sich»

von Heiner Schubert | 16.09.2013

Predigt zum VBG-Tag 2013 (Matthäus 14, 22-33)

Als Thema haben wir über diesen Tag einen Satz aus dem neuen Leitbild gestellt: «Die VBG ist eine christliche Bewegung». Da liegt es nahe, darüber nachzudenken, warum wir Christen sind.


Was ist das eigentlich, ein Christ? Natürlich können wir jetzt vom Ruf sprechen, von der Gnade: Wir können von der Erlösung sprechen. Überhaupt könnten wir nun viele theologische Richtigkeiten von uns geben – die aber alle nicht erklären, warum wir Christen sind. Das heisst: sie können vielleicht wunderbar erklären, warum wir Christen geworden sind. Aber sie können nicht erklären, weshalb wir es geblieben sind.


Jesus hat ganz wenig Theorien verkündet. Das haben später die Theologen getan. Allen voran die Evangelisten, die sein Leben kommentiert haben und es in den Zusammenhang stellten, der ihnen besonders am Herzen lag. Matthäus hatte eine andere Hörerschaft vor Augen als Lukas. Paulus versuchte, die Bedeutung des Lebens und Sterbens Jesu zu erklären; die Unverzichtbarkeit der Auferstehung herauszustreichen.


Jesus selbst blieb sehr konkret. In Bildern sprach er von der neuen Welt Gottes, in der andere Gesetzmässigkeiten gelten; Gesetze, die die Menschen befreien aus heillosen Verstrickungen. Er gab Handlungsanweisungen, die so einfach sind, dass wir ein Leben lang brauchen, um sie umzusetzen. Es gelingt erst, wenn wir bereit sind, uns zu wandeln. Darum heute diese Geschichte: Sie nimmt sehr schön ein paar Aspekte auf, die zur glaubenden Existenz gehören. Das tut sie, wie eigentlich alle Berichte der Evangelien, auf eine auf den ersten Blick sehr einfache Art. Beim zweiten Blick eröffnen sich dann ungeahnte Tiefen.


Eine einzigartige Beziehung
Was zuerst auffällt: Jesus nimmt sich Zeit, um zu beten. Er schickt seine Leute weg, die das nicht verstehen. Jesus pflegt die Beziehung zu seinem Vater. Er holt sich die Kraft, die nötig ist für seinen Dienst. Nach einem langen Tag macht sich die Mühe, auf einen Berg zu steigen, um möglichst ungestört zu sein. Glauben ist ein Beziehungsgeschehen. Wir müssen die Beziehung zu Gott pflegen. Da sage ich Ihnen nichts Neues. Mein Eindruck ist, dass es nicht einfacher wird, je länger das Leben dauert. Immer noch ist die Zeit, die ich mir für Gott nehme, umkämpft. Vieles drängt sich in den Vordergrund, als wäre es wichtiger. Aber wenn wir den inneren Menschen nicht nähren, wird unser Zeugnis zuerst hohl und dann unglaubwürdig.


Kürzlich erzählte mir ein Pfarrer von seiner Lebenskrise: Es wurde ihm plötzlich bewusst, dass er Gott nur benutzt hatte, um selbst toll dazustehen. Gott als Fassadenverkleidung. Alles fiel zusammen und er stand vor einen Neubeginn: zum ersten Mal liess er zu, dass Gott sein Inneres möblierte. Es geht aber noch um etwas anderes als um die Disziplin, Zeiten mit Gott auszuhalten, auch wenn nicht viel passiert. Es geht um eine Beziehung, die exklusiv ist. Das ist der Beweggrund zum zölibatären Leben: Dass Männer und Frauen sich sagen: Dieser Beziehung will ich nichts vorziehen. Der Zölibat ist in Verruf geraten, das ist schade. Ob in einer festen Beziehung lebend, oder alleine: Die Beziehung zu Gott bleibt ausschliesslich, intim, nur beschränkt kommunizierbar. Ich kann letztlich nicht genau ausdrücken, was ich denke und erlebe. An der Ehe mit meiner Frau gefällt mir am besten, dass sie ihre exklusive Beziehung zu Jesus pflegt, von der ich letztlich wenig weiss. Das gibt unserer Ehe Luft und schafft Raum für eine Fremdheit, die der Beziehung gut tut.


