Warum gibt es Leid?

von Johannes B. Brantschen |

Das Leiden unschuldiger Geschöpfe lĂ€sst sich nur schwer mit dem Glauben an einen guten und allmĂ€chtigen Gott vereinbaren. Was sagt Leid ĂŒber Gott aus? Wie können wir mit der Erfahrung des Leids umgehen?
Brantschen, Johannes B.. Warum gibt es Leid?. ISBN 3451060566. Die grosse Frage nach Gott. Herder 2009. 128 Seiten.

Eine Buchzusammenfassung von Felix Ruther

 

Als Simund Freud seine Tochter Sophie verlor, schrieb er einem Freund: „Da ich im Tiefsten unglĂ€ubig bin, habe ich niemand zu beschuldigen und weiss, dass es keinen Ort gibt, wo man eine Anklage anbringen kann.“ Freud fand Ablenkung in der Arbeit und versuchte, „sich in der Resignation des Überlebenden zu ĂŒben.“

Christen haben es in solchen Situationen einerseits leichter: Sie haben eine Adresse fĂŒr ihre Klage; andererseits verkompliziert der Glaube an den guten Gott das Leiden. Denn, wie kann man als Christ an Gott, der Macht der Liebe, festhalten angesichts der Leidensgeschichte der Menschheit? Eine unheimliche Frage, die der UnglĂ€ubige so nicht kennt.

Einleitung

Reden und Schweigen?

All die unzĂ€hligen Antworten mĂŒssen an irgendeiner Stelle einen letzten Rest an Sinngebung schuldig bleiben. Angesichts der Shoah ist jede Sinnsuche aussichtslos, es bleibt einzig erschĂŒttertes Schweigen.

Dennoch sollte man ĂŒber das Leiden reden. Denn erstens ist der Mensch ein Wesen, das verstehen will, zweitens kann uns das Nachdenken ĂŒber das Leiden, solange wir „glĂŒcklich“ sind, in der Nacht des Leidens zu einer Hilfe werden. Denn in Krisenzeiten können kaum neue Inhalte erlernt werden. Es trĂ€gt nur das, was im Leben schon angeeignet wurde und sich bewĂ€hrt hat.

Wenn wir uns dieser Frage stellen wollen, dann mĂŒssen wir zuerst den Skandal des Leidens in seinem Umfang und ganzen BrutalitĂ€t sehen. Verweigern wir dies, werden all auch noch so stotternden Antwortversuche von vornherein unredlich. Doch ein StĂŒck Leiden gehört offensichtlich zum Menschsein, zur so genannten „conditio humana“, und wer diesen Schmerz verleugnet, bleibt lebenslang in seinem Narzissmus gefangen.

Das Leiden ist der wichtigste Einwand gegen Gott, sogar der einzig ernst zu nehmende Einwand. Camus (in „Die Pest“): „Ich werde mich bis in den Tod hinein weigern, die Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden.“ Auch Iwan in „Die BrĂŒder Karamasow“ will vom Himmel nichts wissen, wenn der Weg zum Himmel ĂŒber Kinderqualen geht: „Nicht Gott lehne ich ab, Aljoscha, sondern ich gebe ihm nur ehrerbietig die Eintrittskarte zurĂŒck.“

In einem letzten Brief aus Stalingrad schreibt ein Soldat seinem Vater, einem Pastor: „In Stalingrad die Frage nach Gott stellen, heisst sie verneinen ... ich habe Gott gesucht in jedem Trichter, in jedem zerstörten Haus ... Gott zeigte sich nicht, wenn mein Herz nach ihm schrie. Auf der Erde war Hunger und Mord, vom Himmel kamen Bomben und Feuer, nur Gott war nicht da... Und wenn es doch einen Gott geben sollte, dann gibt es ihn nur bei euch, in den GesangsbĂŒchern und Gebeten, den frommen SprĂŒchen der Pastoren, aber in Stalingrad nicht.“

Jiob ist ĂŒberall: Er wird in Indien als Kind zur Schwerstarbeit in Minen gezwungen, er resigniert in Darfur und ist nicht weniger der ganz gewöhnliche Mensch von nebenan, der in einer zerstrittenen Ehe lebt, der mit zwanzig keine Arbeit findet und mit siebzig in die Einsamkeit eines Heims gehen muss.

Und wenn wir ins Tierreich schauen, dann verdĂŒstert sich das Bild noch mehr; denn fressen und gefressen werden heisst das Gesetz der Natur. Schopenhauer meinte: „Diese Welt ist ein Tummelplatz gequĂ€lter und geĂ€ngstigter Wesen, welche nur dadurch bestehen, dass eines das andere verzehrt.“ Und: „Wenn Gott diese Welt geschaffen hat, möchte ich nicht Gott sein, denn das Elend der Welt wĂŒrde mir das Herz zerreissen.“

 Schon Aristoteles stellte fest: „Nicht göttlich, sondern dĂ€monisch ist die Natur.“ Sicher, man kann die Natur auch anders sehen. Die Romantiker, allen voran Joseph von Eichendorf, haben es gezeigt. Aber auch die Bibel sagt: „Das Geschaffene seufzt und Ă€ngstigt sich schmerzlich bis zur Stunde“ (Röm 8,22). Schon der Psalmist sagt: „Unser Leben wĂ€hret siebzig Jahre, und wenn es hochkommt, sind es achtzig. Das Beste daran ist nur MĂŒhsal und Beschwer“ (90,10).

Stendhal folgert daher: „Die einzige Entschuldigung fĂŒr Gott besteht darin, dass er nicht existiert, denn wenn Gott wĂ€re, mĂŒsste er als Schöpfer dieser grauenvollen Welt vor Gericht gestellt werden.“

Hat Gott kein Herz? Warum dieses Übermass an Leiden? Warum das Leiden Unschuldiger? Wenn Gott uns gerne hat, wie wir glauben, und wenn Gott alle Macht besitzt, wie wir bekennen, warum lĂ€sst er dann so viel Leiden zu?

(Def.: Das Übel, das der Mensch tut, nennen wir das Böse; das Übel, das dem Menschen widerfĂ€hrt, nennen wir Leiden (Augustinus). Leibnitz unterscheidet noch das metaphysische Übel. Das ist die Endlichkeit und Begrenztheit alles Geschaffenen.

Obwohl man das Böse und das Leiden unterscheiden muss, stehen sie oft in einer spannungsreichen Beziehung zueinander. Odo Marquard zeigte in seinem Buch „Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie“, dass sich der moderne EuropĂ€er in einem unheimlichen Unschuldswahn gefĂ€llt. Er fĂŒhlt sich als Opfer. Schuld sind die anderen: das Erbgut, das Milieu, die Erziehung, die SachzwĂ€nge, der Teufel. Nur das Gute, das tut man selbst. Es vollzieht sich eine Verschiebung vom Bösen zum Leiden, vom TĂ€ter zum Opfer.)

