Wozu ist Jesus am Kreuz gestorben?

von Klaus Berger |

Was ist das fĂŒr ein Gott, der seinen Sohn in den Tod schickt, um sich Genugtuung fĂŒr die SĂŒnden der Menschen zu verschaffen? Ist das Bild eines solchen Gottes heute noch zumutbar? Ist Jesus wirklich "fĂŒr uns" gestorben? Wie ist der Begriff "SĂŒhne" heute zu verstehen?
Jesus ist "fĂŒr uns" gestorben, mit seinem Tod hat er unsere SĂŒnden "gesĂŒhnt". Dies ist eine zentrale Aussage des christlichen Glaubens. Aber sie wird heute kaum noch verstanden – und wie sollen wir sie heute verstehen?
Klaus Berger geht diesen Fragen auf den Grund. Er erklĂ€rt den ursprĂŒnglichen Sinn der Aussagen des Neuen Testaments ĂŒber die Heilsbedeutung des Todes Jesu und stellt sich der grossen Herausforderung, das damals Gemeinte in heutiges Denken zu ĂŒbertragen.
Berger, Klaus. Wozu ist Jesus am Kreuz gestorben?. ISBN 3579064207. GĂŒtersloher 2005. 232 Seiten.

Eine Buchzusammenfassung von Felix Ruther

I. EinfĂŒhrung

  • War der Tod Jesu ein SĂŒhnetod fĂŒr die SĂŒnden der Menschen?
  • Ist er dann im Sinne des alttestamentlichen Kultes zu begreifen?
  • Hat Gott den Tod Jesu gebraucht, weil er nicht auf anderem Wege vergeben konnte?
  • Kann durch einen Tod, auch wenn er stellvertretend ist, ĂŒberhaupt Gutes kommen?
  • Ist der Vatergott, der seinen Sohn schlachtet oder töten lĂ€sst, nicht ein grausamer Gott?
  • Sollte man eine solche Vorstellung nicht fĂŒr den neutestamentlichen Gott der Liebe ĂŒberwinden?
  • War der Tod Jesu dann nicht weniger und nicht mehr als „nur“ ein Justizskandal?
  • Ist Jesus mit seinem Tod nicht einfach unter den leidenden Gerechten Israels einzuordnen?

Weder wird die Auffassung vom stellvertretenden Tod Jesu fĂŒr unsere SĂŒnden noch verstanden, noch kommt man mit dem mit allen diesen Anschauungen verbundenen Gottesbild zurecht.

II. Historische HintergrĂŒnde

Heute besteht die Neigung, in vielen Einzelheiten die Passion nach Joh fĂŒr historisch glaubwĂŒrdiger zu halten. Heutige Forscher neigen auch dazu, den Anteil der Juden an Jesu Tod eher gering einzustufen. Die Römer seien die treibende Kraft fĂŒr den Tod Jesu gewesen.
Johannes nennt aber auch handfeste jĂŒdische Interessen:

  • Der Rat des Kaifas (Joh 11,50): „Es ist besser, wenn ein Mensch stirbt anstelle des    Volkes, als wenn das ganze Volk zugrunde geht.“ Jesus wĂ€re dann wie im Schach ein Bauernopfer gewesen, das den Römern von den Juden prĂ€sentiert wurde, damit sie selber gut dastanden.
  • Gewisse Theologen meinten, dass schon die VerkĂŒndigung : „Das Reich Gottes ist nahe“, genĂŒgt habe um in den Juden einen Hass hervorzurufen.
  • Oder dass Jesus sich als Sohn Gottes bezeichnet und den Sabbat und die Gesetze nicht gehalten hat. Schwerwiegend ist auch sein Auftreten im Tempel. (Innerhalb der Tempelumfriedung gab es eine Inschrift, die dem, der ungerechtfertigt eindringt, sofortige Lynchjustiz androhte. Bei der Hinrichtung des Stephanus zeigt es sich, dass die Römer diese spontane Tötung tolerierten.)

Vermutlich wurde aber Jesus hauptsĂ€chlich getötet, weil er sich König nannte. Das hat Pilatus (absichtlich?) missverstanden. Jesus war damit der Verletzung der alleinigen MajestĂ€t des römischen Kaisers schuldig erklĂ€rt worden. Er starb somit als politischer AufrĂŒhrer.
Kein Historiker (auch nicht nicht-christliche) habe den Tod Jesu bestritten. Es gibt auch viele Juden - auch heutige -, die bestĂ€tigen, dass Jesus unschuldig hingerichtet wurde, und zwar wohl eben im Zusammenhang mit jĂŒdischem Opportunismus gegenĂŒber den Römern.

  • So ist das Kreuz immer auch ein Symbol fĂŒr das, was wir Menschen in der Welt an Ungerechtigkeit anrichten.

III. Stellvertretung

Was ist Stellvertretung?
Die Stellvertretung setzt immer ein Dreieck voraus. Einer kann fĂŒr einen anderen etwas vor einem Dritten tun. Z.B. Ein Mensch kann fĂŒr einen anderen etwas vor Gott bewirken. Das kann er nur einmalig tun oder quasi als Beruf, besonders, wenn er dauernd in Gottes NĂ€he ist (Paracletus).
Stellvertretung ist fĂŒr viele heute unverstĂ€ndlich weil sie davon ausgehen,

  • dass jeder einzelne ganz fĂŒr sich alleine mit seinem Gewissen vor Gott steht, ohne Vermittler,
  • dass andere Menschen fĂŒr mein Heil keinerlei Bedeutung haben,
  • dass es dem personalen Charakter aufgeklĂ€rter ReligiositĂ€t widerspreche, wenn eine Leistung von der Person des Wirkenden abgelöst und auf andere ĂŒbertragen wird.

