Wer loslÀsst, wird gehalten

von Richard Rohr |

Ein Buch gegen den Zeitgeist: Jedes Jahr erscheinen Hunderte neuer LebenshilfebĂŒcher, die Antworten anbieten auf die Frage: "Was kann ich tun, um mein Selbstbewusstsein zu stĂ€rken?"
"Gar nichts!", ist die verblĂŒffende Antwort des amerikanischen Franzikaners Richard Rohr. Aber gerade in dieser Gelassenheit besteht das Geheimnis echter Persönlichkeitsbildung. Es erfordert ein ganz neues Denken: Loslassen können, nicht mehr alles selbst in die Hand nehmen wollen und darauf vertrauen, dass eine göttliche Kraft mich hĂ€lt, wenn ich mich fallen lasse. Diese Lebenshaltung versteht Rohr unter "kontemplativem Gebet". Die biblische Aufforderung "Betet ohne Unterlass!" bekommt in dieser Lebenshaltung konkrete Gestalt. Und der Mensch entwickelt ein ganz neues, wirklich fest gegrĂŒndetes Selbstbewusstsein.
Rohr, Richard. Wer loslösst, wird gehalten. Das Geschenk des kontemplativen Gebets. ISBN 3532622637. Claudius 2008. 174 Seiten.

Eine Buchzusammenfassung von Felix Ruther

Die Mitte und der Rand

Es gibt viele Menschen, die uns darauf hinweisen, dass es mehr gibt. In unserer in Auflösung begriffenen Gesellschaft geschieht Wirklichkeitsdeutung in allererster Linie durch die Medien und die Wirtschaft. Auch diese sind nicht an sich schlecht, sie sind lediglich nicht geeignet, unsere Seelen zu rufen und unseren Geist zu verlocken. Wir tun uns nichts Gutes, wenn wir ihnen das letzte Wort geben. (Angabe der Seitenzahl in Klammer: 12)


Der Weg des Gebets und der Liebe und der Weg des Leidens sind wohl die beiden grossen Wege der Transformation. (12)


Die Gottesfrage wird nicht im Kopf gelöst und auch nicht durch moralisch perfektes Betragen. Sie findet ihre Antwort in dir, wenn du darin einwilligst, das Geheimnis Gottes zu tragen: Das Leiden Gottes fĂŒr die Welt und seine ĂŒberschĂ€umende Freude an der Welt. Das ist sehr viel schwerer als der blosse Versuch, „gut“ zu sein. (15)


Das Leben in dieser Konsumwelt, in einem physischen Körper und mit so vielen Wahlmöglichkeiten infiziert uns mit der Krankheit namens „Überfluss“ - eine wirklich gefĂ€hrliche Krankheit, die unseren Blick trĂŒbt und es noch schwerer macht, ins Zentrum vorzudringen. (15)


Wirklich sehen zu können, das ist das HerzstĂŒck einer gegenwĂ€rtigen SpiritualitĂ€t. (15)


Gebet, Schweigen etc. All das kann helfen, aber das wichtigste ist, dass wir voll und ganz in unserer Wirklichkeit leben und sie annehmen. (16)


Die Praxis der Gegenwart Gottes erfordert nicht viel dogmatische Debatten und keinen grossen Verwaltungsaufwand, stattdessen aber Wachsamkeit, eine Sehnsucht und eine Bereitschaft, immer wieder von vorn zu beginnen. (16)


Wir kommen nicht durch Denken zu einer neuen Lebensweise. Wir kommen durch Leben zu einer neuen Denkweise. (17)

 

Mir kommt es oft so vor, als hĂ€tten wir den Weg Jesu immer nur angebetet und verehrt, statt ihn selber zu gehen. Ersteres fĂŒhlt sich richtig schön religiös an, Letzteres dagegen bloss menschlich - und ĂŒberhaupt nicht erhaben. (18)


Wer seine Ichgrenzen allzu schnell befestigt und zu rasch eine IdentitĂ€t bildet, ohne die eigene Mitte in Gott und in sich selbst zu finden, wird fĂŒr gewöhnlich mit den Gedanken der Ökumene, der Versöhnung, der Verletzlichkeit und mit der elementarsten menschlichen Dialogbereitschaft nichts anfangen können. Die eigene IdentitĂ€t ist zu unsicher, um irgendeine Form von Beweglichkeit zulassen zu können. „Christus“ wird bei solchen Menschen wahrscheinlich sehr klein und auf die eigene Gruppe bezogen sein - und sehr dem eigenen Selbstbild Ă€hneln. (20)


Andere geben allzu schnell ihre Grenzen im Namen von Toleranz und Offenheit auf, doch auch hier ist die „Unterscheidung der Geister“ notwendig. Wahrhaft Kontemplative sind tolerant, weil sie das Eine Absolute erfahren haben und damit die Begrenztheit ihres eigenen Geistes und die VergĂ€nglichkeit aller Dinge. Aber es gibt heute eine andere Toleranz, die nichts weiter ist als eine Weigerung, zu irgendetwas zu stehen. Es gibt keine Grenzen, die es wert wĂ€ren, dass man sie verteidigt. Die Toleranz des „Skeptikers“ ist weithin bedeutungslos, schafft wenig, was von Dauer wĂ€re - und charakterisiert einen guten Teil der heutigen fortschrittlichen humanistischen Denkweise. (21)


Und trotzdem - es klingt paradox - sind die wahrhaft Kontemplativen diejenigen, die Risiken eingehen und Reformen wagen, eben genau deshalb, weil sie keine privaten LebensentwĂŒrfe, Jobs oder Sicherheiten haben, die sie sichern mĂŒssten. Ihre IdentitĂ€t, ihre Sicherheit ist in Gott begrĂŒndet, nicht in ihrem Rechthaben oder einem kirchlichen Gehalt oder der Anerkennung durch andere. Nur solche Menschen schaffen es, Eigeninteressen und Ängste hintanzustellen und die notwendige Arbeit fĂŒr Gott zu tun. (22)


Gott ist immer grösser als die Schubladen, die wir fĂŒr ihn bauen - verschwenden Sie also nicht zu viel Zeit damit, die Schubladen zu Verteidigen! (22)


Man kann leicht erkennen, auf welch wackeligen Beinen jemand steht, der leicht gekrĂ€nkt oder beleidigt ist. Einen Heiligen kann man kaum verletzen, denn er lebt aus der Mitte und hat es nicht nötig, die Randbezirke - seine Emotionen und BedĂŒrfnisse - zu verteidigen. Ex-zentrische Menschen warten stĂ€ndig auf die nĂ€chste KrĂ€nkung. (23)


Gegen Ende seines Lebens sagte C. G. Jung einmal, er habe keinen einzigen Patienten gehabt, der in der zweiten LebenshĂ€lfte stand und dessen Problem nicht durch den Kontakt zu etwas gelöst werden konnte, was er „das Numinose“ nannte und was wir Gott nennen wĂŒrden. (23)