1. Alte und neue Antworten

Auf die Frage nach dem Warum des Leidens hatten die Alten eine klare Antwort: Leiden ist Strafe fĂŒr SĂŒnden. Diese Antwort findet man im Judentum, Christentum und vor allem in der Karma-Lehre. In der Karma-Lehre sĂŒndigt man aber gegen sich selber, im Judentum sĂŒndigt man auch gegen Gott. Die alttestamentliche Weisheitslehre kennt den Tun-Ergehen-Zusammenhang (Jiobs Freunde sind klassische Vertreter, z.T. noch die JĂŒnger Jesu – vgl. Joh 9,2). Auch in unseren Tagen ist es nicht so selten, dass Menschen, denen Leid widerfĂ€hrt, von SchuldgefĂŒhlen geplagt werden. Typisch ist dann die Frage: Womit haben wir das verdient?


a) Leiden als Strafe: Diese Vorstellung wurzelt u.A. darin, dass der Mensch glaubt: „Alles muss bezahlt werden.“ Mag dieser Grundsatz im Alltag Sinn machen, im Reich Gottes hat er zunĂ€chst nichts zu suchen. Hier gilt Gnade und Erbarmen, ohne Vorbedingung, ohne Leistung. Reine GĂŒte ist uns Menschen der Leistungsgesellschaft aber unheimlich.

Eine weitere Wurzel sehe ich im prĂ€genden Denken von Thomas von Aquin. Seine Ansicht, dass seit dem SĂŒndenfall alle Menschen Schuldig sind und Strafe verdienen, wurde in der Kirche ĂŒber Jahrhunderte zur HaupterklĂ€rung. Dieses System brach aber aus zwei GrĂŒnden zusammen:

  1. Die Evolution: (Gott schuf den Menschen als lebendige Seele, hebr. Nefesch – ausgetrocknete Kehle, hungriger Schlund.) Die Menschwerdung des Menschen ist dann geschehen, als der höchstentwickelte Hominide sich bewusst wurde, dass sein Hunger und Durst durch Nahrung und SexualitĂ€t nicht mehr alleine gestillt werden konnten. Durch diese, die Natur ĂŒbersteigende Sehnsucht wurde der Hominide ein Fremdling unter den Tieren.
    Oder wie der SÀugling, der in symbiotischer Einheit mit der Mutter lebt, erst durch einen langen verbalen und nichtverbalen Dialog mit ihr zu einem eigenen Subjekt wird, so könnte auch im Hominiden ein langer Dialog mit dem immanenten und transzendenten Gott seine Subjektwerdung bestimmt haben. Wann dieser Bewusstseinssprung geschah, wissen wir nicht.
  2. Bibelwissenschaft: Durch sie wurde uns klar, dass die Schöpfungsgeschichten keine historischen Reportagen sind, sondern dass sie uns etwas eminent Theologisches sagen wollen: Gott hat fĂŒr den Menschen das GlĂŒck vorgesehen. Sigmund Freud wollte aber zeigen (in Totem und Tabu und Der Mann Moses und die monotheistische Religion), dass der Anfang der Religion in den SchuldgefĂŒhlen wurzelt, die aus einem fantasierten Vatermord  (Gen 3,5 „Ihr werdet sein wie Gott.“) stammen. Er ignoriert die Paradiesgeschichte (Gen 1;2) und setzt fĂŒr seine Religionskritik beim SĂŒndenfall ein, um zu schliessen: Das ganze jĂŒdisch-christliche BemĂŒhen besteht darin, den Vatermord zu sĂŒhnen. Paulus wĂŒrde daher den Tod Christi als SĂŒhnopfer fĂŒr den beleidigten Vater interpretieren.
    Die Bibel sagt uns, dass der Anfang der Geschichte zwischen Gott und Mensch nicht geglĂŒckt ist. Sie sagt uns aber auch, dass das menschliche Leben nicht so sein mĂŒsste. Dem ErzĂ€hler geht es auch um den Kontrast zwischen dem, was eigentliche Bestimmung des Menschen ist, und dem, was infolge des menschlichen Unverstands traurige Wirklichkeit geworden ist. Falls der Mensch von Anfang an nach Gottes Willen gelebt hĂ€tte, wĂŒrden dann auf Erden andere biologische und physikalische Gesetze herrschen? Mitnichten. Aber der Mensch könnte in angstfreier, solidarischer Partnerschaft leben, und der Tod könnte als friedvolles Aushauchen des Lebens in Gott hinein erfahren werden.

Fazit: Weil der Mensch Gottes Absicht von Anfang an nicht recht verstanden hat, kommt er mit sich selber, miteinander und mit der Natur nicht zurecht. Daraus folgt: Nicht Gott straft, sondern wir strafen uns selber, wenn wir an Gott vorbei unser GlĂŒck suchen wollen.

Die Rede vom Leiden als göttliche Strafe zeitigt ungute Folgen. Sie fördert selbstzerstörerische SchuldgefĂŒhle und allzu willige Ergebung ins Leiden. (Noch im 18. Jahrh. wurde den Christen verboten, sich gegen Pocken zu impfen, denn Pocken seien eine Strafe Gottes.) Wer Leiden als Strafe Gottes deutet, wird unfĂ€hig, zwischen abwendbaren und unabwendbaren Leiden zu unterscheiden. Widerstand und Ergebung – das ist die christliche Haltung dem Leiden gegenĂŒber.


b) Leiden als Erziehungsmittel: Unsere theologischen UrvĂ€ter waren sich bewusst, dass ihre Theorie, Leiden sei Strafe, nicht der Weisheit letzter Schluss sein könne. Denn auch bei gleicher Erbschuld leiden nicht alle gleich, und auch bei den aktuellen SĂŒnden packt das Leiden den einen viel grausamer als den anderen. Thomas fand eine zweifach gegliederte Antwort: Die Strafe fĂŒr die UrsĂŒnde ist fĂŒr alle gleich, sie besteht im Verlust des Gnadengeschenks, das verhindert hĂ€tte, dass Menschen leiden und sterben mĂŒssen.

Die göttliche Vorsehung hat zweitens bei den ungleichen Schicksalen ihre weise Hand im Spiel: Die ungleichen Leiden bei gleicher Schuld sind göttliche Medizin, die lÀutert.

Auch in der Bibel heisst es, wie ein guter Vater nicht mit der Rute spart, so auch der himmlische Vater nicht. Und Gott allein, weiss, was er dem Einzelnen zumuten kann.