Ohne die Dimension der Stellvertretung ist aber die Heilsbedeutung des Todes Jesu gar nicht mehr verstÀndlich.
Im AT wird davon ausgegangen, dass jeder die Folgen seines Tuns selber tragen muss (Tun-Ergehn-Zusammenhang). Bei der Stellvertretung ist alles anders. Nicht der TÀter trÀgt die Folgen seines Tuns, sondern ein anderer. Hier wird eine soziale Dimension wichtig.
Die Folgen sĂŒndigen Tuns nennen wir Schuld – die SĂŒnde ist vergangene Tat, die Schuld ist fortbestehende Belastung. FĂŒr ein neuzeitlich denkendes Subjekt ist es sehr schwer verstĂ€ndlich, dass die VerknĂŒpfung von SĂŒnde und Schuld vielleicht gar nicht so eng ist, wie immer angenommen.
Wo die Bibel von Stellvertretung spricht – z.B. in der FĂŒrbitte – geht es darum, anderen generell etwas zukommen zu lassen. Dabei ist es nicht einmal wichtig, ob der andere das auch will (FĂŒrbitte fĂŒr die Feinde: Lk 24,34; Röm 5,10).

Stellvertretung als Gnade
Bei der religiösen Stellvertretung geht es um Leistung vor Gott. Gott wird stellvertretend fĂŒr andere etwas dargebracht:

  • Möglichkeiten: Gebet, Lobpreis oder Klage (Paulus betet und dankt fĂŒr die Gemeinde); Fasten (Lehre der Zwölf Apostel 1,4: Fastet fĂŒr eure Feinde); Taufe zugunsten verstorbener Mitchristen (1. Kor 15,29); Gehorsam gegenĂŒber Gottes Gebote (Röm 5,19; Durch Jesu Gehorsam werden wir gerecht gemacht).
  • Das Ganze ist nun nicht ein Werk, das gegen die Gnade steht. Der Kult ist nicht sinnlos. Dass vergleichsweise Geringes bei Gott Grosses bewirkt, das ist bereits von Anfang an Gottes gnĂ€dige Einrichtung. Das gilt z.B. auch, wenn Gott durch ein paar schwache menschliche Worte hindurch segnet.
  • So geht es bei aller Stellvertretung nie um eine Manipulation Gottes, sondern um eine von Gott her eröffnete Möglichkeit, ihm zu begegnen. Stellvertretung ist ein von Gott zugestandener Weg. Nach diesen gnĂ€dig erlassenen Regeln können Menschen mit wenigen Gaben Grosses bewirken und kann sogar einer, der besser vor Gott dasteht – der Gerechte – fĂŒr andere eintreten.

Gott kann scheinbar nicht einfach vergeben. Vielmehr bedarf es einer „positiven Gegenkraft“, um das „negative Kraftfeld der SĂŒnde“ abzulenken und damit aufzuheben.

Stellvertretung und die anderen

  • Eine Gemeinschaft, wird in der Bibel nicht wie eine Ansammlung von Individuen angesehen, sondern wie ein Leib, in dem auch Stellvertretung der Organe möglich ist.
  • Archaische Regel: Wer bei dem, der gebeten wird, besser angesehen ist, wird vorgeschickt. Z.B. Gottes Lieblinge (Mose und das Volk). Schon in 1. Mo 16,26-32 sagt Gott, dass er Sodom um einiger Gerechter willen schonen wĂŒrde.
  • Die Leistung des Stv. muss vergleichsweise gross und makellos sein, und die anderen, die er vertritt, haben diese nötig.

Stellvertreter als Mittler
Viele Menschen glauben, wer gutwillig Jesus nachfolge, werde auch erlöst (Goethe: Wer immer strebend sich bemĂŒht) und brauche keinen Mittler. Jesus ist dann nur Vorbild. Das NT sagt aber, dass der Einzelne nicht alleine auf seinem Weg sei, sondern dass sich Jesus vor uns stellt. Jesus sagt zum Vater: Der gehört zu mir. Er ist wie ein Patron, einer, der Ansehen und gute Beziehung zu Gott hat.
Es gibt GrĂŒnde, weshalb Gott vergibt: die grössere Ähnlichkeit des stellvertretenden Mittlers mit ihm. Gott legt auf dessen Leistung wert. Er muss es nicht, er braucht es nicht, aber er tut es. Warum?  - Hier ist daran zu erinnern: Alle Aussagen ĂŒber das Geheimnis Gottes sind diesem immer eher unĂ€hnlicher als Ă€hnlich.