Ich bin davon ĂŒberzeugt, dass wir den Zugang zu unserem wahren Sein nur durch Gott finden können. Nur wenn wir in Gott ruhen, finden wir die Gewissheit, die innere Weite und die aufregende Freiheit, zu sein, wer wir sind - alles, was wir sind, mehr als das, was wir sind. Nur wenn wir durch Gott leben und durch seine Augen sehen, findet alles seinen Platz. Alle anderen Systeme mĂŒssen ausschliessen, abschieben, bestrafen und beschĂŒtzen, um ihre IdentitĂ€t in ideologischer Vollkommenheit oder irgendeiner Art von „Reinheit“ zu finden. Das verunreinigende Element muss immer aufgespĂŒrt und beseitigt werden. Abgesehen davon, dass dieses Vorgehen Zeit und Energie kostet, hĂ€lt es uns vor allem von der einzig wichtigen Aufgabe ab: zu lieben und die Einheit zu suchen. (23-24)


Wir können Gottes Gegenwart nicht herstellen. Vielmehr sind wir schon vollkommen in Gottes Gegenwart. Was fehlt, ist das Bewusstsein. Gott erhÀlt unsere Existenz mit jedem Atemzug, den wir nehmen. Jedes Mal, wenn wir einatmen, bedeutet das, dass Gott uns erwÀhlt -jetzt, und jetzt, und jetzt wieder. (26)


Aber hier geht es nicht um ein System des „besser  schneller – weiter“. Mitten in unserer „Verdienstabzeichen-MentalitĂ€t“ fĂŒhrt uns das Gebet zu der Einsicht, dass jegliche Erwartung eines Verdienstes oder einer Belohnung eher eine „Strafe“ ist. Diese Erwartung verhindert die wahrhaft verwandelnde Erfahrung, die wir Gnade nennen. Wir beten den Erfolg an. ... Hier spreche ich jedoch von der „radikalen Gnade.“ Das ist ein total anderes Paradigma. Eine andere Welt. Nicht die Welt, in der ich mich abrackere, damit Gott von mir Notiz nimmt und mich mag. Nicht die Welt, in der ich nach spirituellem Erfolg strebe. ... Wir haben Angst vor unverdienter- Zuwendung. Wir brauchen Gott fĂŒr die soziale Ordnung, und wir brauchen die Religion zum Zweck der sozialen Kontrolle. ... Alle spirituellen Übungen haben den einen Zweck, die Illusion zu durchbrechen, so dass wir in der GegenwĂ€rtigkeit leben können. Die Disziplin ist dazu da, damit wir sehen, was ist. (27)


Die beste Weise, Gott zu verlieren, ist die Überzeugung, ihn gefunden zu haben. (28)


Bei der SpiritualitÀt geht es um das Sehen. Nicht um das Verdienen oder Erwerben. (30)


Die herkömmliche Religion bringt vielmehr allzu leicht Menschen hervor, die meinen Gott in der Tasche zu haben, Menschen mit schnellen, einfachen, zungenfertigen Antworten. (32)


Normalerweise lassen wir Gott auf demselben Weg ein, auf dem wir alles andere auch hereinlassen. Unsere Begegnung mit Gott ereignet sich auf derselben Reifestufe, auf der auch alle anderen Beziehungen stattfinden: voreingenommen, verschlossen, verstockt - oder bereit. (34)


In unserer Gesellschaft leiden wir unter anderem unter einem Überangebot an Wörtern, einem Überangebot an Erfahrungen und, jawohl, unter einem Überangebot an Kassetten, BĂŒchern und Ideen. Wir können das alles gar nicht aufnehmen. (35)


Wir brauchen dringend das richtige Mass an Disziplin, das uns hilft, zu sehen und zu unterscheiden, was es wert ist, gesehen zu werden und was wir nicht zu sehen brauchen. (36)


Wenn wir Vollkommenheit benötigen, um mit uns selbst im Reinen zu sein, haben wir zwei Möglichkeiten: Wir können gegenĂŒber dem Bösen in uns selbst blind sein (damit das Unkraut verleugnen) oder aber entmutigt aufgeben (d.h., den Weizen verleugnen). Wenn wir hingegen die Spannung aushalten, dass beides in uns steckt, dann können wir die Gute Nachricht mit offenem Herzen hören. Es erfordert ein ungewöhnliches Mass an Demut, die dunkle Seite zu tragen. (38)


Simon Weil hat einmal gesagt: „Die Gnade bildet das Vakuum in uns, und allein die Gnade kann es fĂŒllen.“ (42)


Nur wir allein, als Einzig in all den Zivilisationen und Kulturen haben keine Initiation fĂŒr unsere Jugendlichen, vor allem fĂŒr die MĂ€nner. MĂ€nner werden aber nicht geboren. Sie werden gemacht. Es ist eine kulturelle Aufgabe, aus einem Jungen einen Mann zu machen. (44)


Die Religionen sind nur der Finger, der auf den Mond hinweist, und nicht der Mond selber. Ein Grossteil der institutionellen Religion versorgt die Leute gerade mit genug „GeschwĂ€tz“ von Gott, dass sie ihr Leben lang jegliche direkte religiöse Erfahrung zu vermeiden im Stande sind. (48)


Die letzte Erfahrung mit Gott ist oft das grösste Hindernis, die nĂ€chste Erfahrung mit Gott zu machen. Wir verabsolutieren sie und benutzen sie, um unser Ego zu stĂ€rken, um uns selber gross zu machen und uns selbst zu beglĂŒckwĂŒnschen. Dann kann natĂŒrlich nichts Neues mehr passieren. Deshalb wiederholt Jesus die Mahnung zur Umkehr immer wieder.  Wir mĂŒssen immer und immer wieder umkehren. Wir werden nicht einfach wiedergeboren. Wir werden wieder und wieder und wieder geboren. Das erfordert eine Menge Loslassen. Wenn wir nicht bereit sind, unsere Bequemlichkeit aufzugeben, wird nichts geschehen. Darum geht es bei aller grossen SpiritualitĂ€t: Ums Loslassen. (49)


Wir werden durch die RealitÀt bekehrt und nicht durch Ideen. Es sind die Ereignisse und Erfahrungen des Lebens, die uns lehren. (50)


Vieles, was wir gegen unsere Erschöpfung tun, ist keine wirkliche Neu-Schöpfung. Es ist nur Ablenkung. Ich glaube, dass wir deshalb so viel Erholung und Unterhaltung brauchen. Wenn wir nicht wirklich erholt und unterhalten werden, werden wir sehr schnell die nĂ€chste Portion brauchen. Dagegen reicht bei wirklich offenen Menschen, die verstehen zu empfangen und die sich von den Ereignissen lehren lassen, eine kleine Menge fĂŒr eine lange Zeit. Wer dagegen nicht wirklich da war, braucht immer mehr. (51)


Echte Religion sucht nach erhöhter Wahrnehmung und vollem Bewusstsein, so dass ich tatsĂ€chlich alles empfangen kann. Alles gehört zusammen, und alles kann empfangen werden. Ich muss nichts verdrĂ€ngen, ich muss nichts unterdrĂŒcken, verleugnen oder ĂŒbersehen. Was ist, darf sein. Was ist, ist der grosse Lehrmeister. (51)


Die christliche Betrachtungsweise sieht die Welt als Tempel, und das Kaufen und Verkaufen im Tempel ist das Einzige, was Jesus wirklich in Wut brachte und ihn zur Gewalt greifen lÀsst. Es zerstört den inneren Wert und ersetzt ihn durch eine vollkommen verkehrte Sichtweise: Den Marktwert. In der Welt der Fakten muss alles gezÀhlt und gewogen werden.