Zweifelsohne haben Christen immer wieder die Erfahrung gemacht, dass sie durch Leiden hindurch liebesfĂ€higer geworden sind und ihr Glaube reifer geworden ist. Sobald wir aber aus diesen Erfahrungen eine Theorie machen und behaupten, Gott schicke uns Leiden, um uns zu erziehen, wird die Sache schief. Denn die Rute macht aus denen, die sie spĂŒren, viel eher Menschen voller Furcht, Hass und Untertanengeist als glĂŒckliche Kinder Gottes. Gott aber will aus uns freie Söhne und Töchter machen, die mir aufrechtem Gang und ohne Hass durchs Leben gehen. Zudem greift die Rede vom Leiden als Erziehungsmittel entschieden zu kurz, angesichts der Tiefe und des Ausmasses menschlichen Leidens.


c) Die Schönheit des Universums: Warum mĂŒssen auch unschuldige Tiere leiden? Die Antwort unserer theologischen UrvĂ€ter tönt sehr gelassen: Bitte keine SentimentalitĂ€t! Die Leiden der Tiere gehören zur Schönheit des Universums. Der vielschichtige Ordo-GedanÂŹke, der von einer Schöpfungsordnung ausgeht, wird somit zu einem Pfeiler der LeidenserklĂ€rung. In einer Werde-Welt, hat dieser statische Gedanke aber wenig Überzeugungskraft. Auch sollten wir unsere Mitschuld am Leiden der Schöpfung erkennen. Nachdem Descartes (gest. 1650) die Tiere zu gefĂŒhllosen ‚Maschinen’ herabgestuft hat, hat die europĂ€ische Moderne das Tier immer mehr verdinglicht und zum Objekt menschlichen Profitstrebens gemacht. Erst wenn hier ein Umdenken und eine neue Praxis einsetzen, wird unsere Klage ĂŒber die Grausamkeit der Schöpfung ehrlich.


d) Leiden- Preis der Liebe: Nachdem die traditionellen Leidenstheorien ihre PlausibilitĂ€t weitgehend eingebĂŒsst haben, versuchen die Theologen, das Leiden als Preis der Freiheit zu deuten (vgl. Gott im Leid. Zur Stichhaltigkeit der Theodizee-Argumente, Armin Kreiner, Herder 2005).

Unsere Mitverantwortung: Der Mensch, nicht Gott, spielt das Trauerspiel. Aber hat den Gott ein Ungeheuer erschaffen?

(Leiden, die wir Menschen einander antun, sind schwerer zu ertragen, als Leiden, die die Natur uns zufĂŒgt. Eltern werden eher damit fertig, wenn ihr Kind an einer Krankheit stirbt, als wenn es von einem betrunkenen Raser zu Tode gefahren wird.)

Die Freiheit ist der Preis der Liebe. Weil Gott Liebe will, will er Freiheit, auch wenn in der Freiheit die Möglichkeit steckt, sie zu missbrauchen und so einander Leid zuzufĂŒgen. Wer die Freiheit leugnet – so klein sie im Konkreten auch sein mag -, der leugnet nicht nur die Liebe; er muss auch fĂŒr die Abschaffung aller Gerichte dieser Welt kĂ€mpfen. Denn ohne Freiheit gibt es auch keine SchuldfĂ€higkeit.

Vor der Freiheit des anderen sind wir und auch Gott ohnmĂ€chtig. Wer Liebe will, muss Freiheit wollen, und wer Freiheit will, geht das Risiko ein, dass der andere Nein sagt, dass er mich ablehnt. Gott ist dieses Risiko eingegangen, weil er Freude an der Liebe hat – und Gott hat Freude an der Liebe, weil er Liebe ist (1. Joh 4,8.16). Gottes und Menschenliebe lassen sich aber nicht auseinanderdividieren (1. Joh 4,20). Gott will, dass wir fĂŒreinander einstehen (NĂ€chstenliebe), und dass wir miteinander glĂŒcklich werden. Überdies hinaus hat uns Gott auch noch einen Hunger ins Herz gelegt, der durch nichts in der Welt ganz gestillt werden kann. Mit Freiheit beschenkt, mit Hunger nach dem Unendlichen versehen, kann die Geschichte der Liebe beginnen. Vollendet wird sie im Reich Gottes. Unsere Freiheit können wir missbrauchen und unseren Hunger können wir am falschen Ort zu stillen versuchen. Beides haben wir denn auch getan. Und die Welt hat sich verdunkelt. Ist Gott gescheitert? Er wollte eine Geschichte der Liebe und wir haben daraus eine Leidensgeschichte gemacht. Wir haben Gott nicht verstanden.

Was machen wir, wenn wir jemanden gern haben und der andere versteht uns nicht? Es bleibt uns nur eines ĂŒbrig: dem, den wir gern haben, durch noch grössere Lieb zu verstehen zu geben, dass wir ihn wirklich gern haben, denn Liebe kann nur durch Liebe geweckt werden, niemals durch Manipulation oder Gewalt. Nachdem der Mensch Gottes Absicht ins Gegenteil verdreht hat, hat Gott mit noch grösserer Liebe geantwortet. Er hat uns seinen Sohn Jesus geschickt, um uns zu sagen, dass er uns alle verrĂŒckt gern hat. Diese Botschaft verkĂŒndete er in Wort und Tat. Und was passierte? Die Familie nannte ihn einen Irren, die Theologen nannten ihn einen SĂ€ufer und töteten ihn als GotteslĂ€sterer. Er starb fĂŒr die Botschaft: Gott hat euch alle gern. Und sterbend verzeiht Jesus noch seinen Henkern. Denn nur durch Verzeihen bricht etwas Neues in unsere Welt des Hasses. Nicht Gewalt, nur Verzeihen vermag den Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen. Am Kreuz schreit die Liebe. Wann werden wir verstehen? So wartet denn Gott, nachdem er uns alles gegeben hat, mit einem Herzen voll brennender Liebe, bis wir weder gezwungen noch ĂŒberlistet, sondern aus freiem Herzen auf Gottes zuvorkommende Liebe antworten. Gott kann warten. Liebe kann warten. Aber dabei leidet sie. Gott leidet an der noch nicht beantworteten Liebe, wie Liebe immer leidet, wenn sie nicht beantwortet wird. ErschĂŒtternde Ohnmacht des allmĂ€chtigen Gottes! Dieses Leiden Gottes stellt uns Jesus in der Geschichte vom verlorenen Sohn plastisch vor Augen. In der Liebe macht sich Gott ohnmĂ€chtig und damit verletzlich. Gott, wie er uns in diesem Gleichnis begegnet, ist kein beleidigter Vater, wohl aber ein ohnmĂ€chtiger, leidender Vater, der auf die freie Antwort seiner Söhne wartet. Die Macht Gottes zeigt sich aber dann, wenn wir heimkommen, dann kann uns der Vater ein Fest bereiten, ein Fest, das nicht einmal mehr durch den Tod begrenzt wird.

