Wie christlich ist die Volksschule noch?

Wie christlich ist die Volksschule noch?

von Daniel Kummer | 01.01.2010

Die Werte, die eine Gesellschaft prĂ€gen, wirken sich auch auf die Gestaltung des Schulunterrichts aus – einerseits in der Stoffauswahl, andererseits aber auch in dessen Behandlung. Welche Werte prĂ€gen die Schweizer Bildungsinstitutionen?

Hat sich unsere Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten wirklich vom Christentum abgewendet? Ist es wahr, dass christliche Werte im Schulsystem eine immer kleinere Rolle spielen? Wer diese Fragen beantworten will, muss sich zuerst fragen, wie sich christliche Werte in der Schule zeigen. Die Werte, die eine Gesellschaft prĂ€gen, haben in sehr vielen Bereichen der Schulgestaltung Auswirkungen. Sicher betreffen sie die Stoffauswahl. Hierzu zwei Beispiele. Wer die UnabhĂ€ngigkeitsbewegung in der Innerschweiz um 1291 als Bewegung von Rebellen darstellt, ĂŒbersieht, dass in dem Zeitraum der Glaube an die Gotteskindschaft zu verschiedenen geistlichen AufbrĂŒchen auch in der Innerschweiz gefĂŒhrt hat und man deshalb nicht lĂ€nger andere Herrscher ausser Gott ĂŒber sich anerkennen wollte. Wenn ein Französischlehrmittel nicht lĂ€nger Weihnachten, sondern Silvester als freudiges Ereignis mit Tannenbau aufnimmt, geschieht das nicht zufĂ€llig, sondern ist Ausdruck von Wertentscheiden.

Im Rahmen meiner Lizentitatsarbeit habe ich fĂŒr verschiedene Bereiche der Schulorganisation Kriterien erarbeitet, die aufzeigen, wie christliche Werte auf die Schule Einfluss nehmen. Es ist klar, dass ich damit nicht die Schule als Ganzes untersucht habe, sondern lediglich das, was in Schulgesetzen, LehrplĂ€nen und Lehrmitteln zum Ausdruck kommt. Jedoch stellt das einen Spiegel der Werthaltungen einer Gesellschaft dar. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhĂ€lt der christliche Glaube in vielen LĂ€ndern Europas neue Bedeutung und sie verstehen sich als christliche Nation.

Das wirkt sich auch auf die Schule aus und wird deutlich bei der Diskussion des bernischen Primarschulgesetzes, die ich unter anderem in meiner Arbeit untersucht habe. 1951 wird seit 1894 erstmals im Kanton Bern ein neues Primarschulgesetz behandelt. Interessant sind dabei vor allem der Zweckartikel und das Fach Religion. Die vorberatende Kommission schlĂ€gt einen Zweckartikel vor, der keinen Bezug zum christlichen Glauben enthĂ€lt, sondern die Schule 'neutral' ausrichten will. Bereits zu Beginn der Diskussion schlĂ€gt Dr. Weibel von der katholischen Volkspartei vor, dass die Schule christlich ausgerichtet sein soll, da eine christliche Nation auch eine christliche Schule wĂŒnscht. Dieses Votum schlĂ€gt ein wie eine Bombe und wird durch einen konkreten Antrag von Ruef noch verstĂ€rkt. WĂ€hrend zwei Tagen streiten sich die Parlamentarier ĂŒber die Frage, wie neutral oder wie christlich die Schule sein darf. Die Forderung nach Mut zum christlichen Bekenntnis steht gegen den Protest, dass der Geist und nicht der Buchstabe des Gesetzes lebendig mache. Die Gegner der Schule mit christlichem Zweckartikel können sich durchsetzen und gewinnen die Abstimmung im FrĂŒhling mit 90 gegen 65 Stimmen.

Im September des gleichen Jahres wird das Gesetz zum zweiten Mal im Rat behandelt und der PrĂ€sident der Kommission bittet, dass dem grundlegend ĂŒberarbeiteten Vorschlag eindeutig zugestimmt wird. Dieser Vorschlag enthĂ€lt die Forderung, ‘die Erziehung in der Schule soll dazu beitragen, die Ehrfurcht vor Gott und in christlichem Sinne den Willen zu gewissenhaftem Handeln gegenĂŒber dem Mitmenschen zu wecken‘. Nach kurzer Diskussion und nur einem Gegenvotum wird der Vorschlag mit 129 gegen 5 Stimmen angenommen. Das Klima im Rat hatte sich radikal verĂ€ndert und fast niemand wagte mehr gegen eine christliche Ausrichtung Stellung zu beziehen. Das Fach Religion lautete wie bisher ‘Christliche Religion auf Grundlage der biblischen Geschichte’ und stand in seiner Ausrichtung nicht zur Diskussion.
Erst 1979 wurde wieder ĂŒber die christliche Ausrichtung der Schule diskutiert und das Fach ‘Christliche Religion’ wurde in ‘Religion/Lebenskunde’ umbenannt, um der Entchristlichung der Gesellschaft Rechnung zu tragen. Das war der Anfang der Abwendung von christlichenWerten in der Volksschule, begrĂŒndet damit, dass christliche Werte gegenĂŒber anderen Glaubensrichtungen intolerant seien. In der 1991 stattfindenden Diskussion des neuen, heute gĂŒltigen Volksschulgesetzes, wurde deutlich, wie verĂ€ndert die Situation ist. 1951 diskutierte man im Grossen Rat noch insgesamt an drei Tage ĂŒber den Zweckartikel. 1991 dauerte die Diskussion noch etwa fĂŒnfzehn Minuten und nur ein Parlamentarier setzte sich dafĂŒr ein, im Zweckartikel wie 1951 eine klare christliche Ausrichtung der Schule festzuhalten. Sein Vorschlag hatte keine Chance!