Das Gebet öffnet uns wieder die Augen fĂŒr den inneren Wert. Alles verliert seinen Preis, wenn es heilig ist. Und alles ist heilig, wenn die Welt ein Tempel ist.

Der Zweck des Gebets und des religiösen Suchens ist, die RealitĂ€t in ihrer Wahrheit zu erkennen. Die religiöse Aufgabe besteht darin, zu sehen, was ist. Und am Grund dessen, was ist, ist immer GĂŒte. Das Fundament ist immer Liebe.

(53)


Jesus bringt es auf den Punkt. Kannst du das Abbild Christi selbst in den geringsten BrĂŒdern erkennen? Dies ist das einzige Kriterium im Blick auf das jĂŒngste Gericht. Nichts ĂŒber die Gebote, ĂŒber den Kirchenbesuch ... Sehen wir das Antlitz Gottes sogar in den Feinden. Entweder wir sehen das Antlitz Gottes in allem Geschaffenen, oder wir sehen ĂŒberhaupt nicht.

Wenn die ganze Welt ein Tempel ist, sind auch unsere Feinde heilig. Die FÀhigkeit, Aussenseiter zu respektieren, ist wahrscheinlich die Nagelprobe auf das wahre Sehen. Alles wird bezaubernd. Ein Gott, eine Welt, eine Wahrheit, ein Leiden, eine Liebe. Wir können nichts tun, als daran teilzuhaben. (54-55)


„Was fĂŒr einen Zweck haben denn die spirituellen Übungen, die du lehrst?“ „Du ĂŒbst, damit du nicht schlĂ€fst, wenn die Sonne aufgeht.“ (GesprĂ€ch eines Zen-Meisters mit seinem SchĂŒler) (56)


Richtig zu leben heisst nichts anderes als jetzt da zu sein, denn Gott ist unbestreitbar in diesem Moment anwesend. Wenn wir diese Erfahrung machen; sie schmecken und uns daran erfreuen, brauchen wir daran nicht festzuhalten. Der nĂ€chste Moment wird seinen eigenen Geschmack und seine eigene Freude haben. Weil wir aber den Augenblick nicht schmecken, weil wir ihn nicht voll und wirklich und jetzt leben, deshalb werden wir habgierig und sĂŒchtig. Weil unser Augenblick nie gesĂ€ttigt ist, werden wir nie satt. Wir erzeugen kĂŒnstliche FĂŒlle und versuchen sie festzuhalten. Wir brauchen aber ĂŒberhaupt nichts festzuhalten, wenn wir anfangen, die FĂŒlle des Jetzt zu schmecken. Gott ist entweder in diesem Jetzt oder er ist ĂŒberhaupt nicht. (56)


Die religiöse Variante der Egozentrik besteht in dem Wunsch, Recht zu haben und die Kontrolle zu behalten. (58)


Ich bin sehr fĂŒr eine gesunde LebensfĂŒhrung, aber DiĂ€t, Fitness und ErnĂ€hrung werden leicht zu einer materialistischen Definition fĂŒr Erlösung. (61)


Echte SpiritualitÀt bringt uns nach Hause. (63)


Wir mĂŒssen warten und beobachten. Nichts anderes geschieht in den ersten Stadien der Kontemplation. Wir warten schweigend. In der Stille fallen alle unsere gewohnten Muster ĂŒber uns her. Unsere Muster der Kontrolle, der AbhĂ€ngigkeit, der NegativitĂ€t und der Angst stellen sich ein. Das ist der Grund, weshalb die meisten Menschen wieder aufgeben. Als Jesus vom Geist in die WĂŒste gefĂŒhrt wurde, tauchten als erstes wilde Tiere auf. Kontemplation hat zunĂ€chst ĂŒberhaupt nichts Tröstliches. Sie zeigt uns die Dinge so, wie sie sind. Sobald wir die Ă€usseren Reize wegnehmen, bricht ein riesiger innerer Tumult aus. Als erstes zeigen sich die wilden Tiere. Deshalb wagen sich die meisten Menschen nicht in die WĂŒste. (71)


Geh also in dein KĂ€mmerlein, wie Jesus sagt, und schliesse die TĂŒr zu (Mt 6,6). Erst dann, wenn wir den stĂ€ndigen Aufmarsch neuer Stimmen und Ideen stoppen, sehen wir die zu Grunde liegenden, immer wiederkehrenden Muster. Diese Erfahrung ist demĂŒtigend. (72)


Im KĂ€mmerchen leben wir nicht mehr aus den Reaktionen der anderen auf uns. Ich bin nicht der, fĂŒr den ihr mich haltet. Ich bin nicht der, den ihr braucht. Ich bin nicht einmal der, den ich selbst brauche. (73)


Das philosophische und spirituelle Hauptproblem im Westen ist der Individualismus. Er macht Gemeinschaft und MitgefĂŒhl nahezu unmöglich. Wir haben diesen Gedanken vom individuellen Selbst ĂŒbertrieben. (74)


Wir mĂŒssen neu begreifen, dass es im Leben nicht um mich, sondern um Gott geht. Und bei Gott geht es offenkundig um die Liebe. (75)


In der Kontemplation begeben wir uns in einen anderen Raum, wo wir das Getrenntsein als Illusion erkennen. (75)


Das Gebet heilt unser Getrenntsein vom Leben selbst. Es heilt unsere Unverbundenheit mit dem tiefsten Strom des Lebens selbst. Das Gebet stÀrkt uns im innersten Kern. (82)


Echte Kontemplation löst die Festungen des Ichs auf. (83)


Das höchste Gebot heisst nicht: „Du sollst es richtig machen!“ Es lautet: „Du sollst lieben!“ Sei ein Teil des grossen Erbarmens. Alles, was wirklich notwendig ist, ist Hingabe und Dankbarkeit. Wir haben nichts zu tun, als Gott zu danken dafĂŒr, dass wir ein Teil des Ganzen sind. Auch unsere Lasten sind nicht allein unsere Lasten. Auch unsere SĂŒnde ist die SĂŒnde der Welt. Die Freude, die in uns hochkommt, ist auch die Freude der ganzen Schöpfung. Wir können nichts tun, als das zu akzeptieren und Gott dafĂŒr zu danken. (85)


Wer vollkommen bekehrt ist, geht an jegliche Erfahrung nicht mit der Frage heran, ob sie ihm gefĂ€llt oder nicht, sondern was er daraus lernen kann. Welche Botschaft steckt fĂŒr mich darin? Welches Geschenk? Wie ist Gott in diesem Ereignis? Wo ist Gott in diesem Leiden? (86)


Es ist leichter, zu einer Gruppe zu gehören als zu Gott. (89)


Die grosse Tradition, die sich in Thomas von Aquin verkörpert, fragt nicht danach, woher einer Erkenntnis stammt, sondern ob sie wahr ist. Thomas: Wenn es wahr ist, ist es vom Heiligen Geist. Das einzige Kriterium ist die Wahrheit nicht der Ursprung.