Gott schweigt und ist unheimlich diskret, weil er unsere Freiheit respektiert. In Die BrĂŒder Karamasow sagt der Grossinquisitor zu Jesus: „Du wolltest sie nicht durch ein Wunder gebannt. Dich dĂŒrstete nach freier Hingabe, nicht nach dem feigen EntzĂŒcken eines Sklaven ĂŒber eine Macht, die ihn ausser sich bringt.“

Doch auch diese Antwort ist nur ein Fragment. Auch sie vermag das Dunkel nicht aufzuhellen, denn wer wagt es, Auschwitz als „Preis der Liebe“ zu deuten; wer wagt es, das Leiden eines einzigen zu Tode gemarterten Kindes als „Preis der Liebe“ hinzustellen?

Zudem mĂŒssen wir noch all die Schrecken betrachten, die ihren Grund in der Schöpfungswirklichkeit haben: Erdbeben, StĂŒrme etc.


e) Das verhĂŒllte Antlitz des Vaters: Pierre Teilhard de Chardin (gest. 1955) hat fĂŒr die Naturleiden gesagt: Alle Leiden, die die Natur uns und den Tieren zufĂŒgt, sind notwendige Nebenfolgen der Evolution. (in Mein Weltbild). NaturĂŒbel sind unvermeidlich, wenn am Ende des evolutiven Prozesses der Mensch als freies Geschöpf erscheinen soll. UnglĂ€ubige sehen im Menschen ein Zufallprodukt. Christen glauben, dass der Mensch von Gott intendiert war, weil die unendliche Freiheit, die Gott ist, endliche Freiheiten, also den Menschen, als Mitliebenden wollte. DafĂŒr mĂŒssen zwei Minimalbedingungen erfĂŒllt sein:

Es braucht verlĂ€ssliche Strukturen, andererseits dĂŒrfen diese nicht vollstĂ€ndig determiniert sein. Warum? Endliche Freiheit muss sich auf gewisse GesetzmĂ€ssigkeiten und Konstanten der Natur stĂŒtzen können. In einer völlig chaotischen Welt wĂ€re verantwortungsvolles Handeln unmöglich. Diese harten Vorgaben der Natur brachten aber auch verfall, Leid und Tod in die Welt. Andererseits dĂŒrfen diese verlĂ€sslichen Strukturen nicht total festgelegt sein, sonst wĂ€re Freiheit unmöglich. Es muss Platz fĂŒr Unvorhergesehenes haben. Im Evolutionsprozess sind beide Bedingungen erfĂŒllt: Zufall und Notwendigkeit. Es gibt also Sackgassen der Evolution, es gibt AbfĂ€lle, es gibt Leiden.

Auch in der Physik ist man vom reinen Determinismus abgerĂŒckt. Auch hier findet man GesetzmĂ€ssigkeiten und ZufĂ€lle.

Die Evolutionslehre gibt uns Christen die Freiheit, die Geschichte der Evolution als schmerzlichen Weg hin zur menschlichen Freiheit zu denken. Es scheint, dass das Universum auf das Kommen des Menschen gewartet hat: Einsame Erde, anthropisches Prinzip. Das Universum ist voller Unwahrscheinlichkeiten, die erfĂŒllt sein mussten, damit menschliches Leben möglich wurde. Noch geheimnisvoller erscheint die Entstehung des Bewusstseins: Wie kann ein Produkt letztlich unbeseelter Prozesse sich selbst und seine Welt erkennen? Wen wundert es daher, wenn Theologen bei so viel „zufĂ€lligen“ und doch lebensnotwendigen Konstanten von einem Schöpfer reden, der sich in der Evolution zeigt?

Aber wie geht dieser Schöpfer, der ĂŒber unzĂ€hlige Leichen geht, zusammen mit dem Vater Jesu, der um die Zahl unserer Haare weiss und ohne dessen Willen kein Spatz vom Dach fĂ€llt? Ich weiss es nicht. Vielleicht gibt uns der christliche Philosoph Paul Ricoeur einen Wink: „Der Glaube blickt in eine andere Richtung: Der Ursprung des Bösen und des Leidens ist nicht sein Problem, sein Problem ist das Ende des Bösen und des Leidens.“


Bilanz: Alle Antworten bleiben Fragmente – und nimmt man alle Antworten zusammen, so ergeben sie auch noch kein Ganzes. Die Frage von Dostojwski, „Warum mĂŒssen auch unschuldige Kinder leiden?“ bleibt unbeantwortet. Wir können diese dunklen Geheimnisse nicht auflösen, noch steht uns zu, ĂŒber Gott zu Gericht zu sitzen. Theodizee wird immer dann platt, wenn sie einerseits das Geheimnis Gottes zu durchdringen glaubt und wenn sie andererseits das menschliche Elend zu verniedlichen sucht. Karl Rahner meinte am Ende seines Lebens: „Die Unbegreiflichkeit des Leidens ist ein StĂŒck der Unbegreiflichkeit Gottes.“

Die logisch einwandfreien EinwĂ€nde gegen Gott wegen des Leidens (von Epikur bis Dawkins) sowie die rationalistischen Versuche, Gott zu rechtfertigen trotz des Leidens – all diese Versuche sind oft auf der TribĂŒne entstanden und nicht in der Arena. In der Arena wird gelitten, geklagt, geflucht und vielleicht auch gebetet, aber in der Arena wird nicht ĂŒber die Versöhnung Gottes mit dem Leid spekuliert. Es sind Menschen aus den Konzentrationslagern glĂ€ubig herausgekommen und es sind aussenstehende Beobachter dieser Lager unglĂ€ubig geworden. Es ist eine seltsame Erfahrung, dass Leiden zuweilen ein grösseres Problem fĂŒr den neutralen Beobachter als fĂŒr den Leidenden selbst ist.

2. Über den christlichen Umgang mit Leiden – fĂŒnf Griffe

Jeder Kletterer ĂŒber dem Abgrund braucht ‚Griffe.’

1. Griff: Jiob – gestern und heute: Die tiefsinnige und vielschichtige Jiob-Dichtung sagt uns unter vielem anderen auch dies: Mensch, du kannst das dunkle Geheimnis des Leiden nie und nimmer ergrĂŒnden, aber du brauchst dich nicht schuldig zu fĂŒhlen, wenn du leidest.

Zuerst schweigen die Freunde. Das ist oft das Einzige, was man angesichts schweren Leids tun kann. Dann meint der erste Freund beilĂ€ufig, das Leiden sei göttliche Medizin (5,17-19). Dann sagen alle drei Freunde in langen Reden (4-27) immer wieder dasselbe: UnglĂŒck ist immer eine Strafe fĂŒr etwas. Jiob sagt dazu, dass sie ihn nur quĂ€len mit ihren Theorien (16,1-7). Dann greift Gott ein. Erstens tadelt er die Freunde mit harten Worten (42,7). Er verwirft die Theorie der Freunde und nimmt Jiob in Schutz. Dann wendet sich Gott an Jiob und stellt ihm ironische Fragen (38,1-40,2). Damit sagt er Jiob: Du darfst nicht meinen, mit deinen Fragen und Antworten das Geheimnis der Welt zu durchschauen. Gott bestreitet die Kompetenz Jiobs, Gottes Möglichkeiten und Gedanken erfassen zu können. Das zeigt: Das Wissen, dass ich es nicht wissen kann, dass aber Gott weiss, ist mir persönlich hilfreicher als jede noch so kluge Leidenstheorie, die immer hinterfragbar bleibt.