FĂŒrsprache des Erhöhten und stellvertretendes Sterben:

  • Der erhöhte Jesus kann stĂ€ndig FĂŒrbitte fĂŒr die Seinen einlegen, auch fĂŒr SĂŒnden, die ein Christ nach seiner Taufe begeht. Jesus ist der stets gegenwĂ€rtige himmlische Anwalt und FĂŒrsprecher. Etwas ganz anderes ist Stellvertretung Jesu durch seine Gerechtigkeit, sein Leiden und seinen Tod. Diese konnte nur einmal geschehen und nicht wiederholt werden, ein fĂŒr allemal (Röm 6,10; 1. Petr 3,18; Hebr 9,28). Zwar gilt diese Stellvertretung fĂŒr immer, aber man kann darĂŒber streiten, ob sie nur jeweils bis zur Bekehrung und Taufe reicht, oder auch fĂŒr alle zukĂŒnftigen SĂŒnden. Oder gilt fĂŒr spĂ€ter die FĂŒrsprache des Erhöhten?
  • Wie gross ist der Einzugsbereich fĂŒr diese Stellvertretung? Im jĂŒdischen Denken konnte Leiden und Blut eines jĂŒdischen Messias nur Juden zugute kommen. Mittlerschaft bezieht sich nur auf die Volksgenossen. Paulus geht vermutlich darauf ein und erklĂ€rt in Röm 3,24, dass man durch den Glauben an Jesus in den Geltungsbereich dieser Tat einbezogen wird, also zum Volksgenossen Jesu werde.
  • Gott hat die Folgen aller SĂŒnden (Fluch) auf Jesus konzentriert, auf ihn hin abgeleitet und ihn allein damit belastet. Allein schon daher musste Jesus sterben. Denn nur durch den Tod wird man diese Konzentration von Fluch los. Da Jesus aber gerecht war, konnte diese Schuld insgesamt aufgehoben werden. Dazu war aber vermutlich nicht der Kreuzestod notwendig, jeder Tod Jesu hĂ€tte dasselbe bewirkt.

IV. Was heisst: „Erlöst durch Jesu Blut?“

Heil durch Töten?
War Blutvergiessen sachlich notwendig, damit Heil sein kann?
Aber der Gott der Bibel will Leben und ist Leben, bedingungslos. Tod und Gewalt sind fern von ihm (Hinweis: ĂŒberall wo von den direkten Konsequenzen des HG gesprochen wird, sind es Sanftmut, Friede etc). Wer diesem Gott unterstellt, er benötige Tod und Gewalt zum Heil, hat die Grundaussage ĂŒber das Gottesbild der Bibel nicht verstanden. Das MissverstĂ€ndnis entsteht oft dort, wo die Bibel hart dogmatisch gelesen wird. Dass Jesus gekreuzigt wurde, wird als geheimes Diktat Gottes verstanden, so, als habe es nur diesen Weg geben können. Als hĂ€tten die Römer, Pilatus und Judas keine andere Wahl gehabt. Das ist finstere PrĂ€destination – aber nicht wie in der Reformation, die Gott grösser machen wollte. Die Heilslogik Gottes habe nur diesen einen Weg zugelassen, erlauben und gehen können. Was fĂŒr ein kleiner und höchst merkwĂŒrdiger Gott, der nur ĂŒber Mord und Gewalt zum Zuge kĂ€me! Hier wird deutlich, wie ĂŒberspitzte Dogmatik in Atheismus umschlĂ€gt. So ist die heutige Kritik der Theologie oft nur eine Reaktion auf ein dogmatisches MissverstĂ€ndnis.

In Wahrheit ist die Meinung „Gott brauchte die Gewalt der Römer, um vergeben zu können“ rundweg als unbiblisch zu bezeichnen. Denn das wĂ€re eine monokausale, nur an eine einzige mögliche Voraussetzung gebundene Herleitung des Heils der Christen. Da macht man aus der faktischen historischen Voraussetzung (Es war nun einmal so ...) eine exklusive dogmatische Notwendigkeit.
Nein Gott brauchte die Bosheit der Römer nicht, er gebrauchte sie. Er hatte Gewalt und Blutvergiessen nicht nötig, sondern er fand sie vor. Er bindet Vergebung nicht an Gewalt, sondern Antwortet auf Gewalt mit Vergebung. Er vollzieht am Kreuz nicht das Gericht ĂŒber Jesus, sondern macht ihn, den MĂ€rtyrer, zu unserem Anwalt an seinem Thron. Nicht durch das Töten kommt das Heil, sondern trotz des Tötens kommt es, weil hier Gott der Partner ist.
Denn es gilt: Auf freies, verantwortliches Tun der Mörder reagiert Gott frei durch Wiederholung und Anwendung der Botschaft Jesu angesichts des Gekreuzigten. Ein Hinweis auf die SchrifterfĂŒllung: Ein Ereignis vorausahnen ist die eine Sache, und die Frage, ob dieser Verlauf logisch und sachlich die einzige Möglichkeit war (Sachnotwendigkeit), ist die andere Sache.