Gruppendenken ist ein Ersatz fĂŒr Gottesdenken. Dahinter steht die Überzeugung, dass niemand anders als unsere Gruppe Gott gefunden habe. Der nĂ€chste Schritt ist dann die Identifikation mit der Gruppe als der einzig möglichen Weise, Gott zu dienen. Wenn „der Weg“ zum Selbstzweck wird, nennt man das Götzendienst. Beim Götzendienst dreht sich das religiöse Anliegen um die Frage: „Wer ist auf meinem Weg?“ und „Wer drĂŒckt es auf meine Weise aus?“ Wer es auf meine Weise sagt, ist gut, alle anderen sind schlecht.

(89)


Johannes vom Kreuz: Gott lÀsst sich nicht erkennen ausser durch Liebe. (90)


Wir sind einmalig und werden offenbar niemals wieder geschaffen. Wenn wir wahrnehmen, dass auf der Welt ein Zauber liegt, sehen wir, wie Gott sich in jedem einzelnen Menschen als Individuum offenbart. Dann ist es nicht unsere Aufgabe, Mutter Teresa zu sein, sondern das zu tun, was unseres ist. ... Ich kann Gott nur anbieten, was er mir gegeben hat - nicht mehr und nicht weniger. Unsere Aufgabe ist es, genau zu erkennen, wer wir sind, und dann entsprechend zu handeln und zu leben. Das mag möglicherweise mehr Mut kosten, als der Versuch, Mutter Teresa zu sein. (91-92)


Beim kontemplativen Gebet geraten wir in einen anderen Bereich. Es ist nicht die Arena der Verdienste, von Lohn und Strafe, es ist der Bereich der reinen Gnade und Freiheit. Diese Welt ist so vollkommen und von Grund auf fremd, dass der grösste Teil der Religion doch lieber das Lohn-Strafe-Spiel fortsetzt, weil es das einzige Spiel ist, das sie beherrscht.

Liebe dagegen gedeiht nur in einer Umgebung, die von Freiheit geprĂ€gt ist. Ich habe festgestellt, dass die ewige Lehre vorm freien Willen im 20. Jahrhundert heftigen Angriffen ausgesetzt war, insbesondere in den letzten 20 Jahren. Der freie Wille wurde auf ein winziges Fragment ZurĂŒckgehschnitten. Kein Mensch scheint mehr daran zu glauben, dass er frei ist. Wir glauben nicht mehr, dass wir persönliche Verantwortung haben, dass wir zu einer spontanen, freien "Antwort" in der Lage sind. Also spielen wir das Opfer - oder wir suchen nach jemandem, dem wir die Schuld geben können. Wir tun alles, um nur nicht die eigene Freiheit in Besitz nehmen zu mĂŒssen. Jesus dagegen spielte nicht einmal am Kreuz das Opfer, und er schuf auch keine Opfer. Das nenne ich freien Willen! (94)


Viel von dem, was wir als Orthodoxie, LoyalitĂ€t und Gehorsam bezeichnen, ist auf Angst gegrĂŒndet. Angst, etwas falsch zu machen, Angst, abgelehnt zu werden, nicht "in" zu sein - Angst vor einem Gott, mit dem die Betreffenden noch keine Erfahrungen gemacht haben. Die Unterscheidung der Geister hilft uns dabei, herauszufinden, was wirklich abgeht. Ist es wirklich Gehorsam aus Liebe, oder ist es Angst? ReligiositĂ€t beginnt oft mit Angst, aber sie kann unter der Angst weder wachsen noch gar in Angst mĂŒnden. Juliana von Norwich sagt: „Manchmal halten wir die Angst fĂŒr Demut, dabei ist sie gottlose Blindheit und SchwĂ€che. Sie ist das Gegenteil der Wahrheit.“ (97)


Terese von Avila: „In den meisten FĂ€llen rĂŒhren unsere Versuchungen und unser innerer Aufruhr daher, dass wir uns nicht verstehen“ (Die innere Burg IV,19) (98)


Wenn wir dem Strom unserer Gedanken und GefĂŒhle eine Zeit lang mit disziplinierter Aufmerksamkeit folgen, erkennen wir, dass wir unsere Erfahrungen zum grössten Teil selbst erschaffen. Wir haben die Macht, zu entscheiden, was jeder Augenblick bedeutet, und wie wir reagieren. Wir sind stark, wenn wir wissen, dass wir in der Lage sind, in Freiheit zu handeln. Wir können uns entscheiden, ob wir auf etwas voll Hass oder voll Liebe reagieren. Wir können entscheiden, ob wir angreifen oder ob wir um die Gabe der Versöhnung bitten oder wenigstens um die Gabe des Verstehens. (101)


Obwohl die Aufforderung, sich nicht zufĂŒrchten, der hĂ€ufigste Satz in der Bibel ist, wurde Furcht nie als SĂŒnde bezeichnet. Im Gegenteil, sie wurde belohnt, wie das in allen Grossorganisationen der Fall ist. Wenn Religion zur Grossorganisation wird, wird sie die Angst belohnen, denn ein System der Angst gibt dem Management die Kontrolle. (102)


Weltliche Freiheit bedeutet, tun zu mĂŒssen, was ich will. Religiöse Freiheit bedeutet, tun zu wollen, was ich muss. (103)


Das höchste, was das Gesetz zuwege bringen kann, ist, den Weg zu weisen zur Hingabe an den Geist. Allgemein kann man sagen: Das Gesetz gibt nĂŒtzliche Hinweise, es gibt aber keine spirituelle Kraft und bewirkt nicht die Wandlung. Religion ohne persönliche Gebetserfahrung ist im eigentlichen Sinn nutzlos und kann der Seele sogar gefĂ€hrlich werden. Sie setzt oft genug Gesetz und Moral an die Stelle jener furchterregenden Begegnungen mit Gott, bei denen wir per definitionem nicht die Kontrolle in der Hand haben. (110)


Es ist als ob die Seele sagte: „Da gibt es doch noch Mehr! Sie spirituelle Welt verbirgt sich und offenbart sich vollkommen in der materiellen Welt. Das ist die Christus-Ikone. Deshalb ist Jesus so wichtig: Er macht das Versteck Gottes sichtbar: Sein Leib ist die Offenbarung des wesentlichen Mysteriums. Die materielle Welt ist das Versteck Gottes. Wenn wir es bei Jesus begreifen, haben wir es begriffen. Gott ist vollkommen verborgen, aber wenn uns erst einmal die Schuppen von den Augen gefallen sind, ist Gott ebenso vollkommen offenbar, und wir sehen das Abbild Gottes in allen materiellen Dingen. Wenn wir das nicht zusammenbekommen, werden wir weiterhin die Erde verpesten, ungesunde, exhibitionistische SexualitĂ€t propagieren und sehr wahrscheinlich uns selbst hassen.

