Weltanschauung: Gibt es eine neutrale Sichtweise?

Weltanschauung: Gibt es eine neutrale Sichtweise?

von Felix Ruther | 10.09.2010

Auf der einen Seite die exakte Wissenschaft, auf der anderen die spekulative Religion ‚Äď so wird die Auseinandersetzung zwischen Denken und Glauben gemeinhin wahrgenommen. Dieser Ansicht widerspricht aber die Erkenntnis, dass alle Menschen im Grunde nach einer Reihe vorgefasster Paradigmen leben, seien sie nun Atheisten, Christen oder Agnostiker. Folglich geht es in den Auseinandersetzungen weder um Spekulation noch um exakte Forschung, sondern um ein Verhandeln unterschiedlicher Weltanschauungen. Damit befinden sich die Akteure der Diskussion auf Augenh√∂he, und es wird m√∂glich, eine fruchtbare Diskussion zu f√ľhren.

Seit der Aufkl√§rung geistert die Idee durch unsere Gesellschaft, dass es m√∂glich sei, Weltanschauungen zu vertreten, die rein vernunftorientiert und deshalb losgel√∂st von jedem Glauben sind. Jeder Mensch gestaltet aber sein Leben bei n√§herem Hinsehen aufgrund von letztg√ľltigen Werten ‚Äď und damit mit einem religi√∂sen Ansatz.

Wir alle leben gemäss einer Weltanschauung

Nach Aristoteles streben alle Menschen nach Gl√ľckseligkeit. Als gegl√ľckt oder gelungen erscheint uns das Leben aber nur dann, wenn es unseren Erwartungen von dem entspricht, was Gl√ľckseligkeit bedeutet. Diesen Erwartungen geht aber schon eine gewisse Sicht der Dinge voraus. Wenn wir unser Leben in einer Welt mit anderen Menschen zum Gelingen bringen wollen, m√ľssen wir uns darauf einstellen, wie die Welt funktioniert. Wir m√ľssen uns eine Vorstellung von der Welt machen oder eine solche √ľbernehmen.

Ich kann aber nie ganz sicher sein, ob eine Lebensvorstellung auch zur Gl√ľckseligkeit oder einem gelingenden Leben f√ľhren wird. Ich muss ‚Äěglauben‚Äú, dass mein Leben unter dieser Vorgabe gelingt. Die Auswahl der Lebenssicht ist immer Glaubenssache. Mein Glaube hat aber erhebliche Konsequenzen ‚Äď denn wie ich glaube, so lebe ich. Meine Freiheit und damit meine Entscheidungen h√§ngen von meinem Glauben ab, denn der bestimmt, wie ich die Welt sehe und gibt damit den Rahmen vor, in dem ich meine Entscheidungen treffe.


Bei den Grundannahmen einer Weltanschauung handelt es sich um Glaubensfragen. Sie können letztlich nicht mehr bewiesen, sondern nur noch bezeugt werden.

 

Da jede Weltanschauung aus vorwissenschaftlichen Annahmen besteht ‚Äď also einen bestimmten Glauben darstellt ‚Äď, ergeben sich einige Schlussfolgerungen: Wenn sich zwei Weltanschauungen widersprechen, stehen streng genommen immer Glaube eins gegen Glaube zwei zur Diskussion und nicht etwa Glaube gegen√ľber Wissen. Diese Tatsache f√ľhrt auch dazu, dass wir eingestehen m√ľssen, keine √ľbergeordnete Position des ‚Äěv√∂lligen Wissens‚Äú zu besitzen, die es uns erlauben w√ľrde, andere Weltanschauungen letztg√ľltig beurteilen zu k√∂nnen. Daher kann man in einem Diskurs h√∂chstens die sich aus einer Weltanschauung ergebenden Konsequenzen benennen und mit jenen vergleichen, welche aus einer anderen Weltanschauung abgeleitet worden sind.

 

Wichtig ist dabei, dass auch wir als Christen keine ‚ÄěGottesposition‚Äú besitzen, von der her alle Weltanschauungen abschliessend beurteilt werden k√∂nnten. Unsere Erkenntnis ist St√ľckwerk. Auch wenn wir zutiefst von unserer Weltsicht √ľberzeugt sind, erfordern weltanschauliche Diskussionen ein gewisses Mass an Demut.

In einer bestimmten Kultur bilden die weltanschaulichen Pr√§missen so etwas wie die Regeln eines Spieles. Das Spiel selber ist eine direkte Folge der zugrunde liegenden Regeln. Herrschende Weltanschauungen beeinflussen daher alle kulturellen √Ąusserungen einer Gesellschaft. Wenn wir Zeitung lesen, einen Film sehen oder ein Seminar besuchen, dann werden uns direkt oder indirekt Werte und Anschauungen vermittelt.

