Unterrichten – kein Beruf für Gläubige?

Unterrichten – kein Beruf für Gläubige?

von Daniel Kummer | 01.09.2009

Nach dem Startschuss in der Zürcher Studierendenzeitung vom 27. März sind innert weniger Wochen über zwanzig Medienbeiträge über «christliche Fundamentalisten» an Pädagogischen Hochschulen erschienen. Ergänzt wurden sie von Beiträgen, die in christlichen Schulen oder christlichen Lehrpersonen an staatlichen Schulen ein Problem sehen. Steckt hinter dem Medienrummel böse Absicht, heisse Luft oder ist mehr dahinter?

Die Medien äusserten meistens eine gewisse Besorgnis über fundamentalistische Tendenzen oder über Indoktrination, die aber nur marginal mit konkreten Vorfällen begründet werden konnte. Am deutlichsten beschrieb eine Kipa-Meldung1 das latente Unbehagen: «Alle befragten Fachleute stellen klar: In der Schule darf nicht missioniert oder indoktriniert werden. Das müsse an den Hochschulen deutlich gemacht werden. Doch befürchten viele, im Unterricht würden Lehrpersonen mit einem stark religiösen Hintergrund die eigenen Überzeugungen eben doch durchdringen lassen, auch wenn sie nicht direkt missionierten.» Was aber wird in der ganzen Diskussion mit «missionieren» oder «indoktrinieren» eigentlich gemeint?

Was heisst missionieren?

Bei der Auseinandersetzung mit verschiedenen Medienbeiträgen wird ein Missionsverständnis unterlegt, das wie folgt zusammengefasst werden kann: «Die eigene subjektive Glaubensüberzeugung wird ohne jeden äusseren Anlass (z.B. einen Lehrplanbezug) sehr überzeugt und mit Absolutheits- oder Wahrheitsanspruch im Unterricht eingebracht.» Ein solches Verhalten wäre tatsächlich nicht tolerierbar und auch erzieherisch verwerflich. Aber kommt das wirklich vor? Dafür gibt es bis jetzt – das bestätigen auch die Medienberichte – keine Belege.

Um in eine sachliche Diskussion einzusteigen, sind die Untersuchungen von Olivier Reboul in seinem Buch «Indoktrination – Wenn Denken unterdrückt wird» hilfreich. Er zeigt auf, wie Mechanismen der Indoktrination oder auch einer Missionierung, die unter Druck setzt, funktionieren2.

Was heisst indoktrinieren?

Kriterien sind z.B. folgende:

Im Bildungsprozess wird die persönliche Autorität als Argument für die Wahrheit einer Aussage eingesetzt.

Eine Doktrin wird so gelehrt, als sei sie die einzig mögliche, respektive bei der Diskussion werden andere Positionen verächtlich gemacht.

Das dritte Kriterium für Indoktrination lautet: Unwissenschaftliche Inhalte werden als Wissenschaft gelehrt. Man indoktriniert immer dann, wenn man «dogmatisch» unterrichtet, wenn man als objektives Wissen ausgibt, was persönliche oder kollektive Glaubensüberzeugung ist.

In der Darstellung der Inhalte werden nur diejenigen Fakten gezeigt, die für die eigene Doktrin sprechen. Auf polemische Art werden dazu bestimmte Wertvorstellungen gerühmt, indem andere verächtlich gemacht werden.

Wer solche Mechanismen anwendet, soll von Behörden-, Eltern- und Schülerseite her kritisiert werden, denn es widerspricht einem Bildungsideal, das Menschen zu verantwortungsbewussten und denkenden Mitbürgern erziehen will, klar. Das gilt im übrigen für alle Werthaltungen und weltanschaulichen Überzeugungen, nicht nur für religiöse.

Dass eine Lehrperson einen eigenen, reflektierten und begründbaren Glaubensstandpunkt hat, ist jedoch wünschenswert. Bezüge zu sinnstiftenden Überzeugungen und auch zum christlichen Glauben sind dort angebracht, ja nötig, wo sie dem Sachverständnis dienen und einen Bezug zum Lehrplan aufweisen. Wichtig ist, dass diese Sachverhalte offen und fair eingebracht werden und diskutiert werden dürfen.