So wie es nicht leicht war, das Abbild Gottes in Jesus zu erblicken, ist es schwer, das Abbild Gottes in normalen Menschen wie unsereinem zu erkennen. Wer ein sakramentales VerstĂ€ndnis hat, sieht, wie sich das wesentliche Mysterium in der Eucharistie stĂ€ndig verkörpert. FĂŒr Katholiken ist die Abendmahlslehre der PrĂŒfstein der RechtglĂ€ubigkeit. Wenn wir die Eucharistie verstanden haben, haben wir das Wesentliche begriffen. Das Geheimnis ist dasselbe wie bei Jesus selbst. Es sieht aus wie Brot, es sieht aus wie Wein, aber wir behaupten, dass es das nicht ist. Es ist mehr. Es ist immer mehr. Ich sage immer, fĂŒr Gott ist es leichter „Brot zu ĂŒberzeugen“ als uns zu ĂŒberzeugen.

Sehen wir es? Sehen wir es durch das Brot hindurch? Können wir durch den Wein hindurchsehen und erkennen, dass da mehr ist? Dieses Sehen holt die geistliche Welt herunter auf die Erde - ganz buchstĂ€blich. Das Sakrament sagt uns, dass Gott sich in der physischen RealitĂ€t verbirgt, in der Politik, in unseren GefĂŒhlen, in Geburt und Tod, ĂŒberall in dieser irdischen RealitĂ€t. Ist das nicht wunderbar? Ohne dies wĂŒrden wir hier in schlimmster Verbannung leben. (111 ff)


Diese Welt ist das Versteck und die Offenbarung Gottes. Wir glauben an die Auferstehung des Leibes, was besagt, dass die materielle, physische Welt zum grossen Mysterium dazugehört. Sie ist nicht nur ein Unfall, ein Fehler und eine Last. Dieses verkörperte Selbst, diese physische Welt hat Anteil an allem, was Gott tut. Und heute sagt ja sogar die moderne Physik, dass die Materie nichts anderes ist als die Manifestation des Geistes - Geist, Bewusstsein und Beziehung jedoch ist das Eigentliche. (113)


Sinn wird nicht gemacht, er wird entdeckt. Er ist schon da. (115)


Die Strukturen der Seele sind immer dieselben. Entweder Angst oder Liebe. Entweder Illusion oder Liebe. Entweder Selbstschutz oder Liebe. Der Religion geht es immer um Liebe. Wir können nichts tun als den Weg freimachen. (116)


Diese Art „Esoteriker“ kennen kein System der Verantwortlichkeit in Bezug auf das, was sie glauben, und so kann ihr Ego glauben, woran es will und was es braucht. Das ist ziemlich eklektisch. Sie geben sich als Indianer aus, vielleicht channeln sie, dann gehen sie auf die schamanische Seelenreise, aber sie kennen keine Verantwortung fĂŒr die jeweils dunkle Seite dieser Praktiken. (121)


So schwebt der grösste Teil der gegenwÀrtigen SpiritualitÀt irgendwo in der Luft. Sie hat keine sozialen Zielsetzungen, kein soziales Bewusstsein, weil sie nichts von der Menschwerdung versteht. Sie ist nicht in der Gemeinschaft oder in der Geschichte verwurzelt. (122)


Wenn wir lernen können, auf Gott zu vertrauen, dann besteht der nÀchste Entwicklungsschritt unserer Seele darin, uns selbst zu trauen. Ich habe im Lauf der Jahre vielen Menschen gesagt, dass sie sich selbst trauen sollen. (123)


Du kannst dir selbst trauen, weil Gott dir traut, weil er deinen Weg, deine Erfahrung gebrauchen will. „Nichts ist vergeblich, alles wird vergeben. Nichts wird gegen dich verwendet. Ja, ich werde sogar deine SĂŒnde gebrauchen, um dich zu verwandeln.“ So hat es Juliana von Norwich von Jesus gehört: „Die SĂŒnde wird den Menschen nicht zur Schande gereichen, sondern zur Ehre ... Das Schandmal wird zum Ehrenzeichen“ (13. Schauung, Kapitel 38 ihrer „Revelation of Divine Love“ 8). Wenn das keine gute Nachricht ist, was könnte dann eine gute Nachricht sein? Was sonst könnte gut sein als diese Freiheit, diese Weite, diese Umarmung Gottes, die dir sagt, dass dein Leben wichtig ist? Dein Weg ist wichtig, und Gottes verbindliche Liebe zu dir ist immer bedingungslos und normalerweise einseitig. Plötzlich ist das Universum ein sehr sicherer Ort.

Wie komme ich dazu, das zu glauben? Einfach deshalb, weil ich sehe, dass Jesus genau in dieser Weise auf die Menschen zugegangen ist. Wenn die Samaritanerin mit ihren fĂŒnf EhemĂ€nnern zu ihm kommt, hĂ€lt er ihr nicht erst mal seine moralischen GrundsĂ€tze vor. Er nimmt ihre Geschichte an. Seine Moral entsteht immer aus einer Geschichte, sie steht immer in einem Kontext. Indem er diesen Ausgangspunkt annimmt und gelten lĂ€sst, ruft er die Seele heraus auf den Weg. Er schlĂ€gt ihr nicht vor, ihre Ehen annullieren zu lassen. Er ĂŒberprĂŒft nicht, wie viele Gebote sie gehalten und wie viele sie ĂŒbertreten hat. Stattdessen macht er sie zur Apostelin! Er sendet sie aus, damit sie die gute Nachricht in ihrem Dorf verbreitet. So hat Jesus die Menschen angenommen. Er nahm die Geschichte an, die da vor ihm ausgebreitet lag, und richtete sie aus auf das Licht und die Freiheit. Das heisst nicht, dass er nicht manchmal provoziert hat. Aber wenn Jesus das Herz Gottes offenbart, dann ist das eine sehr gute Nachricht ĂŒber das Wesen Gottes. Du brauchst dich nicht zu fĂŒrchten. Du brauchst keine Angst zu haben; dein Leben wird gewĂŒrdigt und zu deinen Gunsten eingesetzt.

Gott vergibt allem, weil alles unvollkommen, gebrochen und arm ist. Nicht nur Jesus sagt das, sondern alle grossen Beterinnen und Beter. Alle sind sie zu diesem Schluss gekommen. Die Menschen, die Gott gut kennen, Mystiker, Einsiedler, diejenigen, die alles aufs Spiel setzen, um Gott zu finden, sie alle treffen auf einen Liebhaber, nicht auf einen Diktator. Sie finden in Gott niemals einen gewalttĂ€tigen Vater oder eine tyrannische Mutter, sondern einen, der mehr liebt, als wir zu hoffen wagen. Was fĂŒr ein Unterschied zu dem „Buchhalter“, den anscheinend die meisten Menschen verehren.