Erlösung durch Blut? (Röm 3,25; Apg 20,28; Hebr 9,22)

  • Das Judentum kennt die Vermittlung der ErwĂ€hlung durch den einen an die vielen, wenn und weil der Gehorsam des einen bis zur Lebenshingabe reicht. Aufgrund von Abrahams Gehorsam, hat Gott das ganze Volk erwĂ€hlt.
  • Das Blut Jesu meint nicht nur die Kreuzigung, die ja meist eher unblutig vor sich ging. Es steht fĂŒr das ganze, uns Menschen geschenkte Leben (vgl. Bis aufs Blut widerstehen – Blut als Teil fĂŒr das Ganze: Hebr 12,4)
  • Der Tod Jesu ist nicht Zeichen, sondern die Sache selbst. FĂŒr den Glaubenden hat es Gott aber nicht dabei bewenden lassen. Er hat Jesu Geschick als Stellvertretung gewertet, hat es als Grund angesehen, jetzt erst recht Vergebung anzubieten.
  • Menschen haben das Schrecklichste getan, doch Gott hat es zum Anlass genommen, ihnen zuteil werden zu lassen, was sie nötig haben. Gott liebt nicht nur ohne Grund, sondern gegen alle GrĂŒnde. Von  dieser Feindesliebe spricht Röm 5.
  • Das Sterben Jesu ist ein realer Einzelvorgang. Aber dieses Sterben ist der reale Beginn der universalen Versöhnung. Mit dem Tode Jesu sind nicht automatisch alle SĂŒnden vergeben. Insofern ist das Kreuz nur der Anfang eines weiteren, umfassenderen Versöhnungsgeschehens. Es wird nicht wirksam ohne Fortsetzung durch die Apostel. Sie mĂŒssen auffordern: Lasst euch versöhnen. Und der einzelne muss glauben, dass ihm diese Vergebung auch zugesprochen wird. Und das ist nicht nur Anwendung, sondern wirkliche Entfaltung dieses Geschehens. Man sollte den Anfang nicht vergötzen, denn die nachfolgende Geschichte ist nicht belanglos.


Befreiung durch Jesus?

  • In Röm 3,25 heisst es: Gott hat Jesus zum Ort der SĂŒhne gemacht mit seinem Blut, und wir haben Zugang dazu durch den Glauben. Gott handelt. Es wird gesagt, was er aus diesem von den Römern vollzogenen Justizmord gemacht hat. Ort der SĂŒhne: Ist wohl der Deckel der Bundeslade. Am Yom Kippur besprengte der Hohepriester den Deckel mit Blut, um ihn wieder kultfĂ€hig zu machen. Jesus ist Ort der Vergebung der Schuld. Der Deckel der Lade ist der heiligste Ort. Er zieht wie ein Magnet alle SĂŒndenschuld auf sich. Weil Jesus heilig und gerecht ist, deshalb konnte sich alle Schuld auf ihm sammeln, deshalb zog er (durch Gottes Tun oder von sich selbst aus) alle SĂŒndenschuld auf sich. So konnte Paulus schreiben: Gott machte ihn zum SĂŒhnedeckel, zur SĂŒnde, zum Fluch.
  • Wie ein Schwamm sog Jesus die Schuld aller auf sich. Und wie man einen Schwamm ausdrĂŒckt, so wurde Jesu Leben ausgequetscht und damit wurde die SĂŒnde entsorgt. Entsorgung von Schuld geschieht auf gut biblische Weise durch den Tod (Röm 6,10).
  • Was ist eigentlich Schuld? Das, was nach jeder SĂŒnde weiter bleibt? Wir mĂŒssen nach Bildern suchen. Es ist eine Macht, Erstarrung, QuĂ€lerei, Blockade, DemĂŒtigung etc. Wie kann das durch Jesu Tod besiegt werden? Indem ich auf ihn blicke. Indem ich die Erinnerung, die mir die Luft nimmt, ersetze durch die Erinnerung an sein Kreuz. Indem ich so Horror durch Horror besiegt werden lasse.
  • Unter einer ungerechten Tat leiden viele Beteiligte: Das Opfer, Gott und der TĂ€ter selbst. Im Blick auf das Leiden des anderen (hier des Gekreuzigten) wird ĂŒberhaupt erst meine Erstarrung gelöst, die Fixierung auf den eigenen Bereich durchbrochen.
  • Die Schuld der ganzen Menschheit gegenĂŒber heiligem und Gerechtem wird am Gekreuzigten sichtbar und gegenwĂ€rtig. Denn das ist offenbar der Sinn des Bildes des „Deckels der Bundeslade“: Hier ist alle Schuld versammelt. So hat Gott alle Schuld auf den Gekreuzigten gelegt, hat er als der Heilige sie an sich gezogen. Indem sie das Antlitz Jesu zerstört, offenbart SĂŒndenschuld ihr eigenes wahres Gesicht. Sie raubt WĂŒrde und Leben. Auch den Heiligsten konnte die abscheuliche Macht geballter Schuld und Gemeinheit nur zerstören. Gegen die Gemeinheit der ganzen Welt ist auch ein WundertĂ€ter machtlos.
  • Ist das aber nicht nur frommer Wunsch? Inwieweit geht es da um Wirklichkeit? Paulus sieht die Auferweckung Jesu als erfahrbaren und erfahrenen Beweis dafĂŒr, dass die Christen durch Jesu Tod von den SĂŒnden befreit wurden – 1.Kor 15,17.
  • Welche Logik steht dahinter? Durch die Auferweckung hat Gott Jesus rehabilitiert. Jesus wurde dadurch ohne Vorbehalt fĂŒr gerecht erklĂ€rt. So wird auch deutlich, dass er den Tod nur anstelle anderer erlitten hat. Die Auferweckung bestĂ€tigt die Unschuld. Denn Ungerechte wĂŒrden nicht auferweckt. So bestĂ€tigt Ostern, dass der Tod Jesu fĂŒr alle als Stellvertretung gilt.


