Wer betet, ist ein Weltverbesserer

Wer betet, ist ein Weltverbesserer

von Rico Bossard | 20.09.2014

Das Gebet gilt als HerzstĂŒck des Glaubens. Christsein und Beten gehören untrennbar zusammen. Auch fĂŒr Martin Luther war das ganz selbstverstĂ€ndlich: «Man kann einen Christen ohne Gebet ebenso wenig finden wie einen lebendigen Menschen ohne Puls.»
Gebet ist auch der einfachste Zugang zu Gott. Es braucht nicht viel Übung, um damit beginnen zu können. Beim Beten wird das GesprĂ€ch mit Gott gefĂŒhrt. Langfristig, beziehungsweise auf die Dauer mit Gott im GesprĂ€ch zu sein und sich auf die Gottesbeziehung einzulassen, ist..

..eine Herausforderung. Darin stecken auch Schwierigkeiten, welche selbst der Apostel Paulus in Römer 8,26 erwĂ€hnt: «Wir wissen nicht, was wir beten sollen.» Ebenso bitten die JĂŒnger Jesus: «Herr, lehre uns beten» (Lk 11,1). In den Worten von Klaus Douglass gesprochen: «Gott ist immer da – davon bin ich ĂŒberzeugt. Uns fehlt oft nur das nötige Handwerkzeug, um uns fĂŒr seine Gegenwart zu öffnen.»

Das Gebet – aller Anfang

Der Anfang der Weltgeschichte ist nicht ein stummer. Gott ist das erste Wort. Gott will erhört werden. Erhört werden gehört zum Anfang der Geschichte dieser Welt. Es ist der Beginn des GesprĂ€ches Gottes mit den Menschen. Und fĂŒr den Menschen bedeutet Beten, was Fulbert Steffensky so formuliert hat: «Beten heisst: von mir weg sehen, nicht alles von mir selbst erwarten. Beten braucht ein GegenĂŒber: Gott. Und jeder Mensch ist von ihm nur ein Gebet weit entfernt.» Oder mit den Worten von Dorothee Sölle: «Wir beginnen unsere Suche nach Gott nicht als Suchende, sondern als schon Gefundene.»

Das Gebet – festhalten an der Hoffnung

Gott erhört unsere Gebete nicht automatisch. Wir beten für Frieden und doch kommt der Krieg. Wir beten dafür, dass die Armut und das Elend abnehmen, und doch muss das 10-jĂ€hrige MĂ€dchen wĂ€hrend 12 Stunden am Tag für einen zu kleinen Lohn arbeiten und die grossen HĂ€ndler leben ohne schlechtes Gewissen. Wir beten für Menschen, dass sie zum Glauben finden – und doch bleibt ihr Interesse an Gott klein. Wir beten für Heilung, doch die Krankheit bleibt.
Wie beeinflusst dies das persönliche Gebet? Die Vertröstung, dass Gott irgendwann gut macht, was an Bösem in unserer grossen und kleinen Welt geschieht, reicht nicht. All die unerhörten Gebete fĂŒr die grossen Nöte der Welt scheinen das Gebet nutzlos zu machen. Wer weiterbetet, widerspricht sich selber und hĂ€lt damit fest an der Hoffnung. Das ist ein Zeichen des Vertrauens. Gott ist der Welt nicht fern, sondern nahe. Er will sich an der Geschichte des Menschen beteiligen.

Das Gebet – ein Geschenk der Nutzlosigkeit

Der Mensch in unserem Kulturkreis sieht sich allein als Macher. Wo er nicht mehr siegen kann, wo er nichts mehr machen kann, sieht er sich in seinem SelbstverstĂ€ndnis hinterfragt. Kann man auf Grund dieser PrĂ€gung auf etwas anderes hoffen als auf die eigene NĂŒtzlichkeit?
Ein Kuss, eine Umarmung rechtfertigen sich nicht durch ihren Nutzen oder durch einen zu erwartenden Erfolg. Sie brauchen nicht effizient zu sein. Das gleiche gilt fĂŒr das Gebet. Es rechtfertigt sich nicht durch seinen Nutzen. Das erfahren die meisten immer wieder. Ich bete nicht mehr, weil ich möglicherweise erhört werde. Ich höre auch nicht auf zu beten, nur weil ich nicht erhört werde. Und das ist schön und gut so. Ich bete, um vor Gott zu sein. Ich bringe ihm mein Herz und lege aus, woran es leidet und worüber es jubelt.

Das Gebet – mit halbem Herzen

Am meisten zum Beten befĂ€higt uns, dass wir nicht selber die Macher unserer Gebete sein müssen. Wir brauchen uns nicht durch uns selbst zu rechtfertigen. Unsere Gebete sind nicht gut, weil wir sie mit grosser Begeisterung sprechen. Unsere Gebete gelingen nicht aus der eigenen StĂ€rke heraus. Sie sind gut, weil Gott sie hört, nicht weil sie gut sind. Wir mĂŒssen sie nicht stets aus uns selbst schöpfen. Daran erinnert uns Paulus im Römerbrief: «Der Geist wohnt in uns, der Geist in uns, Christus in uns, wir im Geist, wir in Christus» (Röm 8,11). «Der in uns wohnende Geist vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen» (Röm 8,26).

Das Gebet – ein Handwerk

Beten ist keine Kunst, sondern ein Handwerk. Was man regelmĂ€ssig tut, was man oft tut, wem man die Treue hĂ€lt, das tut man oft mit halbem Herzen. Es ist befreiend und ein Zeichen der Gnade, etwas auch halbherzig tun zu dĂŒrfen, wenn das Ganze noch nicht zu erreichen ist. So tut es gut, Gebete anderer mitbeten zu dĂŒrfen, Gebete unserer GlaubensmĂŒtter und -vĂ€ter. Zum Handwerk gehört es auch, sich darin einzuĂŒben. Orte, Zeiten und Gemeinschaften zu finden, in denen ich beten kann. Beten ist auch Konzentration und Aufmerksamkeit. Es ist keine Selbsterfahrung, eher Selbstvergessenheit. Es ist nicht erlebnisorientiert. Geduld, Langsamkeit, Stille, HörfĂ€higkeit, AufnahmefĂ€higkeit, warten können, zulassen, Gelassenheit, Ehrfurcht und Demut gehören auch zu diesem Handwerk. Alle Gebete sollten einen Anteil an Schweigen durchscheinen lassen.  So heisst Wachsen im Gebet auch Wachsen ins Schweigen.

Das Gebet – mehr als Worte

Das Gebet bereitet uns Menschen vor, die Verantwortung fĂŒr unsere Welt zu ĂŒbernehmen. Wer mit Jesus Christus betet, sieht die Welt mit anderen Augen. In den Gebetsworten Jesu selbst: «Ich bitte dich nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie bewahrst vor dem Bösen» (Joh 17,15).

 

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