Gott ist ein Liebhaber, der alles annimmt und alles vergibt. Im Evangelium heisst es: „Du (Jesus) wirst das Volk mit der Erfahrung des Heils beschenken in der Vergebung der SĂŒnden“ (Lk 1,77). Vergebung (englisch forgiveness, von fore-giveness, wörtlich etwa Vor-gebung) bedeutet: Etwas wird vorher gegeben, bevor du es verdient hast, dich seiner wĂŒrdig erwiesen oder auch nur darum gebeten hast. Vergebung bringt die ganze Welt der Leistungsgesellschaft zum Einsturz. Sie macht alle Rechthaberei und den Gedanken, etwas verdient zu haben, obsolet. Unsere Logik des quid pro quo, des „Wie du mir, so ich dir“ ist im Einflussbereich des Geistes unbrauchbar. Stattdessen werden wir in den Einflussbereich der Gnade und des Erbarmens gefĂŒhrt - die einzigartige Welt Gottes. (124-126)


Kann die Liebe Gottes wirklich so gross und so allumfassend sein? Ist das Leben nichts als eine grosse Schule der Liebe? Ich glaub, dass es so ist. Liebe ist der Unterrichtsstoff, und die Liebe Gottes ist so gross, dass Gott es letztlich allen beibringen wird. (128)


Das ist Gottes „Gerechtigkeit“, die all unsere geringeren Versionen schlucken wird. Der rachsĂŒchtige Teil in uns, der an das Prinzip von Leistung und Lohn glaubt, möchte nicht wirklich, dass Hitler von Gott geliebt wird, oder? Wir ziehen das „Wie du mir, so ich dir“ vor. Lesen Sie nur einmal das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, die alle denselben Lohn bekommen (Mt 20,1-16). Erinnern Sie sich an die Geschichte vom Verlorenen Sohn? Viele Theologen sagen, die Pointe in dem Gleichnis sei eigentlich der Ă€ltere Bruder. Er steht fĂŒr die guten Kirchenchristen, die sich aufregen, weil Gott grosszĂŒgig ist. Sie regen sich auf, weil Gott Gnade ist. Sie regen sich auf, weil die Gnade frei ist. Sie weigern sich, an dem Fest teilzunehmen, das immer ein Bankett mit freiem Eintritt ist.

Wir möchten gern ein System schaffen, in dem wir Erfolg haben und gewinnen können, und in dem so etwas wie Vergebung nicht vorkommt. Wir möchten unser Heil verdienen und unsere Überlegenheit unter Beweis stellen. Die Vergebung jedoch enthĂŒllt sowohl das Wesen Gottes als auch unseres. Zwei Drittel dessen, was Jesus gesagt hat, drehen sich um Vergebung. Ein gutes Drittel aller Gleichnisse Jesu dreht sich direkt oder indirekt um Vergebung. Vergebung hat mit Logik nichts zu tun. Vielmehr bedeutet sie den endgĂŒltigen Zusammenbruch der Logik. Sie bedeutet die mystische Erkenntnis, dass das Böse uns alle am Kragen hat, dass wir alle darunter leiden und daran teilhaben. Sie fĂŒhrt zu TrĂ€nen, Demut und Heilung - viel mehr als unsere fieberhaften Versuche, das Böse mit der Wurzel auszurotten. Die Verwandlung kommt viel eher durch die TrĂ€nen als durch Drohungen und Strafen.

Wenn Sie Ihr Leben anschauen und ich meines, werden wir beide sehen, dass wir Freude daran hatten, anderen gegenĂŒber unversöhnlich zu bleiben. (127-9)


Wir versuchen, Körper und Seele hinter uns zu lassen, um uns „spirituell“, „geistlich“ zu fĂŒhlen. Das hat nicht funktioniert. Wir haben im Westen eine handfeste spirituelle Krise. Die historischen Bilder, die den Menschen Zugang zu Gott gewĂ€hrten, scheinen fĂŒr die grosse Mehrheit der heutigen Menschen in unseren Breiten nicht mehr zu funktionieren. (134)


Das sexuelle Desaster unserer Zeit ist nicht nur auf menschliches Versagen zurĂŒckzufĂŒhren, sondern auch ein Ergebnis davon, dass wir keine positive, ganzheitliche und heilsame Sexualethik gefunden haben. Der Satz: „Lass die Finger davon!“ ist nicht in sich Weisheit, auch wenn er vielleicht ein notwendiger Anfang ist, bei SechzehnjĂ€hrigen. Wir sind so weit, dass wir die AnfĂ€nge hinter uns lassen können und mĂŒssen. (135)


Gerade so wie wir das Evangelium immer wieder domestiziert und zu einem Mittel der sozialen Ordnung und Kontrolle gemacht haben, so haben wir den Skandal der Inkarnation vermieden, um Gott „in seiner gefĂ€hrlichsten Verkleidung“ aus dem Weg zu gehen: dieser materiellen Welt. Wenn Sie meinen, dass wir uns nun weitab der rechten Lehre bewegen, schauen Sie sich den ewigen PrĂŒfstein fĂŒr die rechte Lehre an, die Eucharistie. Hier haben wir es wieder: RealprĂ€senz, wirkliche Gegenwart in physischem Brot und Alkohol, also Gift, enthaltendem Wein. „Der Leib Christi“ sagen wir, wenn wir den GlĂ€ubigen dieHostie in die Hand oder in den Mund legen. Diese Handlung ist vorsĂ€tzlich schockierend, sexuell, oral, mystisch und ganz auf den Augenblick bezogen. Erst nach Tausenden von „Kommunionen“ dĂ€mmert uns die Wahrheit, und das Geheimnis der Inkarnation Gottes in Christus beginnt, sich bewusst auf dieser Erde fortzusetzen. Wir tragen das Geheimnis Gottes. (136)


Die Vergebung, die Teil unseres Glaubens ist, lehrt uns, dass wir alle viel grösser sind als die guten oder schlechten Geschichten, die wir einander ĂŒber uns selbst erzĂ€hlen.

Es ist seltsam, aber in unserem Leben geht es letztlich nicht um uns. Es ist Teil eines viel grösseren Stroms namens Gott. (136)


Können wir so leben, dass die an deren keine Angst vor uns zu haben brauchen? Ich wĂŒnschte, wir könnten es. Ich wĂŒnschte, die anderen könnten unsere Annahme spĂŒren. Ich wĂŒnschte, sie könnten die universelle Vergebung spĂŒren.