Bei der Betrachtung der LehrplĂ€ne, die wiederum nur andeutungsweise erfolgen kann, fĂ€llt auf, dass sie in den 60er- und 70er-Jahren sehr knapp gehalten wurden. Jedoch kann man davon ausgehen, dass vieles eben noch selbstverstĂ€ndlicher war und nicht ausdrĂŒcklich im Lehrplan festgehalten werden musste. In der Öffentlichkeit waren christliche Werte noch tragend. Das Ă€nderte sich in den 80er-Jahren.

Ich möchte hier nur zwei PhÀnomene herausgreifen. Bereits im Lehrplan von 1983 wird deutlich, dass die Wertgrundlage ihre Einheitlichkeit verliert. Man versucht in vielen Bereichen bewusst offene Formulierungen zu verwenden, um Wertkonflikten aus dem Wege zu gehe. Es gibt jedoch einzelne Bereiche, in denen immer noch sehr klare und verbindliche Ziele angestrebt werden. Einzelne Aufgaben werden im Lehrplan von 1996 noch eigens betont wie zum Beispiel die Gleichstellung von MÀdchen und Knaben oder die interkulturelle Erziehung. Hier gibt es sehr klare Ziele, die keinem Wertpluralismus unterworfen sind. In einem Bereich möchte ich das kurz illustrieren. Ich lasse dabei die Fachbezeichnung bewusst weg und ersetze sie durch drei Sternchen. Um welches Fach handelt es sich wohl?

"Die *** gehört in jedem Alter und in jeder Phase der Entwicklung zum Menschen. Sie ist fĂŒr die Entfaltung des Individuums und fĂŒr die Gestaltung der zwischenmenschlichen Beziehungen wichtig. Die schulische *** leistet einen Beitrag zur *** MĂŒndigkeit der Jugendlichen. *** in der Schule umfasst ... zwischenmenschliche, ethische und gesellschaftlich-kulturelle Aspekte."

Der Text ist ein Text aus dem Lehrplan von 1996. In den 50er- und 60er-Jahren hĂ€tte man einen Ă€hnlichen Text schreiben können, in dem man die Leerstelle mit '(christlicher) ReligiositĂ€t' oder 'Religionserziehung' ersetzt. "Die (christliche) ReligiositĂ€t gehört in jedem Alter und in jeder Phase der Entwicklung zum Menschen..." Diese Aussage wĂ€re in den 60er- Jahren nicht anstössig gewesen, geht es doch gemĂ€ss Zweckartikel darum, zu Ehrfurcht vor Gott und zu gewissenhaftem Handeln in christlichem Sinn zu erziehen. Im Lehrplan 1996 ist die Lehrstelle mit 'SexualitĂ€t' und 'Sexualerziehung' ersetzt. "Die SexualitĂ€t gehört in jedem Alter und in jeder Phase der Entwicklung zum Menschen..." Plakativ ausgedrĂŒckt erhĂ€lt die Sexualerziehung die Bedeutung und wertmĂ€ssige Sicherheit, die vor 40 Jahren der Erziehung zu christlichen Werten zukam. Religion wird zunehmend relativer, so relativ, dass im Lehrplan 1996 auch der Religionsunterricht alle religiösen Bekenntnisse, die in der Klasse vorkommen, berĂŒcksichtigen muss und nicht mehr grundsĂ€tzlich christlich ausgerichtet sein kann. Damit sind selbst im Religionsunterricht nicht mehr christliche Werte leitend. Im Gegenzug dazu nimmt die Sexualerziehung in den 80er-Jahren an Bedeutung zu und erhĂ€lt, vor allem Dank der gesellschaftlichen Brisanz von AIDS, einen festen Stellenwert im Lehrplan; ironischerweise ausgerechnet im Fachbereich Religion/Lebenskunde. Eine kritische Haltung wird hier nicht angestrebt. Diese exemplarische Betrachtung der LehrplĂ€ne zeigt, dass sich zwar eine Verunsicherung der Werte breit macht, aber nur in gewissen Bereichen. In anderen Bereichen haben sich die Werthaltungen weiter verfestigt.

Bei den Lehrmitteln mĂŒsste jedes Fach einzeln betrachtet werden, wozu hier der Platz fehlt, jedoch verloren auch hier christliche Werte ihre zentrale Bedeutung. Zusammenfassend wird deutlich, dass in der Schule, zumindest was die Schulgesetze, LehrplĂ€ne und Lehrmittel betrifft, christliche Werte ihre zentrale Bedeutung verloren. Die Frage ist, ob Christen ein Interesse oder einen Auftrag erkennen, vom christlichen Glauben her wieder erneuernd in die Schule zu wirken. Dass sie Erneuerung braucht, wenn man eine christliche Erziehungsverantwortung nicht abstreitet, hat diese Untersuchung klar nachgewiesen.