Religion als Teil des Lebens?

Religion im öffentlichen Leben und in der Schule ist ein hochaktuelles Thema. Dies belegen die engagierten Aktionen atheistisch eingestellter Mitmenschen wie auch das Nationalfondsprojekt 58, das den hohen Anteil an gläubigen PH-Studierenden problematisiert.

Gerade in der Schule ist es aber wichtig, dass religiöse Bezüge bewusst gemacht, diskutiert und reflektiert werden. So hat der Abgeordnete der Gemeinschaft der Evangelischen Kirchen, Thomas Wipf, zu Recht im Europarat gefordert3, Lehrkräften ein gewisses Mass an Selbstreflexion zu ermöglichen. Dies erlaube ihnen ein kritisches Umgehen mit ihrer eigenen religiösen Biografie. Indem Glaube und Religion in der Schule natürlich integriert werden, wird extremen Formen religiöser Gesinnung besser vorgebeugt als durch Mutmassungen und fundamentalistische Zuschreibungen, wie das im Moment durch einzelne Medien geschieht4.

Im Dienst der Identitätsentwicklung

Gerade Jugendliche stehen von ihrer Identitätsentwicklung her an einem anderen Ort als heutige «Mittelalterliche». Sind es aber nicht gerade diejenigen Mittelalterlichen, die als Jugendliche revoltierend und missionierend durch die Strassen gezogen sind, die jetzt fromme Jugendliche in Schranken weisen wollen? Die Jugend braucht einen von Idealen geprägten Handlungsspielraum, der mit Überzeugung ausgefüllt wird. Fundamentalismus-Verdächtigungen sind da wenig hilfreich, sie verstärken radikalisierende Tendenzen eher. Es geht vielmehr darum, bejahend aufzuzeigen, dass Religion ein normaler und kontrovers diskutierter, aber nicht ein tabuisierter Bereich des Lebens sein kann. Ein solcher «integrativer» Zugang wird einen lebensförderlichen Umgang mit Religion wohl am wirkungsvollsten ermöglichen.

Religion schafft als Querthema neue und sinngebende Zugänge zu verschiedenen Fachbereichen. Dies hat auch Jürgen Habermas exemplarisch in seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels dargelegt: Es sei nicht möglich, «dass wir als Europäer Begriffe wie Moralität und Sittlichkeit, Person und Individualität, Freiheit und Emanzipation... ernstlich verstehen, ohne uns die Substanz des heilsgeschichtlichen Denkens jüdisch-christlicher Herkunft anzueignen5».

Einhaken statt abhaken!

In England besteht seit Mitte der 90er-Jahre ein Schulfach mit dem Titel «Spiritual and Moral Development», in dem klare Bezüge auch zum religiös-philosophischen Bereich gemacht werden. Eine ganzheitliche Bildung kann Bereiche, die sinnstiftend und wertebildend sind, nicht ausklammern. Bildung ist immer auch ein Prozess, der Identität stiftet und prägt, ausser man reduziert Bildung auf Halbbildung in Form von blossem Faktenwissen, das durch präzise Standards abgefragt werden kann. Eine solche Bildung werden aber Kinder eher rasch hinter sich bringen und abhaken, statt sich selbst in den Bildungsprozess und damit in das gesellschaftliche Miteinander einzuhaken.

 

1 www.zh.kath.ch/aktuell/medienspiegel/2009/14/missionieren-in-der-primarschule-kipa

2 Olivier Reboul: Indoktrination. Wenn Denken unterdrückt wird. Walter-Verlag, Olten 1979, ISBN 3-530-67990-9.

3 www.leuenberg.eu/side.php?news_id=7867&part_id=0&navi=5, 23.7.09.

4 Eine Ausnahme bildet z.B. die Reformierte Presse, welche in ihrer Ausgabe vom 7. August die Ansprechperson für Studierende interviewte, die mit religiösen Studenten angeblich Schwierigkeiten haben. Diese bezeichnete im Interview den Medienrummel als weit übertrieben und sieht keine besonderen Probleme mit frommen Studierenden.

5 Habermas, Jürgen (1988): Nachmetaphysisches Denken – Philosophische Aufsätze, Frankfurt a.M., S. 23

 

Zuerst erschienen in BST 3/2009