Zudem nimmt uns dieses Buch die selbstzerstörerischen SchuldgefĂŒhle, indem es die traditionelle Verbindung zwischen Schuld und Leiden zerreisst und uns damit zu verstehen gibt: Gott ist nicht dein strafender Richter, wenn du leidest. Gott ist nicht dein Feind, wenn es dir schlecht geht. Du darfst Gott klagend und anklagend deine Not und Verzweiflung entgegenschreien, aber quĂ€le dich nicht mit SchuldgefĂŒhlen.


2. Griff: Leiden – Schule des Lebens: Auch in schweren Leiden kann eine Chance liegen. Sicher, zuerst quĂ€lt die Frage: Warum gerade ich? Ohne die Phase der Klage droht der leidende Mensch von dumpfer Apathie verschluckt zu werden. Aber diese Warum-Frage fĂŒhrt selten weiter, weil unsere Antworten immer BruchstĂŒcke bleiben. Wer sich in der Warum-Frage einkapselt, lĂ€uft Gefahr stĂ€ndig zu hadern. Erst wenn sich die Warum-Frage in die Wozu-Frage wandelt, können sich TĂŒren öffnen, können Sinninseln entdeckt werden. Der Leidende fĂ€ngt an, an seinem Leiden zu arbeiten – und wenn es gut geht, wird er reifer und weiser.

Die Krankheit unserer Gesellschaft: Nicht leiden zu können (Horst E. Richter). Am Leiden wird nicht mehr gearbeitet, es wird nur noch verdrÀngt. Aber die Gesellschaften mit dem grössten VerdrÀngungspotential weisen die höchsten Selbstmordraten auf.

Gegen die Leiden, die Menschen einander zufĂŒgen gilt aber nicht die Rede von der Schule des Leidens, hier gilt der Kampf. Vermeidbares Leid muss bekĂ€mpft werden.

Es gilt aber: Es gibt keine menschliche Reife, ohne bewusste Auseinandersetzung mit den alltÀglichen Schmerzen des Abschiedes und der NeuanfÀnge. Wir werden nur reich, indem wir loslassen. Ein durch Leiden reif und frei gewordener Mensch fordert uns Bewunderung und Hochachtung ab.

Doch auch dieser Griff bleibt wackelig und kann vor dem Absturz nicht immer bewahren. Es wĂ€re naiv zu meinen, dass das Leben einem nur so viel zumutet, wie man ertragen kann. Es gibt Menschen, die am Leid zerbrochen und an Gott irre geworden sind. Es gibt ein Übermass an Leiden, aus dem nichts mehr gelernt werden kann. Vielleicht können die Überlebenden einer Katastrophe etwas lernen, nicht aber die Opfer. Was sollen am Hunger sterbende Kinder lernen? Was haben die in die Gaskammer Getriebenen noch lernen können? Dieses Übermass an Leiden können wir gemeinsam nur im Lichte von Ostern entgegentreten.


3. Griff: Einander im Leid trösten: „Ich war hungrig ... Mat 25. Im armen, kranken ... Menschen will der Weltenrichter uns begegnen, will Gott von uns gefunden werden. In dieser Trost spendenden Zuwendung zum Ärmsten werden wir JĂŒnger Jesu (vgl. Gal 6,2). Trösten ist aber eine schwierige Kunst, und sich trösten lassen nicht weniger – und dabei gehört trösten zum Schönsten, was wir einander schenken können, auch wenn es oft nur wenig ist. Trost verscheucht das Leiden nicht, aber der Tröster tritt zum Leidenden hinzu. Er vermag den Schmerz nicht zu betĂ€uben, aber durch sein Dasein kann er ihn vermindern. Gott hat noch andere HĂ€nde als die unsrigen – aber er will hier und jetzt durch unsere HĂ€nde die Leidenden trösten und sie nicht nur aufs Jenseits vertrösten.

Leiden fĂŒhrt in die Vereinsamung. Trösten heisst, den Leidenden nicht alleine zu lassen. Die Antwort Kains, „Bin ich denn der HĂŒter meines Bruders?“ lĂ€sst Gott nicht gelten.

Trösten heisst auch: Die anderen nicht ĂŒberfordern mit unerfĂŒllbaren Erwartungen, nicht urteilen und verurteilen, keine fertigen Antworten bereithalten, sondern zuhören, zu verstehen suchen und vor allem Zeit fĂŒreinander haben.

Gebrechliche und behinderte Menschen zeigen uns, dass der Mensch letztlich nicht von seiner LeistungsfĂ€higkeit lebt, sondern dass wir alle nur bestehen können, wenn wir von einem unendlichen Ja getragen werden, das uns unabhĂ€ngig von unserer Leistung und unserem Erfolg zugesagt wird. An dieses unbedingte Ja – in jeder Situation – glauben Christen, wenn sie an Gott glauben.


4. Griff: Kreuzesnachfolge heute: „Wer mein JĂŒnger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ Mk 8,34. Muss ein Christ jedes Leiden in Geduld tragen ohne Auflehnung und Widerstand? Die Antwort auf diese Frage hĂ€ngt davon ab, wie wir das Kreuz Jesu verstehen. Wer – wie Anselm von Canterbury im 11. Jahrh. – glaubt, Gott habe seinen Sohn ans Kreuz geschickt, um durch diesen grauenvollen Tod seine von uns beleidigte Vaterehre sĂŒhnend wiederherzustellen, wird Kreuzesnachfolge anders verstehen als ein Christ, der glaubt, dass Jesus gekreuzigt wurde, weil seine Frohbotschaft den Widerstand der Frommen seiner Zeit herausgefordert hat. Gott wollte Mitliebende. Dazu hat er sich ein Volk erwĂ€hlt, um in einem langen Lernprozess seinem Volk kundzutun, dass er Freundschaft will zwischen sich und den Menschen. Nachdem Israel die gute Nachricht immer wieder missverstanden hat, reagierte Gott mit noch grösserer Liebe. Er liess alle Mittler weg und schickte seinen Sohn, um uns zu sagen, dass er fĂŒr uns alle Leben (Joh 10,10) will. WĂ€re Jesu Grundbotschaft drohend gewesen, wĂ€re Jesus ĂŒberhaupt nicht originell. Jesu Frohbotschaft aber wurde als gefĂ€hrlich empfunden. Wie es eben fĂŒr jedes religiöse System gefĂ€hrlich ist, wenn den Kleinen und Armen die Angst genommen wird. So geriet Jesus durch seine Frohbotschaft mit den religiösen FĂŒhrern auf Kollisionskurs und musste beseitigt werden. Durch die Auferweckung Jesu gab ihm Gott aber recht. Nicht ihr habt recht, sagte Gott, die ihr in meinem Namen Jesus umgebracht habt. Jesus ist fĂŒr uns gestorben, damit wir endlich glauben, dass Gott uns das GlĂŒck gönnt. Sein „Opfer“ meint also Selbsthingabe im Horizont der Liebe. Es meint Dasein fĂŒr andere. Das „Muss“ in Lk 24,26 (Musste der Messias nicht all das erleiden ...) liegt nicht auf Seiten Gottes, sondern in der FaktizitĂ€t des menschlichen Widerstandes, des menschlichen Unglaubens, der bewirkte, dass Jesus nur noch durch den Weg ans Kreuz seiner Botschaft von der Liebe treu bleiben konnte. Ernst Bloch sagte: „Das Kreuz ist die Antwort der Welt auf die christliche Liebe.“

