«Weil wir Gottes Liebe erfahren haben…»

Seit Anfang Jahr hat die VBG ein neues Leitbild. Im Interview erklärt der Leiter der VBG, Benedikt Walker, dass dieses nicht nur als Führungsinstrument dient. Es soll auch das Selbstverständnis und die Kommunikation der VBG als christlicher Bewegung schärfen.

Wo drückt das Leitbild Entwicklungen innerhalb der VBG aus?
Benedikt Walker: Bei der Formulierung unserer Vision fangen wir nicht mit einer Überzeugung an, sondern mit einem Bekenntnis: «Weil wir Gottes Liebe erfahren haben, wünschen wir uns, dass Menschen Gott kennen lernen.» Dieses Bekenntnis steht am Anfang. Es ist Ausgangspunkt unserer Überzeugungen und unseres Handelns. Unsere Anliegen – das Christsein im Alltag, die vielfältige Spiritualität, die Apologetik und das gemeinsame Bibellesen – sind kein Selbstzweck, sondern die Folge einer Gottesbegegnung. Damit drücken wir aus, was Petrus und Johannes vor dem Hohen Rat bekennen (Apostelgeschichte 4,20): «Wir können es ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.»

Welche Bedeutung hat bei einem Leitbild der Entstehungsprozess?

Man sollte nicht unterschätzen, wie wichtig dieser Prozess ist und wie viel Energie er benötigt. Jedes Leitbild ist ein Versuch, die Vision und die Überzeugungen in eigenen Worten auszudrücken. Dabei wird den Beteiligten bewusst, dass eine Verschriftlichung nie allem gerecht werden kann, weil sie eine Vereinfachung komplexer Sachverhalte darstellt. Trotz diesen Schwierigkeiten – oder gerade wegen ihnen – ist der Weg, den die Beteiligten miteinander gehen, zielführend. Er hilft ihnen, die Grundmotivation und die zentralen Anliegen zu klären. Sie müssen sich der Frage stellen, was sie verbindet, weshalb sie gemeinsam an einem Tisch sitzen.

Gab es neue Erkenntnisse, die durch den Leitbildprozess aufgeworfen wurden?

Bei der Identität waren wir uns vorerst nicht einig, ob wir für die VBG den Begriff «Netzwerk» oder «Bewegung» verwenden sollten. Das löste eine Diskussion darüber aus, was wir unter diesen Begriffen verstehen und was sie für unsere Arbeitsweise bedeuten. So kamen wir zur Einsicht, dass wir uns als christliche Bewegung betrachten.
Danach diskutierten wir die Frage, ob die Identität oder die Vision am Anfang des Leitbilds stehen sollte. Dabei ging es nicht darum, was nach Lehrbuch korrekt ist, sondern um die Frage, was bei der VBG am Anfang steht. Sind es die Studierenden, die Mittelschülerinnen und Mittelschüler? Oder ist es unser Anliegen? Wir entschieden uns, die Identität an den Anfang zu stellen und das Anliegen – unsere Vision – als Folge des gemeinsamen Unterwegs-Seins an die zweite Stelle zu setzen.

Welche Überlegung stand hinter diesem Entscheid?

Wenn wir von «der VBG» sprechen, dann sind damit alle aktiven VBG-lerinnen und VBG-ler gemeint. Als «wir» verstehen wir nicht primär den Vorstand oder die angestellten Mitarbeitenden. Unsere Absicht ist, dass auch eine Mittelschülerin oder ein Student sich als «wir» verstehen. Weiter hatten wir beim Formulieren der Identität, der Überzeugungen und Aufgaben immer alle Bereiche vor Augen: Mittelschüler, Studierende und Berufstätige. Dieser Aspekt der Beteiligung ist ein wesentliches Kennzeichen der Identität unserer Bewegung.

Apropos Beteiligung: Was genau verstehst du darunter?

Eine Kultur der Beteiligung fördert die Zugehörigkeit, die Selbständigkeit und das Verantwortungsbewusstsein. Andere an einem Projekt und den eigenen Ideen zu beteiligen, ist auch ein Ausdruck von Wertschätzung. Aus passiven Konsumenten in der hintersten Reihe werden aktive, begeisterte Menschen, die mitdenken und sich herausfordern lassen. Gemeinsam begeben wir uns auf einen Wachstumsweg. Das geschieht weniger durch ein statisches Weiterbildungstool. Wichtiger ist ein kontinuierliches Ausprobieren, Lernen und Verbessern.

Was bedeutet das in Bezug auf die angestellten Mitarbeitenden?

Eine Kultur der Beteiligung stellt hohe Anforderungen an die Leitungspersonen, sowohl sachlich als auch menschlich und geistlich. Fünf Punkte möchte ich hervorheben:
Als Angestellte ist es unsere Aufgabe, neue Impulse in die Gruppen hineinzugeben und uns nicht in die Position der Verwalterin oder des Verwalters drängen zu lassen.
Bei Projekten sollten wir immer die beteiligten Menschen im Blick haben. Unsere primäre Aufgabe ist es, in Menschen zu investieren.
Das Prinzip des «Learning by Doing» ist wichtig. Mit wem bereite ich etwas vor? Mit wem verbringe ich Zeit, präge und werde auch selber geprägt? Mit wem besuche ich einen Anlass und tausche anschliessend über die Impulse aus?
Welche Personen prägen das Klima einer Gruppe? Welche hätten das Potential dazu? In diese Schlüsselpersonen müssen wir einen Grossteil unserer Zeit und unserer Energie investieren. Sie dienen als Multiplikatorinnen. Auch Jesus handelte mit seinen Jüngern nach diesem Prinzip.
Es braucht Strukturen, um unseren Auftrag zu erfüllen. Zu viel Struktur bremst aber die Bewegung. Das rechte Mass besteht darin, so wenige Strukturen wie möglich und so viele wie nötig zu haben.

Wird nicht jedes Leitbild innert Kürze zum Schubladendokument?

Beim Ausarbeiten des Papiers hatten wir drei Funktionen im Blick, die wir nun konkret umsetzen. Zuerst einmal dient das Leitbild der Identitätsvermittlung. Wir möchten uns davon prägen lassen. Das geschieht, indem wir beim gemeinsamen Bibellesen an unseren Sitzungen Texte auswählen, die sich auf einzelne Punkte aus dem Leitbild beziehen. Wir planen auch eine Liste mit wichtiger Literatur zu den Inhalten des Leitbilds.
Zweitens dient das Leitbild als Führungsinstrument. Die Bereiche erhielten den Auftrag, bis im Herbst einen Umsetzungsplan auszuarbeiten. Auch den Rückblick und die Reflexion werden wir in den nächsten Jahren anhand des Leitbildes durchführen.
Die dritte Funktion des Leitbilds ist eine verbesserte Kommunikation – nach innen und nach aussen. Wir haben versucht, eine Insidersprache zu vermeiden und Formulierungen zu verwenden, die wir in Kurzbeschreibungen der VBG wieder verwenden können. Die zentralen Gedanken und Formulierungen des Leitbilds werden in verschiedener Form immer wieder auftauchen.

Was war eigentlich der Auslöser für den Leitbildprozess?

Die Initiative kam von den jüngeren Angestellten. Mehrfach äusserten sie den Wunsch nach einem Papier, das das Wesen der VBG auf den Punkt bringt. Es sollte die Grundanliegen der VBG auf einer A4-Seite umschreiben, als Leitplanke und als Wegweiser dienen. Nicht zuletzt wünschten sie sich ein Papier, das sich in der Kommunikation mit den VBG-Gruppen einsetzen lässt.
Die Fragen stellte Jonas Bärtschi