Vergebung als Gottes Antwort
Gott und Mensch stehen sich nicht abstrakt gegenĂŒber. Im AT und NT hatten beide schon eine Geschichte miteinander und in der Geschichte sind Mittlergestalten wie Abraham, Isaak, Mose und Jesus wichtig.
Die Grausamkeiten im Horror-Szenario der Kreuzigung sind nicht ein Produkt des Gottesbildes, sondern eine NacherzĂ€hlung der Ereignisse, die zur Kreuzigung Jesu fĂŒhrten. Grausam waren hier die Römer, nicht aber Gott.
Man könnte aber einwenden, ob nicht die Art verdĂ€chtig ist, wie die Grausamkeiten in eine theologische Gesamtkonzeption eingebaut werden um dadurch irgend einen Sinn zu bekommen. Wenn Gott gewaltlos ist warum bekommt die Gewalt dann doch scheinbar einen Sinn, indem sie nachtrĂ€glich als SĂŒhne gedeutet und damit geradezu notwendig wird?
Ein unmoralischer Gott? Eigentlich ist es falsch Gott nach der biblischen Ethik zu beurteilen. Denn erstens ist Gott ihr Schöpfer und steht ĂŒber ihr, und zweitens ist Gott die Garantiemacht dieser Normen und untersteht keiner anderen Norm als der der Treue. Die biblische Ethik ist eine vitalistische (Gutes um des gemeinsamen Lebens willen), nicht eine idealistische Ethik (Gutes um seiner selbst Willen). So ist die Frage nach der Bewahrung einer sinnvollen Ordnung das Ein und Alles biblischer Theologie. Gott als Garantiemacht dieser Ethik bedeutet: Dass das ganze nicht sinnlos und weitgehend Illusion ist, liegt allein an ihm und seiner Treue. Er garantiert, dass jedes Tun Folgen hat und behĂ€lt, dass auch Umkehr Folgen hat. Die Alternative wĂ€re Chaos.

  • Vergebung und Ordnung: Solange ein Tun noch Folgen haben kann, ist Gerechtigkeit möglich und damit menschliches Zusammenleben. Solange noch wenigsten die Chance besteht, dass der eine dem anderen nicht ungestraft und grundlos Gewalt antun kann. Wo es aber Schuldige und Nichtschuldige gibt, kann Schuld unter UmstĂ€nden auch aufgehoben werden. Drei Wege sind vorstellbar:
    • Freie Vergebung (vgl. Luk 15,11 ff.): Hier stehen sich nur noch Gott und Mensch gegenĂŒber. Kein Mittler, keine Institution, fast kein Ritus ist erforderlich. Man hat diese Gleichnis zur Anfrage an den Kreuzestod werden lassen: Warum konnte Gott nicht immer so handeln? Warum war der grausame Kreuzestod nötig. Hier wird deutlich, wie leicht eine Theologie ohne Mittler auskommen kann.
    • SĂŒndlosigkeit der Christen: ist das zweite Modell, wie man das VerhĂ€ltnis zwischen Christ und SĂŒnde denken kann. SĂŒnde ist dann eine Sache der Vergangenheit (vgl. 1. Joh 1,9). Dieses Modell beruht aber wohl auf einem MissverstĂ€ndnis der Texte, die eher das GrundsĂ€tzliche und Typische, verbunden mit der Aufforderung zur radikalen Parteinahme enthalten.
    • ‹Geregelte Vergebung: Die Verfassung dieser Welt macht auch fĂŒr die Vergebung eine Ordnung nötig. So wie es eine Folge von Tun und Ergehen gibt, so wie SĂŒnde auch Strafe bedeutet, so könnte auch Vergebung sowohl erbeten (SĂŒndenbekenntnis) als auch greifbar zugesichert sein, in einem historisch plausiblen Akt. In diesem Sinne könnte die Kreuzigung Jesu die sichtbare und greifbare Beseitigung aller Schuld, die Auferstehung die zugehörige BestĂ€tigung der Unschuld Jesu sein. Nach diesem Modell werden die Folgen der SĂŒnde nicht einfach verschluckt, die Schuld verschwindet nicht spurlos wie im ersten Modell, sondern sie wird getragen. Die Folgen der SĂŒnden sind nicht einfach aufgehoben. Die Aufhebung geschieht geordnet (durch Stellvertretung und sichtbaren Tod) und bedarf der sichtbaren Zustimmung (Glaube, Bekenntnis). So ist der Vorgang im ganzen nachvollziehbar und stört nicht die Ordnung der Schöpfung. Damit wird aber nicht gesagt, dass der Justizmord an Jesus „nötig“ war, um den Menschen, die auf Sinnlichkeit und Sichtbares angewiesen sind, Gottes Vergebungswille zu demonstrieren. Das Umgekehrte ist richtig: Nachdem die Römer Jesus ans Kreuz geschlagen haben, lĂ€sst Gott den Gekreuzigten fĂŒr das glaubende Verstehen und Begreifen der Christen zum Zeichen werden: zum sichtbaren Zeichen, das seine Vergebungsbereitschaft besiegelt und festschreibt. Der Tod des Gekreuzigten wird somit einbezogen in die Vergebungs-Botschaft Jesu. Er ist deren Fortsetzung mit „anderen Mitteln“.
      Wir fragen: Woher weiss man das? Das ist doch im wesentlichen eine Aussage der frĂŒhen Christen nach diesem Ereignis! Ja, das stimmt. Aber alle frĂŒhen Christen erkannten in diese Aussagen Gottes Reden. Sie nannten diese Texte „inspiriert“, und verstanden darunter Texte, die weit ĂŒber das hinausgingen, was Menschen wĂŒnschen, projizieren und verantworten könnten. Inspirierte Autoren erlebten die Wahrheit als etwas, das sich ihnen  enthĂŒllte, und sahen sich vor schlicht Gegebenes gestellt.