Kreuzesnachfolge - Widerstand und Ergebung: Leiden ist nicht an sich etwas Gutes. Kreuzesnachfolge heisst deshalb zuerst: Wir sollen uns wie Jesus dafĂŒr einsetzen, dass unsere BrĂŒder frei und glĂŒcklich werden. Damit geraten wir aber angesichts der WiderstĂ€nde der Welt unweigerlich ins Leiden und ans Kreuz wie Jesus. Der Weg der ohnmĂ€chtigen Liebe ist der Weg, den die Macht Gottes in dieser Welt gehen will. Die Auferstehungshoffnung gibt uns aber die Gewissheit, dass das Scheitern nicht das letzte Wort behĂ€lt.

Kreuzesnachfolge geschieht aber auch dann, wenn wir uns ins unvermeidliche Leiden hinein geben: „Dein Wille geschehe.“ Wo immer es Menschen gelingt, durch Weinen und Klagen und Bitten hindurch schliesslich Ja zu sagen zu dem, was Gottes unbegreifliche Liebe uns zumutet, da geschieht christliche Ergebung. Und wo sie geschieht, geschieht immer ein Wunder, vor dem wir uns nur stumm und bewundernd verneigen können.


5. Griff: Das klagende und anklagende Gebet: im klagenden und anklagenden Gebet verlĂ€sst der Leidende die rationalistische, zeitlose und ohnehin wenig fruchtbare Antwortsuche und wendet sich direkt an den geschichtsmĂ€chtigen Gott. Dieser Schrei aus der Tiefe nimmt nicht nur Gott ernst, er entspricht auch der WĂŒrde des Menschen, denn Gott will keine Knechte sondern Freunde, die dem Freund ins Angesicht sagen, was zwischen Freunden nicht stimmt. Mit Gott kĂ€mpfen heisst, ihm die höchste Anerkennung zollen. Der Leidende nimmt damit Gott ernst, denn er glaubt, dass nur Gott ihm noch helfen kann. Jiob wendet sich mit seiner Klage und Anklage an Gott. Er schreit gegen Gott, aber er sagt sich nicht von ihm los.

Es gilt deshalb die Klage und Anklage wieder zurĂŒck zu gewinnen. Nur sie vermag unsere Gottesbeziehung im Leiden ihre Tiefe zurĂŒck zu geben. „Weh dem, der den Trauernden auf subtile Weise um den einstweiligen Trost der Trauer, sich Luft zu machen und mit Gott zu hadern, betrĂŒgen will.“ Kierkegaard

Johann Baptist Metz: „In unseren Kirchen ist zu viel Gesang und zu wenig Geschrei.“

Nur GleichgĂŒltige und Zyniker resignieren, weil sie von Gott nichts mehr erwarten. Der Klagende hingegen traut Gott zu – und gibt ihm damit die Ehre.

3. Hoffnung oder: Gott selbst muss antworten

a) Hoffnung wider alle Hoffnung: All unsere Antworten bleiben Fragmente. Das menschliche Leid ist einfach zu gross. Gott allein kann Antwort geben. Ostern ist die Antwort Gottes auf unsere Leiden.

Der Mensch ist ein Wesen der Hoffnung, weil er ein Wesen der Sehnsucht ist. Wer ohne Hoffnung ist, droht angesichts der Sinnlosigkeit von der Verzweiflung hinweggeschwemmt zu werden. Er wird krank. Und umgekehrt gilt: Auch schlimmste Situationen können noch gemeistert werden oder wenigsten ertragen werden, wenn am Horizont ein Licht der Hoffnung leuchtet.

Mit Jesu Auferweckung hat Gott Hoffnung in die Tatsachen unserer Welt gebracht.

Tatsachen: Wer sich fĂŒr Freiheit und Gerechtigkeit einsetzt, gerĂ€t bald ins Leid. Die Liebe scheitert schliesslich am Tod. Der Tod ist die letzte Tatsache. Das GlĂŒck ist uns immer nur in einzelnen Augenblicken vergönnt. S. Freud: „Dass der Mensch ‚glĂŒcklich’ sei, ist im Plan der ‚Schöpfung’ nicht enthalten.“

Durch Ostern will uns Gott von unseren Tatsachen und Möglichkeiten weglocken hin zu seinen Möglichkeiten. Die Osterhoffnung sagt: Die Gerechtigkeit wird das letzte Wort zurĂŒckbekommen, Die Liebe wird das letzte Wort behalten, nicht der Tod. So hat es Gott gefallen, weil Gott Freude an der Freiheit, der Gerechtigkeit und Liebe hat. DafĂŒr hat er uns in Jesu Auferweckung sein Ehrenwort gegeben – und der treue Gott hĂ€lt Wort.

Doch auch durch Ostern wird die Frage Karamasows „warum mĂŒssen Kinder zum DĂŒnger fĂŒr Gottes Himmel werden?“ nicht beantwortet. Aber Ostern gibt uns genug Licht, um vertrauensvoll im Dunkeln zu wandern, weil wir wissen, dass am Ende der Tag uns erwartet.

Wir laufen stÀndig Gefahr, diese Hoffnung zu pervertieren, indem wir einerseits den Tod verniedlichen und andererseits die Getretenen allzu schnell aufs Jenseits vertrösten. Deshalb gilt es, ein Zweifaches zu bedenken.

Erstens: Gott ist kein BedĂŒrfnisbefriediger. Solange wir nicht mit leeren HĂ€nden (Luther: „sterbliche Bettler“), vor Gott hintreten, degradieren wir Gott zu einem Objekt, das man verbraucht und verzehrt.