Minderheiten reagieren oft mit R√ľckzug auf die in einer Kultur vorherrschende Weltanschauung. Gerade Christen fallen diesem Ph√§nomen schnell zum Opfer. Die R√ľckzugsstrategie (‚ÄěCocooning‚Äú ‚Äď R√ľckzug in den Kokon) soll die unliebsamen Kontakte und Reibungen mit der abgelehnten Weltanschauung minimieren. Genauso unproduktiv ist die Zweiteilung einer Weltanschauung: Im Aussenkontakt gleicht man sich der Umgebungsmeinung an, im Privatraum jedoch h√§lt man die eigenen Ansichten hoch.

Forderungen an eine zufriedenstellende Weltanschauung

Bei Diskussionen mit Andersdenkenden kann es hilfreich sein, die jeweilige Weltanschauung nach bestimmten Kriterien zu bewerten. So sollte eine zufriedenstellende Weltanschauung erkl√§ren k√∂nnen, weshalb die Welt zu dem wurde, was sie heute ist ‚Äď und auch, wie es mit dieser Welt weitergehen wird. Zudem muss sie in verschiedenen Lebensbereichen grundlegende Antworten bereitstellen, damit Individuen und ganze Gesellschaften mit mehr oder weniger Erfolg in dieser Welt bestehen k√∂nnen.


Die Forderungen an eine befriedigende Weltanschauung lassen sich in drei Bereiche einordnen:

  • Sachgerecht: Eine Weltanschauung sollte die Grundlage liefern, aufgrund der eine Gesellschaft die grundlegenden biologischen Bed√ľrfnisse (Nahrung, W√§rme, Schutz) befriedigen kann.
  • Menschengerecht: Da der Mensch auch ein soziales Wesen ist, sollte die Weltanschauung zudem die Grundlagen f√ľr bedeutungsvolle soziale Beziehungen vermitteln. Versagt die Weltanschauung an diesem Punkt, kann das fatale Folgen haben (z.B. Zunahmen von Mord, Vergewaltigung, Einsamkeit etc.).
  • Gottgerecht: Menschen haben ein tiefes Verlangen, Antworten von ausserhalb ihres eigenen Intellekts zu erhalten. Alle Kulturen haben ihre religi√∂sen Vorstellungen und Antworten, welche auf dieses spirituelle Bed√ľrfnis eingehen. Eine befriedigende Weltanschauung sollte auch Antworten auf metaphysische Fragen liefern k√∂nnen.


Erf√ľllt eine Weltanschauung diese drei Grundanspr√ľche, kann man einen Schritt weitergehen. F√ľnf Testfragen k√∂nnen zeigen, ob eine bestimmte Weltsicht auch brauchbar ist:
 

  • Vermittelt sie Hoffnung?‚Ä®
    Eine befriedigende Weltanschauung sollte in einer Krise (z.B. Tod eines geliebten Menschen) neue psychologische Kraft vermitteln.
  • Kennt sie Gut und B√∂se? ‚Ä®
    Eine Weltanschauung muss Handlungen und Institutionen bewerten können und Antworten auf die Fragen nach dem Leiden geben.
  • Kann sie Neues einordnen?
    
Eine Weltanschauung muss sinnvolle Antworten auf neue Fragen vermitteln können. Sie sollte die Eleganz der Einfachheit besitzen, um in ganz verschiedenen Kulturen heimisch zu werden.
  • Deckt sie sich mit der Realit√§t?‚Ä®
    Eine Weltanschauung muss mit der vorgefundenen Wirklichkeit √ľbereinstimmen und sie soweit erkl√§ren, dass eine gewisse Ordnung erkennbar und damit eine Vorhersagbarkeit auch in allt√§glichen Dingen m√∂glich wird.
  • Ist sie koh√§rent?
    ‚Ä®Im Allgemeinen f√ľhlt sich der Mensch unbefriedigt, wenn eine Erkl√§rung unstimmig oder in sich widerspr√ľchlich ist. Eine Weltanschauung sollte daher m√∂glichst widerspruchsfrei sein.

‚Ä®Nat√ľrlich k√∂nnen all diese Kriterien in Frage gestellt werden. Da sie aber versuchen, auf vern√ľnftige Weise eine m√∂glichst realit√§tsnahe, schl√ľssige und kompatible Weltanschauung zu ergr√ľnden, k√∂nnen sie ein hilfreicher Leitfaden sein.

Woher kommen Weltanschauungen?

Weltanschauliche Prämissen werden normalerweise in einem unbewussten Prozess durch die Kernfamilie und die umgebende Kultur vermittelt. Man kann daher die Weltanschauung mit einer gefärbten Brille vergleichen, durch die wir die ganze Wirklichkeit betrachten, deren Vorhandensein wir aber meist nicht bewusst wahrnehmen.

 

Treten Erfahrungen auf, die wir mit der hergebrachten Weltanschauung nicht mehr erkl√§ren k√∂nnen, dann werden wir vermutlich unsere Weltanschauung zu hinterfragen beginnen. √úbersteigt die Menge dieser offenen Fragen ein bestimmtes Mass, dann wird unsere ganze Weltanschauung als solche in Frage gestellt und wir m√ľssen uns aufmachen, selber nach einer angemessenen Weltanschauung zu suchen. Solche Prozesse f√ľhren im Idealfall dazu, dass ein Individuum sich zunehmend seiner Weltanschauung bewusst wird oder sich eine neue Sicht aneignet, die dann den Vorteil aufweist, durchdachter zu sein. Und durchdachte Positionen sind im Allgemeinen klarer artikulierbar, vermitteln eine gr√∂ssere Sicherheit und sind generell √ľberzeugender. Das sollten sich auch Christen zu Herzen nehmen!