Mitleiden als Weg

  • Die Deutung des Todes Jesu im Sinne der Stellvertretung, die alle Glaubenden von SĂŒnden befreit, ist nur eine der frĂŒhchristlichen Glaubensaussagen zu diesem Geschehen. Die Aussagen vom Mitgekreuzigt-Werden wurden fast vollstĂ€ndig durch die Rede von der Stellvertretung verdrĂ€ngt. In Röm 6 geht es nicht um Stellvertretung. Die Gefahr besteht, dass die Stellvertretung die Leidensnachfolge verdrĂ€ngt.
  • Mitgekreuzigt werden: Das bezieht sich immer auf die Absage an die im Leben des Getauften bis zum Punkt der Taufe gĂŒltigen Werte und Beziehungen. Von ihnen nimmt man nicht mit einem Male Abschied, sondern in einem lĂ€ngeren Prozess, an dessen Ende auch der Abschied vom sterblichen Leib steht.
  • Indem wir den Gekreuzigten vor Augen haben, lernen wir mitleiden mit Jesus. Das fremde Leid wird mein eigenes, zuerst das Leiden Jesu, dann auch das des NĂ€chsten.
  • Der leidende Bruder: „Jesu erster Blick galt nicht der SĂŒnde der anderen, sondern dem Leiden der anderen.“ J.B. Metz. Wichtig ist, die Empfindsamkeit fĂŒr das Leid der anderen nicht zu verlieren – „Compassio“.
  • Wie ist der Zusammenhang zwischen Röm 6 und Mt 25? Kreuz bedeutet zunĂ€chst Schande. Sich kreuzigen lassen ist: Sich auf die Seite der Schande, der extremen Unehre stellen. Kreuz bedeutet daher immer Umkehr der MassstĂ€be. Dass nicht Gewalt, Macht und Reichtum zĂ€hlen, sondern Friedfertigkeit und Armut, Sanftmut und Geduld. Das sind die Umrisse der neuen Gerechtigkeit. Diesen Schritt vermag keiner alleine. Gelingen kann das nur in Christus

V. Jesu Tod als Opfer

Der Opferbegriff im Zwielicht
Heute werden gegen diesen Begriff EinwÀnde gemacht.

Opfer als Selbstaufgabe:

  • Opfer des Verkehrs, der Lawinen, der Gewalt etc. Immer geht es um sinnlose Gewalt gegen Menschenleben. Niemand möchte damit etwas zu tun haben. So stösst jede leise Bejahung von Opfern auf energischen Protest. Wer am Geopfertwerden auch nur die Spur von Positivem findet, muss sich den Verdacht gefallen lassen, er verherrliche Gewalt. Opfer sind immer die Objekte der Ungerechtigkeit. Ein Handeln, das Opfer schafft, ist daher nicht zu bejahen.
  • Der Opfertod Jesu wird abgelehnt, weil er oft missbraucht wurde: Opfertod fĂŒrs Vaterland im Zeichen des Kreuzes. Oder man meinte mit dem Hinweis auf den Opfertod Jesu andern alles zumuten zu können, besonders den Frauen. Heute wird Opfer abgelehnt, weil es Verzicht auf Selbstverwirklichung bedeutet (sind daher die Diakonieanstalten leer?).
  • Wenn die Zukunft leer ist, dann kann man natĂŒrlich nur noch von sinnlosen Opfern reden. Es ist in der Tat kaum mehr möglich Diakonisse zu sein, wenn man nicht die Hoffnung auf die Auferstehung gesetzt hat. Die Entwertung des Opferbegriffes ist daher eine direkte Folge des Verlustes der Zukunftshoffnung im Christentum ĂŒberhaupt.
  • Wer aber meint Opfer bedeute, etwas zu schenken, ohne etwas dafĂŒr zu erhalten, der hat an der biblischen Opfervorstellung vorbeigedacht.
  • Ausgehend vom AT wird der SĂŒndenbock als primitive Ordnung dargestellt, durch welche eine Gemeinschaft nur auf Kosten eines Opfers Frieden schaffen könne. In unserem Rahmen bedeutet das, dass das Opfer von Jesus ein RĂŒckfall in die Steinzeit bedeute.

Nur im Eph und Hebr wird Jesu Wirken Opfer genannt. Man könnte Röm 8,32: Gott hat seinen Sohn nicht geschont – als Opfer ansehen und einen Bezug zur Opferung Isaaks (1. Mo 22,9.16) herstellen. Aber hier wird nicht von Opfer gesprochen. Auch die Stellen, an denen von Jesu Blut gesprochen wird könnte man als Opfer deuten. Nur wurde das Bundesblut nie Opfer genannt. So ist auch das Abendmahl kein guter Hinweis auf das Opfer.
Was der Hohepriester am Versöhnungstag mit dem Blut von Böcken am Deckel der Bundeslade tut, ist nicht Opfer. Es dient der KultfĂ€higkeit des Heiligtums. Auch das Passahlamm (1. Kor 5,7) ist kein eigentliches Opfer. Paulus braucht das Wort hier nicht im Zusammenhang mit Versöhnung, sondern mit dem Gegenteil, mit der Ausstossung des SĂŒnders, der eine Schande fĂŒr die Gemeinde ist.