Im Gegenwind
Während Jesus auf dem Berg betet, haben die Jünger Gegenwind. Eine Glaubenserfahrung. Man rudert. Man kommt nicht vorwärts. Es gibt zwar eine Perspektive, – das andere Ufer – aber das scheint unerreichbar. Ich will hier nicht von den Organisationen sprechen, zu denen wir gehören. Ich hoffe natürlich, dass wir als Vorstand nicht zu oft am Rudern sind. Das wäre ein grosses Thema – nicht nur für uns. Auch über den Gegenwind unserer Zeit, der nach meinen Beobachtungen auffrischt, könnten wir nachdenken. Das will ich alles nicht. Was mir für heute zu denken gab, ist das Wasser als Bild für das Unbewusste. Viele Geschichten um Jesus spielen am Wasser. Ich bin sehr überzeugt, dass das nicht nur touristische Gründe hat. Wir bleiben mit unserem Bewusstsein weitgehend an der Oberfläche unserer Persönlichkeit. Vieles bleibt unbewusst, vieles steuert unsere Reaktionen. Manchmal so, dass wir neben uns stehen und selbst nicht verstehen, weshalb wir so reagieren. Mir ging das als junger Vater oft so. Ich wollte und musste lernen, nicht den Weg meiner Väter zu gehen. Manches gelingt, vieles nicht: Wir bleiben uns ein Leben lang fremd. Auf dem Weg des Glaubens schenkt uns Gott aber manchmal tiefe Einblicke in unser eigenes Wesen. Es sind Momente des Erschreckens. Jesus sagt: «Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst» (Mk 12,31) – und wir entdecken unsere Unfähigkeit zu lieben, die Verachtung und den Groll, die wir hegen. Jesus sagt: «Sorgt euch nicht! Schaut auf die Vögel (Mt 6,25)!» – und wir fragen uns, ob unsere Pensionskasse durchhält, bis wir dran sind, zurückzuholen, was wir einbezahlt hatten. Es sind diese Momente des heilsamen Erschreckens, die uns in die Arme Gottes treiben. Sie sind denen vorbehalten, die glauben. Jesus zieht uns manchmal den Teppich unter den Füssen weg, damit wir in seine Arme fallen. Das ist das Vorrecht derer, die in seiner Nachfolge leben.


Im entscheidenden Moment ...

Der Teppich, respektive das Wasser, das nicht trägt, ist auch das Petrus-Motiv. Petrus mimt wieder mal den Draufgänger, den Star, der es als einziger wagt, aus dem sicheren Boot zu steigen. Sein Absinken ist ein Bild dafür, wie wenig die eigenen Sicherheiten tragen, wo es wirklich drauf ankommt. Angststörungen sind vor allem in den wohlhabenden Ländern verbreitet. Das muss uns doch zu denken geben. Dass Leute da, wo es an nichts mangelt, Polizei und Ärztin sofort zur Stelle sind, am meisten Angst haben. Das zeigt, wie wenig diese Sicherheiten tragen.
Jesus ist im entscheidenden Moment zur Stelle. Das ist die Pointe dieser Geschichte. Wenn ich zu rudern beginne, weil ich mir selbst ein Rätsel bleibe, so kommt er und hilft mir auf, zeigt die Richtung, schaltet den Sturm ab. Wenn ich mal wieder mit meinen tollen Plänen absaufe und auf meinem Weg, als weisser Ritter die Welt zu retten, scheitere, fängt er mich auf, tröstet mich und macht mir Mut, mich mit dem zufrieden zu geben, was mir möglich ist.


Dass ich ihn gerade dann, wenn es besonders brenzlig wird, für ein Gespenst halte, passt ins Bild. Es braucht einige Übung, gerade dann das Vertrauen zu wagen, wenn alles dagegen spricht. Aus dem sicheren Boot zu steigen, den Blick fest auf Jesus gerichtet, wie Petrus das vormacht, halten wir für die Heldentat. In der Überforderung und in dem, was schiefgeht, Gottes Gegenwart zu suchen, ist wirklich anspruchsvoll. Ich bin auch Christ geblieben, weil ich tief davon überzeugt bin, dass Gott gegenwärtig ist, wo es endgültig zappenduster geworden ist. Für die Erfahrung, getragen worden zu sein, finden wir oft erst im Nachhinein Worte. Sie wird das Leben für immer prägen. Ich bin Christ geblieben wegen Geschichten wie dieser. Sie sind der Proviant auf der Lebensreise: sie versorgen uns mit lebenswichtigen Einsichten. Ohne die Berichte der Evangelien gäbe es keine Erneuerung. Weder in meinem Leben noch im Leben der Kirche.


Und am Schluss berichtet Matthäus: «Und der Wind legte sich». Amen.

Heiner Schubert, Pfarrer, ist Präsident der VBG. Er lebt mit seiner familie in der Kommunität Don Camillo in Montmirail.