Zweitens: Wir haben kein Recht, von der Auferstehung am Ende der Zeiten zu trĂ€umen, solange wir nicht bereit sind, alles in unserer Macht Stehende zu tun, damit die am Boden Liegenden bereits hier und heute ein wenig Auferstehung feiern dĂŒrfen. Gott ist kein LĂŒckenbĂŒsser fĂŒr unsere Faulheit, Habgier und unseren Egoismus.


b) Ist mit dem Tod alles aus? Immer mehr Christen sagen, mit dem Tod ist alles aus. Der Tod ist etwas ganz NatĂŒrliches. Doch damit wĂ€re der Botschaft von Ostern der Boden entzogen. Als Christen in Korinth die Auferstehung leugneten, reagierte Paulus sehr heftig (1. Kor 15,19.33): „Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbĂ€rmlicher dran als alle anderen Menschen ... Wenn Tote nicht auferweckt werden, dann lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.“

Auch wenn der Mensch heute alt wird, so ist er dennoch von einer im Diesseits unstillbaren Sehnsucht umgetrieben. Gott will diese Sehnsucht in seine Unendlichkeit aufnehmen.

Und was ist mit all denen, die nicht das GlĂŒck hatten, nach einem erfĂŒllten Leben eines ‚natĂŒrlichen Todes’ zu sterben? Und was ist, wenn wir den Tod mit der Liebe zusammen denken? Dass Liebende auseinander gerissen werden, ist ‚unnatĂŒrlich’. Der Tod, dieser radikale Abschied, ist auch eine Beleidigung fĂŒr die Liebe. Liebe will Ewigkeit. Das ist ihre Tiefengrammatik.

Die Liebe siegt, nicht der Tod, weil Gott Freude an der Liebe hat. Wenn dem so ist, dann darf kein Einwand gegen die Liebe das letzte Wort behalten, auch nicht der Tod, sonst wÀre der Tod der heimliche Gott.

Uns empört aber auch das Scheitern des Ethos im Kampf um Gerechtigkeit in dieser Welt. Auch hier wird der treue Gott dafĂŒr sorgen, dass das Grab nicht der letzte Ort fĂŒr Gerechte und Ungerechte bleibt. Mit der Gerechtigkeit anfangen, das ist unsere Aufgabe. Die Gerechtigkeit zu vollenden bleibt Gottes Sache. Es geht eben bei der Hoffnung auf die Auferstehung der Toten nicht um ein privates ZĂŒckerchen fĂŒr die Frommen, sondern es geht um die Hoffnung auf die Wiederherstellung der beleidigten Liebe und der mit FĂŒssen getretenen Gerechtigkeit.

Wenn jemand sagt: Mich interessiert das Jenseits nicht. Ich habe genug an dieser Welt, dann wĂŒrde ich antworten: Es kommt im Christentum nicht in erster Linie darauf an, was uns interessiert, sondern was Gott mit uns vorhat. Die Frage nach dem persönlichen Interesse ist vielleicht doch eine allzu bourgeoise Einstellung zu diesem Thema, zumal jene, die sie Ă€ussern meist auf der Schokoladenseite dieses Planeten leben dĂŒrfen. Mögen wir den Tod als etwas ‚NatĂŒrliches’ oder etwas ‚WidernatĂŒrliches’ ansehen, darauf kommt es letztlich nicht an, denn die Hoffnung auf die Auferweckung der Toten grĂŒndet nicht in unseren Theorien ĂŒber den Tod, sondern einzig und allein in Gottes Freiheit.


c) Und die TĂ€ter? Gott hat unsere beklemmende Frage „Warum gibt es Leid?“ durch die Auferweckung Jesu in Hoffnung verwandelt. Aber weil Gott in seinem Reich unsere hier und jetzt angefangene Gerechtigkeit und Liebe vollenden will, geht es im Himmel nicht primĂ€r um „meine Seele und meinen Gott“ (Augustinus), sondern um solidarische Liebesgemeinschaft untereinander und mit Gott. Die christliche Hoffnung ist kein egoistischer Selbsterhaltungstrieb, sondern Hoffnung auf eine neue, unzerstörbare Gemeinschaft.

Doch was geschieht mit den TÀtern? Die christliche Tradition hat auf dieses Problem mit der Lehre vom Gericht, vom Fegfeuer und von der Hölle zu antworten versucht.


d) Gericht und Fegfeuer: Wo vom Gericht geredet wird, muss nach katholischem VerstÀndnis auf vom Fegfeuer die Rede sein, also von der schmerzhaften Reinigung, durch die der Mensch geheilt und vollendet wird. Man bezieht sich dabei auf (2. Makk. 12,45; 1. Kor 3,10-15 und Mat 5,26). Festgelegt wurde diese Lehre auf dem Konzil von Trient (1546-1563).

Gericht: In der unverstellten Begegnung im Gericht mit Gott, dem Heiligen und Liebenden, geht mir blitzartig auf, was ich hĂ€tte werden können und was in Wirklichkeit geworden ist. So wird die unverhĂŒllte Gottesbegegnung gleichzeitig zur unverhĂŒllten Selbstbegegnung – das Gericht wird zum Selbstgericht. Dieses Auge-in-Auge mit Gott wird zum erschĂŒtternden und schmerzlichen Augenblick der eigenen Wahrheit. Jeder muss im Gericht die Wahrheit ĂŒber sein leben schmerzhaft erleiden. Denn Schuld kann nicht einfach zugedeckt werden. Das naiv-gutmĂŒtige Übersehen der Schuld, die billige Gnade, wĂ€re letztlich ein Nicht-ernst-Nehmen des Menschen. Gott bringt auch im Gericht der menschlichen Freiheit und Verantwortung unbedingte Achtung entgegen. Der Mensch muss sich seiner Geschichte stellen. Schuld muss aufgearbeitet werden, dann erst kann sie vergeben werden. Diese schmerzliche Aufarbeitung in Reue und Scham und Bitte um Vergebung geschieht im Gericht, das zugleich Fegefeuer ist.

Nach neutestamentlichem VerstĂ€ndnis ist der Richter Jesus Christus (Joh 5,22 etc.). Der, der uns im Gericht gegenĂŒbersteht, ist jener, der unsere Erdenschwere aus eigener Erfahrung kennt. Jesus, der Retter und Heiland selbst, wird das Feuer sein, das die Erstarrungen und RĂŒckstĂ€nde unserer TrĂ€gheit und Schuld weg brennt. Seine Liebe wird unser verschlossenes Herz frei brennen, sodass wir gerettet werden „wie durch Feuer hindurch.“

Das Gericht ist auch Tag der Offenbarung. Weil Jesus seine JĂŒnger Freunde nennt, die wissen dĂŒrfen, was der Freund wollte (Joh 15,15f.), darf der Mensch im Gericht auch sein unbeantwortetes Warum einbringen.

„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (Mat 7,11), dieses Wort Jesu muss uns auf dem Weg durchs Leben begleiten. Und in unserem Versagen mag uns das andere Wort trösten: „Wenn das Herz uns auch verurteilt – Gott ist grösser als unser Herz“ (1. Joh 3,20). FĂŒr die meisten Menschen, die Opfer und TĂ€ter zugleich sind, wird somit die Rede vom Fegefeuer zur Frohbotschaft.