OpferverstÀndnis der Bibel:

  • Die Bibel nennt jeden wahrnehmbaren Akt der Anerkennung Gottes Opfer. Der Tod eines Tieres ist demnach gar nicht generell nötig, auch nicht das Blutvergiessen. In 3. Mo 5,11 dĂŒrfen daher Arme auch Mehl opfern. Das Opfer dient auch nicht notwendig der EntsĂŒndigung, sondern vor allem erst einmal der Anerkennung Gottes. Beispiele: Kollekte (Phil 4,18); der sachgerechte Gottesdienst (Röm 6,12f.16.19;12,1-2); das Leben des Apostels selbst (Phil 2,17, 2. Tim 4,6); das ganze Christenleben (1. Petr 2,5); das Lobopfer Hebr 13,15).
  • Opfer ist nicht wie eine Nahrung fĂŒr Gott. Es ist doch auch nicht so, dass Gott, unersetzliches Leben, das er selber geschaffen hat, „dargebracht“ werden soll.
  • Im NT geht es nicht um die Frage Opfer ja oder nein? Opfer mĂŒssen immer noch dargebracht werden. Oft geht es nur um die Frage, Tempel oder anderer Ort.


Opfer als Geschenk:

  • So kann man sagen, dass der Zusammenhang von Opfer und Gewalt ĂŒberhaupt nicht biblisch ist. Im Mittelpunkt des christlichen Glaubens steht eben nicht ein sinnloses Opfer.
  • Im Opfer wird etwas ausgesondert, das heilig ist und das den Eigentumsanspruch Gottes auf das Ganze zum Ausdruck bringt.
  • Opfer meint daher: Indem Menschen aus allem, was sie haben, etwas aussondern und Gott „widmen“, bringen sie zum Ausdruck, dass sie ihn als den Herrn ĂŒber alle Dinge anerkennen. In diesem Sinne opfern wir Gott  Zeit, Lob, Kerzen, etc.
  • Opfer bedeutet in diesem Zusammenhang vieles von dem nicht, was wir assoziieren: nicht Tötung von Leben; nicht Blutvergiessen; nicht Anwendung von Gewalt; nicht Leistung zur SĂŒndentilgung, die auf die Gnade der Vergebung verzichtet; nicht asketische Lebensverneinung; nicht Ausbeutung durch die klassischen Nutzniesser.
  • Opfer bedeutet Gott sichtbar als den Herrn anerkennen, indem man ein StĂŒck dessen, was man normalerweise verbraucht, aussondert und damit heiligt. Der Grund zu diesem Tun ist Freude. Wie die Freude im Gleichnis vom Schatz im Acker. Es geht um die sichtbare Äusserung, dass man einen Herrn und einen Sinn gefunden hat. Opfer ist daher alles andere als Zustimmung zu sinnloser Gewalt, sondern zunĂ€chst und vor allem Ausdruck der Freude ĂŒber den gefundenen Sinn des Lebens.
  • Sicher gab es im AT Opfer, die im Schlachten und Verbrennen (das ist das Wichtigere) von Tieren bestand. Man darf einfach nicht Opfer generell so definieren. Das NT schliesst aber beim Tod Jesu gerade nicht an diesem engen SĂŒhnopfer-Begriff des ATs an, sondern an den weiteren, oben umschriebenen.