Manche Menschen haben einfach in ihrer Persönlichkeit die Gabe, anderen zu vermitteln: „Es ist in Ordnung!“ Wenn sie auch Ă€usserliche AutoritĂ€t besitzen, möchte jeder in ihrer NĂ€he sein. Ihre StĂ€rke gibt uns Mut. Das ist wahrscheinlich die ErklĂ€rung fĂŒr die Faszination, die von mĂ€chtigen Menschen, Uniformen, BerĂŒhmtheiten, Ärzten ausgeht - ja sogar von Prinzessin Diana ausgegangen ist. Wir Priester haben unsere Aufgabe nicht immer besonders gut erfĂŒllt, aber offiziell besteht unsere Rolle als Beichtvater darin, Menschen mitzuteilen und erfahrbar zu machen, dass ihnen vergeben ist. BeichtvĂ€ter sind die offiziellen Vergeber. HĂŒbsche Arbeitsbeschreibung. Allein dafĂŒr lohnt es sich, Priester zu sein. (140)


Wenn wir lernen, uns an der Gegenwart Gottes zu erfreuen und auf sie zu vertrauen, wird auf ganz natĂŒrliche Weise aus dieser Gegenwart Gebet. Wenn die Kirche den Menschen nicht mehr beibringt, wie man betet, könnte man fast sagen, sie habe ihre Existenzberechtigung verspielt. (141)


Die Überbetonung des gemeinsamen - gottes-dienstlichen - Gebets macht viele unserer Kirchenmitglieder passiv, ohne persönliches Gebetsleben und zufrieden mit der Religion aus zweiter Hand an Stelle von authentischen eigenen Erfahrungen. Wir Priester tun je doch Gott keinen Gefallen, wenn wir die Menschen in PassivitĂ€t und Unbewusstheit halten. (141)


Weinen fĂŒhrt dazu, dass wir unsere MittĂ€terschaft anerkennen. Weinen ist das Gegenteil von Anklagen und das Gegenteil von Verleugnen. Es fĂŒhrt zu tiefer Heilung, wenn es vom heiligen Geist eingegeben ist. Die Heiligen sprechen oft ĂŒbers Weinen. Sie sprechen oft von der „Gabe der TrĂ€nen.“ Vor allem die VĂ€ter und MĂŒtter des Ostens und die, die weniger kopfzentriert waren. Franz von Assisi hat viel geweint. Klara ebenso. Sie haben manchmal einfach nur zusammen gesessen und geweint. Ephrem der Syrer sagt, die Freiheit zu weinen sei ein klares Zeichen dafĂŒr, dass man wirklich Gott erfahren hat.

Wo der TrÀnenmodus verloren ist, muss sich all unsere Trauer anscheinend in Wut und Anklagen verwandeln. Wenn das Trauern, das Jesus selig preist (Mt 5,4), verloren geht, begeben wir uns stattdessen in den Modus des Festlegens, der Schuldzuweisungen und der Kontrolle. (142)


Das Gebet mit Worten ist ein Versuch, uns selbst gegenĂŒber die AbhĂ€ngigkeit von dem grossen Mysterium auszudrĂŒcken. Beim schweigenden Gebet geht es vielmehr sie zu erfahren. Wir erkennen an und freuen uns daran, dass wir Geliebte sind, aus dem Nichts erschaffen. Ich sitze da, zufrieden wie ein Kind auf dem Schoss seiner Mutter. Ich sitze und warte, bis ich weiss, dass die Wahrheit in meinem Körper ist. Das Schweigen fĂŒhrt uns zu einem Ergötzen wie dem, in dem wir nach dem Liebesakt verweilen. Da gibt es keine Worte. Es gibt nichts zu sagen, ausser: „Es ist gut, es ist sehr gut.“ (143)


Schauen Sie sich ihre eigene Kirche an. Da kommen doch grosstenteils Individualisten, um sich ihren spirituellen Kick abzuholen, und gehen dann wieder. (144)


Die Lehre der Buddhisten besagt, dass wir dreierlei brauchen: das Sitzen, die Lehre und die Gemeinschaft. Buddhisten bekrĂ€ftigen diese drei Disziplinen jeden Morgen. Unsere Tradition kann sich auf dieselben drei Punkte stĂŒtzen.

Wir brauchen die Erfahrung des Heiligen (das „Sitzen“). Ohne diese Erfahrung wird das Christsein trocken, ineffektiv.

Dann brauchen wir auch die Weisheit frĂŒherer Zeiten. Wir fangen nicht bei null an. Wir brauchen die Lehre, die Aussagen darĂŒber, was wirklich ist und was nicht.

Und schliesslich brauchen wir auch die Gemeinschaft, sonst fallen wir in den illusionĂ€ren Individualismus zurĂŒck. Ich möchte nicht, dass meine Worte irgendjemand dazu bewegen, in eine private, isolierte SpiritualitĂ€t abzutauchen, wo man jeden Tag sein kontemplatives Sitzen ĂŒbt, aber blind ist fĂŒr die Leiden der Welt. Wenn wir das tun, ignorieren wir die sozialen Beziehungen, die unser Wesen ausmachen. Im Innersten sind wir Schwestern und BrĂŒder. Wir sind alle nackt unter unseren Kleidern, und unsere Gemeinsamkeiten ĂŒberwiegen die Unterschiede bei Weitem.

Das gemeinsame, soziale Gebet verhilft uns zu der Erfahrung, dass wir ein und dieselbe Aufgabe haben. Dass unsere GĂŒte ein und dieselbe ist. Unser Leiden ist ein und dasselbe. Und auch unsere SĂŒnde. Dass wir uns alle wegen derselben Dinge schĂ€men. (145)


Ich denke, ein Christ ist einer, der sich bereit erklĂ€rt, an der Seite Jesu den Schmerz der Welt zu spĂŒren und zu durchleiden. Aber da dĂŒrfen wir noch nicht aufhören. Es gibt ja auch FreudentrĂ€nen. Wenn es sich um unverdientes GlĂŒck handelt, wenn wir wissen, dass wir dieses Gute nicht verdient haben, werden wir sprachlos. Die einzige Reaktion sind TrĂ€nen. Vielleicht haben wir deshalb zwei Augen, weil die RealitĂ€t stereoskopisch ist. Wenn wir sie zur GĂ€nze wahrnehmen, haben wir allen Grund fĂŒr unermessliche Trauer ebenso wie zu unermesslicher Freude  beides zur gleichen Zeit. (146)


Wenn wir nach 50 oder 60 Jahren nicht lachen können, haben wir wahrscheinlich etwas falsch gemacht. Wir nehmen uns zu ernst, wir haben das Mysterium noch nicht entdeckt. Am Ende hÀngt alles mit allem zusammen. Wenn wir nicht lachen können, halten wir uns vermutlich unsere Schuld vor und haben die Vergebung nicht angenommen. Ein betender Mensch, ganz einfach gesagt, ist jemand, der aus ganzem Herzen weinen und aus vollem Bauch heraus lachen kann.