Weltanschaung und Religion

In seinem Buch ‚ÄěThe Myth of Religious Neutrality‚Äú (Der Mythos religi√∂ser Neutralit√§t) zeigt der Philosoph Roy A. Clouser, dass die Bildung von Theorien gezwungenermassen von weltanschaulichen Glaubensvorstellung beeinflusst wird. Er sagt, dass es keine weltanschaulich oder religi√∂s neutralen Theorien gibt und dass, wer an eine Theorie glaubt, immer auch religi√∂se Vorstellungen hat.‚Ä®

Doch wie definiert man ‚Äěreligi√∂se Vorstellungen‚Äú? Clouser geht verschiedenen Definitionsversuchen nach und kommt zu folgendem Schluss: Alle Religionen scheinen sich um etwas zu gruppieren, das wir als g√∂ttlich bezeichnen k√∂nnen. Sie unterscheiden sich aber sehr in dem, was man darunter zu verstehen hat. Er unterscheidet also zwischen einem g√∂ttlichen Status und dem, was oder wer diesen Status inne hat.‚Ä®

Das Göttliche ist das, von dem alles andere abhängt, das aber selber nicht von irgend etwas anderem abhängig ist. Es existiert aus sich selber. Wenn man definiert, dass jemand, der religiös ist, an einen Retter glaubt und etwas anbetet, dann gibt es viele, die nicht religiös sind. Wenn man aber sagt, dass das Wesentliche einer religiösen Vorstellung der Glaube an etwas ist (wer oder was auch immer es ist), das unabhängig existiert und von dem alles andere abhängt, dann sind alle Menschen religiös. Somit kann man sagen, dass alle Weltanschauungen einen religiösen Kern besitzen.



Damit können wir zusammenfassend wie folgt definieren:


Alle Religionen haben den Glauben gemeinsam, dass das Göttliche, was immer es auch ist, einfach existiert, und dass das Nichtgöttliche vom Göttlichen abhängig ist, das heisst, dass das Göttliche ohne Nichtgöttliches existieren kann, aber nicht umgekehrt.
 Das Göttliche kann eines oder eine Vielzahl sein, es muss auch nicht gut oder personal sein.

 

Eine materialistische Weltanschauung geht davon aus, dass es nur Materie und Energie gibt. Sie bezeichnet also Materie als selbstexistent (göttlich) und alles andere als davon abhängig (nicht-göttlich). Sie ist gemäss unserer Definition also auch ein religiöser Glaube, obwohl sie die subatomaren Teilchen nicht anbetet.



Was ist Religion?

Es ist klar, dass es in jeder Religion ganz zentrale Glaubensinhalte gibt, die nicht in dieser Definition enthalten sind. Clouser bezeichnet sie als "Sekundäre Glaubensinhalte". Sie können am besten umschrieben werden mit den Inhalten, die festlegen, wie man in eine richtige Beziehung zum Göttlichen kommt, wie auch immer das Göttliche gestaltet ist.


Man kann also sagen, ein religiöser Glaube ist:

  • ein Glaube an irgend etwas G√∂ttliches und
  • ein Glaube, der beschreibt, wie Menschen in eine rechte Beziehung zum G√∂ttlichen gelangen.

Der zweite Glaube ist sekundär, weil er auf dem ersten beruht.

 


Clouser bietet weitere hilfreiche Definitionen, in denen er Begriffe wie Glauben und Vertrauen definiert. Glauben und Vertrauen werden gebraucht, um eine Handlung zu beschreiben, die eine persönliche Beziehung zu dem bezeichnet, was geglaubt wird. Es gibt auch nicht-religiösen Glauben, bei dem wir von Vertrauen sprechen. So sagen wir z.B., dass wir der Wettervorhersage vertrauen. In diesem Beispiel handelt es sich deshalb nicht um religiösen Glauben, weil es weder um Vertrauen in etwas geht, das selbstexistent ist, noch um die Frage der rechten Beziehung zu dem, was selbstexistent ist.


Bei einem religi√∂sen Glauben ist das Objekt des Vertrauens bedingungslos vertrauensw√ľrdig. Nicht-religi√∂ser Glaube beinhaltet immer die Einschr√§nkung, dass das Objekt des Glaubens durch verschiedene Umst√§nde beeinflusst werden kann. Nicht beeinflussbar und daher bedingungslos vertrauensw√ľrdig kann nur etwas sein, das selbstexistent ist. Hier k√∂nnen unsere Gef√ľhle sehr t√§uschen. Wir k√∂nnen uns sicher f√ľhlen bei etwas, das eigentlich nicht uneingeschr√§nkt vertrauensw√ľrdig sein kann, andererseits aber gegen√ľber Gott, der selbstexistent ist, zweifeln.