Zwei Fragen sollen aber noch angesprochen werden: Was geschieht mit den durch und durch bösen Menschen? Und, ist das Gericht nur ein Begegnungsgeschehen zwischen dem schuldigen Menschen und dem richtenden Gott? Verlangt das Gericht nicht auch die Konfrontation zwischen TÀter und Opfer?


e) Und die Hölle? Es gibt hierzu verschiedene theologische Meinungen.

Schillebeeckx et al.: Der auferstandene Christus hat uns nicht als Waisen zurĂŒckgelassen, sondern als Geschenk den Geist gesandt. Er lockt uns, uns auf die Liebe einzulassen, ein Dasein fĂŒr andere zu wagen. Wer sich darauf einlĂ€sst, den wird Gott aus dem zweiten Tode erretten. Die zerstörerische UnterdrĂŒckung aber ist ohne Hoffnung, nicht wegen einer kommenden Ă€usseren Strafe (Hölle), sondern wegen ihrer inneren Logik. Wer nĂ€mlich andere unterdrĂŒckt und verachtet, der bringt nichts hervor, das geeignet wĂ€re, ins kommende Reich der Freiheit und Liebe hinein vollendet zu werden. Gott rĂ€cht sich nicht, er verhĂ€ngt keine ewigen Strafen, er lĂ€sst nur die UnterdrĂŒcker ihren Weg gehen – ins Nichts. Ausserhalb des Reiches Gottes ist nicht ein Reich der Finsternis, sondern nur das Nichts. „Der Lohn der SĂŒnde ist der Tod“ (Röm 6,23) ist hier wörtlich zu nehmen. Die zerstörerische Gewalt, die nichts vom Reich Gottes vorwegzunehmen vermag, verschwindet aus ihrer eigenen Logik im Nichts. Diese Lehre hat aber in der kath. Tradition nie Heimatrecht gefunden, zumal sie voraussetzt, dass der Mensch im Tod ganz stirbt, völlig erlischt.

Seit Augustinus gibt es noch das andere Bild der Hölle mit dem grausamen Gott, bei dem Gerechtigkeit und Barmherzigkeit weit auseinander gerissen werden. Frage: Sollte Jesus, der sich geweigert hatte, Gewalt mit Gewalt zu vergelten, beim Gericht plötzlich ein anderer sein?

Eine weitere Interpretation die zwei Wahrheiten gleichzeitig festhÀlt:

  1. Die Hölle bleibt reale Möglichkeit, die mit der Freiheit des Menschen gegeben ist. Das Reich Gottes ist ein Reich der Freiheit, zu dem nur Freie freiwillig Zutritt haben. Wenn ein Mensch von diesem Reich nichts wissen will, so nimmt Gott diese Entscheidung ernst. Gott verdammt niemanden; wenn aber der Mensch ohne Gott sein will, respektiert Gott diesen Entschluss.
  2. Die Hölle ist letztlich auch eine Niederlage Gottes, denn er will, dass alle Menschen gerettet werden (1. Tim 2,4). Sollte es Gott nicht gelingen, alle zu gewinnen, uns alle zu ĂŒberzeugen, dass er uns liebt und unser GlĂŒck will, wĂ€re das letztlich auch eine Niederlage und ein Schmerz Gottes. Die wahre Macht Gottes zeigt sich aber nicht in der Einkerkerung oder Vernichtung der Gegner, sondern in ihrer freien Gewinnung, in einem schwierigen Prozess der Versöhnung. Denken wir nicht all zu menschlich, wenn wir Gott diese Macht nicht zutrauen? Muss unsere Hoffnung nicht ganz offen bleiben und alle einbeziehen, weil Gott sich aller erbarmen will (Röm 11,32). Wir dĂŒrfen hoffen, dass es Gott schliesslich gelingt, alle zu gewinnen, aber wir können es nicht wissen und dĂŒrfen vor allem nicht vermessen mit diesem Gedanken spielen: „Wer nicht glaubt, dass es Gott gelingt, alle zu gewinnen, ist ein Ochse; wer diesen Glauben aber lehrt, ist ein Esel!“

Zum Mörder: Wie könnte er zur schmerzlichen Reue und Scham finden? Gott ist immer auf der Suche nach dem Verlorenen, und zwar so sehr, dass er die neunundneunzig Gerechten zurĂŒcklĂ€sst, um den einen Verlorenen zu suchen und zu finden (auch Jes 49,15). Der Osterjubel lĂ€sst uns hoffen – wir wissen es aber nicht - , dass es Gott gelingt, auch das Herz eines Mörders zu erweichen, das heisst, ihn zur Einsicht in seine verdrĂ€ngte Schuld und damit zur schmerzhaften Reue und Scham zu fĂŒhren, denn nur einem reumĂŒtigen und beschĂ€mten Henker kann vergeben werden. Dass ein Mörder sich dem Gericht verweigert, muss um der Freiheit willen offen gelassen werden.

Zum Opfer: Wie findet das Opfer den Mut und die Freiheit zum Verzeihen und damit zum Verzicht auf Rache und Vergeltung?

Einen ersten Wink gibt uns Paulus (der zur Rettung seiner BrĂŒder auf sein eigenes Heil verzichten möchte – Röm 9,3), wenn er schreibt: „Ich halte dafĂŒr, dass die Leiden der jetzigen zeit nichts bedeuten im Vergleich zur Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll“ (Röm 8,18). Das ist ein Satz ĂŒber Gott: Wie muss Gott und seine Herrlichkeit sein, dass alle Ungeheuerlichkeiten in einem neuen Licht erscheinen können? Denn ungeschehen machen, was geschehen ist, kann auch Gott nicht. Diese Aussage erlaubt uns den Traum, dass angesichts der Herrlichkeit Gottes vielleicht sogar Anne Frank ihrem reuigen Henker die Hand reicht. Denn erst dann wĂ€re Shalom, Friede; erst dann wĂ€re Himmel.

Einen zweiten Wink entnehmen wir dem Gleichnis vom verlorenen Sohn: Auch der Vater ist verloren, solange ihn seine Söhne nicht verstehen, wie Liebe immer verloren ist und leidet, wenn sie nicht verstanden, nicht beantwortet wird. Der Vater leidet, solange seine Söhne unversöhnt bleiben. Erst wenn der Ă€ltere dem jĂŒngeren Sohn die Hand gibt, ist die Freude des Vaters ganz, wĂ€re die Liebe zu Hause.

Weil Gott sich – Torheit der göttlichen Liebe – an uns gebunden hat, sich freiwillig von uns abhĂ€ngig gemacht hat, ist die Versöhnung seiner Töchter und Söhne auch seine Freude.


Wir können und brauchen Gott nicht zu rechtfertigen. Gott wird sich selber rechtfertigen. „An jenem Tag werdet ihr mich nichts mehr fragen“ (Joh 16,23).