Meiner Ansicht nach besteht die Ă€usserste Ohnmacht Gottes darin, dass er vergibt. Indem ich mir selbst und anderen nicht vergebe, bewahre ich mir eine Machtposition. Gott hĂ€lt an dieser Machtposition nicht fest. Gott ist wirklich bereit, seine göttliche Macht aufzugeben. Gott vergibt der Welt, dass sie gebrochen und armselig ist. Gott vergibt uns, dass wir nicht das sind, was wir meinen sein zu mĂŒssen - und auch, dass wir nicht das sind, was Gott gewollt hĂ€tte. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum wir uns in solch einen Gott verlieben können. Warum auch nicht? Wir wĂ€ren Narren, wenn wir es nicht tĂ€ten  und wir werden „heilige Narren“ sein, wenn wir es tun.  (147)


Es ist eine allgemeine Regel: Wir brauchen immer mehr von dem, was nicht funktioniert. Wenn es funktionieren wĂŒrde, hĂ€tten wir es nicht nötig, die Dosis zu erhöhen. (150)


Wenn wir aus der NormalitĂ€t in den heiligen Raum gefĂŒhrt werden, bedeutet das Leiden. Es bedeutet, loszulassen, woran wir uns gewöhnt haben. Das verursacht Leiden. Immer muss ein Teil von uns sterben. Wenn diese Bereitschaft fehlt, können wir den heiligen Raum nicht betreten. Der Prophet fĂŒhrt uns in den heiligen Raum, indem er uns zeigt, wie unzureichend die alte Ordnung ist; die Rolle des Priesters besteht dann darin, uns zu lehren, wie man in dem neuen Raum lebt. Leider vollzieht der Priester seinen Dienst allzu oft ohne Kontakt zum Propheten. Er spricht von einem neuen Bereich, aber er fĂŒhrt uns nicht heraus aus der alten Ordnung, in der wir grösstenteils noch gefangen sind. (152)


So kommt es, dass der Schatten fĂŒr viele erfolgreiche, weisse europĂ€ische oder nordamerikanische Menschen der Mittelschicht nicht in den Dingen besteht, auf die sich die Kirche normalerweise bezieht. Die Kirche (und zunehmend auch die RechtsanwĂ€lte und die Medien) deutet normalerweise mit dem Finger auf alles, was mit Sex zu tun hat. Aber darum geht es in den meisten FĂ€llen nicht. Unser Schatten heisst: Misserfolg. Was verachten wir denn? Ohnmacht! Die verachten wir. Wir haben eine verzweifelte Angst davor, ohnmĂ€chtig zu sein. Wir haben Angst vor Einsamkeit, Armut und Langweile. Wir haben schreckliche Angst vor dem Scheitern.

Gewaltlosigkeit, MissvergnĂŒgen und Nicht-AggressivitĂ€t gehören ebenfalls zu unserem amerikanischen kollektiven Schatten. Indem wir das alles zu vermeiden suchen, schaffen wir unseren Charakterpanzer. Wir gieren nach der Art Aggression, die es uns erlaubt, dominant und mĂ€chtig zu sein. Wir finden uns ab mit VergnĂŒgungen, die in Wahrheit gar nicht vergnĂŒglich sind. Manchmal benutzen wir VergnĂŒgungen als Schein-SchwellenÂŹerfahrung, um echte Freude zu vermeiden. Ein bestimmter Teil unseres Körpers bekommt - vielleicht - Unterhaltung, doch um den Preis der inneren Glut und Lebendigkeit unseres ganzen Wesens. FĂŒr viele ist Armut der tiefste Schatten. Wir können uns ĂŒberhaupt nicht vorstellen, ohne Geld glĂŒcklich zu sein. Der Verzicht auf unsere vielen Wahlmöglichkeiten wĂŒrde uns versteinern. Wir haben die Wahlfreiheit als Ersatz genommen fĂŒr die Freiheit der Seele, die allein spirituelle Freude schenkt.

Ich verstehe, weshalb sich mein geistiger Vater Franziskus bewusst der Richtung, in die sich der Westen bewegte, entgegengestellt hat. Er ging vollstĂ€ndig ins Schattenselbst und sagte: „Hier will ich meine Freude finden.“ Ich will Freude haben an Nichtmacht, an Nichtaggression, an Nichtherrschaft, NichtvergnĂŒgen, Nichtreichtum, Nichterfolg. Er lebte so nah am Grund der Dinge, dass er nicht sehr tief fallen konnte. Das nenne ich Freiheit!  (156-7)


Jahwe, der Gott Israels, wird beschrieben als der, „der die Toten lebendig macht und das, was nicht ist, ins Sein ruft“ (Röm 4,17). Gib mir dein Versagen, ich werde Leben daraus machen. Gib mir deinen gebrochenen, missgestalteten, abgelehnten, verratenen Körper, einen Körper wie der, den du am Kreuz hĂ€ngen siehst, und ich werde Leben daraus machen. (159)


Und Juliana sagt es so, auf die Gefahr hin, uns zu schockieren: „Gott sieht die Verletzungen, aber er sieht sie nicht als Wunden, sondern als Ehrenzeichen ... Denn er hĂ€lt dafĂŒr, dass die SĂŒnde seinen Geliebten Sorgen und Schmerz bereitet. Er verurteilt uns nicht dafĂŒr“ (Kap. 39). Eines Tages werden wir Gott fĂŒr unsere Wunden vielleicht danken, doch normalerweise geschieht das nicht vor der Lebensmitte. (160)


Eine Menge Leute haben immer alles richtig gemacht. Wenn du sie anschaust, sagst du dir: „Wenn Erlösung so aussieht, dann weiss ich nicht, ob ich erlöst werden will.“ Wenn solche Leute im Himmel sind, dann möchte ich dort nicht hinein. Schaut so der Himmel aus? Ein Haufen Leute, die ihre Überlegenheit ausspielen und dir andauernd sagen, dass du im Unrecht bist? Ist das das Leben, das Jesus versprochen hat? Das kann's ja wohl nicht sein! (161)


Die Konservativen ziehen die Flucht vor und leugnen, dass es ĂŒberhaupt ein Problem gibt. Sie lieben das Wort Jesu: „Ihr werdet immer Arme unter euch haben,“ um sich dann zu versichern, dass es „das Wichtigste ist, mit Jesus ins Reine zu kommen.“ Sie verdrĂ€ngen das institutionelle Böse meistens sehr massiv, abgesehen von den Sicherheitssystemen, die sie bauen. Die Reichen sehen einfach nicht, wie 90 Prozent der Menschen in dieser Welt leben. Das ist eine gefĂ€hrliche Illusion. Eine der grossen SĂŒnden. Wir sehen auf das Kreuz, aber wir merken nicht, was das Kreuz sagt. Das trifft fĂŒr die Progressiven ebenso zu wie fĂŒr die Konservativen: Die Progressiven verleugnen den senkrechten Balken des Kreuzes (Transzendenz und Tradition), und die Konservativen verleugnen den waagrechten (Weite und InklusivitĂ€t). (165)


Lassen wir uns von den sĂŒndhaften und tragischen Ereignissen nicht erstaunen und nehmen wir keinen Anstoss an ihnen. Tun wir, was wir können, um Frieden zu sein und Gerechtigkeit zu ĂŒben. Aber erwarten oder verlangen wir auf dieser Erde niemals Vollkommenheit. Das fĂŒhrt normalerweise nur zu einer falschen moralischen Empörung, einer negativen IdentitĂ€t, Intoleranz, Paranoia und egozentrischen KreuzzĂŒgen gegen die „unreinen Elemente,“ statt dass wir selbst „neue Schöpfung“ werden (Gal 6,15). (171)