Das Opfer Jesu

  • Eph 5 (2.25) ist eine der wenigen NT-Stellen, an denen Jesus als Opfer bezeichnet wird. An beiden Stellen geht es um die Liebe Jesu. Es ist bei beiden Stellen nicht klar, ob Jesu Tod gemeint ist. Denn in Röm 12 wird auch nicht Blut und Tod gemeint. Und der „Wohlgeruch fĂŒr Gott“ von Eph 5,2 entspricht dem „Gott wohlgefĂ€llig“ von Röm 12,1. Das „Sich-Geben“ bezieht sich auch sonst im NT eher auf die ganze Existenz als speziell auf den Tod. Wenn mit der Hingabe Jesu, der Tod gemeint wĂ€re, wĂŒrde der Vergleich fĂŒr die EhemĂ€nner keinen Sinn ergeben, denn es hilft der Frau nicht, wenn sich der Mann in den Tod begibt.. Er soll fĂŒr sie da sein.
    Fazit: In Eph 5 wir nicht von Jesu Blut, Kreuz oder Tod gesprochen. Der Opfergedanke ist zu umfassend und wird zu selten fĂŒr Jesu Tod verwendet, als dass er hier angenommen werden mĂŒsste. Schon gar nicht ist hier irgendwo von SĂŒhne die Rede.
  • Die HebrĂ€erstellen:
    • Jesus als Hohepriester und Mittler des Bundes:
      Jesu Freiwilligkeit wir hier vom Schlachtritus des ATs unterschieden: Hebr 10,4f  Die alttestamentlich-rituelle Dimension des Opfers gilt fĂŒr Jesus nicht. Opfer heisst bei Jesus: Er vollzieht Gottes Willen und bringt seinen Leib als Opfer – so spricht auch Paulus in Röm 12,1-2. Im NT ist der Tod Jesu jedenfalls nicht im engeren Sinne - der auf dem Altar verbrannten Schuldopfer - zu verstehen. Die Auffassung vom Tod Jesu als Opfer entstand im Rahmen einer weiteren Auffassung von Opfer. Hier besteht eigentlich zwischen Blut Jesu und Opfer kein Zusammenhang. Blut wird normalerweise nicht geopfert, sondern dient der Wiederherstellung der KultfĂ€higkeit. Keine Schrift im NT beschĂ€ftigt sich so intensiv wie der Hebr. Mit Jesu Tod. Hier wird aber Jesu Weg - nicht wie bei Paulus, Joh. oder Eph. – nicht als Liebende Zuwendung zu Menschen gedeutet, sondern als „geregelte Erlösung“ im Sinne kultisch geordneter AblĂ€ufe. Das AT dient dabei als „Bilderbuch“, an dem man genau ablesen kann, was sich vollzogen hat. Nur spielt sich jetzt alles nicht im Tempel von Jerusalem ab, sondern im Himmel.
      Weil man heute Rituale wieder entdeckt, gewinnt der Hebr auch an Gewicht. Es leuchtet wieder eher ein, dass gerade Erlösung in einem Ritual vollzogen werden muss, weil jedes Ritual ein StĂŒck Erlösung ist.
    • Das Opfer  des Hohenpriesters:
      Die urchristliche VerkĂŒndigung von Tod und Erhöhung Jesu ist im Hebr vorgegeben, und er legt diese beiden Daten nun in eigenwilliger, aber schlĂŒssig zusammenhĂ€ngen der Weise aus.
      Als Hohenpriester hat Jesus mit seinem Blut den SĂŒhnedeckel der Lade vor Gott im Himmel gereinigt.
      Dann geht es noch um das tÀgliche Opfer (Tamid) im Tempel und dessen Ablösung durch das einmalige Opfer Jesu (Hebr 7,27; 8,3; 10,1-18). Hier ist von Opfer die Rede. Das Opfer des Leibes geschieht dadurch, dass Jesus Gottes Willen tut. Nach Hebr 9,14 bringt Jesus sich selbst dar durch den Heiligen Geist.
      Zum anderen aber geht es um die Blutbesprengung am Yom Kippur, und hier wird in der Regel im Hebr nicht von Opfer gesprochen. Hier und nur hier ist das Blut das Wichtigste. Die alljĂ€hrliche Einmaligkeit wird jetzt zum das ein fĂŒr allemal, und der irdische Ort wird ersetzt durch das himmlische Heiligtum. Das Blut, mit dem der Hohepriester den Deckel der Bundeslade reinigt, gilt im AT nicht als Opfer, sondern als Mittel zur Wiederherstellung der KultfĂ€higkeit. In dieser Hinsicht beseitigt das Blut aber die SĂŒndenschuld des jeweils ganzen vergangenen Jahres. Auf das Blut Jesu wendet nun der Hebr den Grundsatz an: Ohne Blut gibt es keine Vergebung der SĂŒnden (9,22). Im AT gilt er nicht ausnahmslos (3.Mo 5,11 – Mehl als SĂŒhnopfer der Armen). Dort, wo ein Ritus im fernen Himmel beschrieben wird, geht es eigentlich oder gleichzeitig um die Reinigung der Herzen der Menschen (Hebr 9,9.14; 10.2.22).
      Wenn der Hebr von Reinigung des Himmels parallel zur Reinigung des Gewissens redet, wenn er Blut, Selbst- und SĂŒndopfer ĂŒbereinandertĂŒrmt, dann meint er jedenfalls ein Geschehen, das die Grenzen des Fassbaren durchbricht und das doch nur rekonstruiert, erahnt werden kann, indem man Fetzen aus dem kultischen Spiel des alten Israel aneinanderklebt. Dass dieses Spiel sein darf, ist schon seit jeher Gottes Gnade. Wie am Hofe eines Königs Regeln gelten, so bei Gott. Alle Regeln bei Gott sind aber nur Wege die Gnade des Königs zugĂ€nglich zu machen. Das Zeremoniell dieses Hofes bildet die Welt im Kleinen ab. Gott ist der Herr des Spiels, er gewĂ€hrt das Spiel und hĂ€lt es aufrecht. Zum Beispiel Danke sagen zu können gehört zu den Regeln dieses Spieles. Die Taufe als Zeichen gehört ebenfalls zu diesem Geschehen, das als Zeichensystem Vorletztes, nicht Letztes ist. Das Letzte ist das Geheimnis Gottes, von dem wir nur wissen, dass es fĂŒr uns und nicht gegen uns ist.
      Den Tod Jesu in einer Ordnung des Heils zu verorten ist der Versuch, unter Zuhilfenahme vorhandener SinngefĂŒge (AT; Argumentationsformen der Rhetorik, Tradition) ĂŒber das Geheimnis diese Todes zu reden und nicht vielmehr zu schweigen.


FĂŒr den Hebr ist es grundlegend, dass der Mittler der Schöpfung auch der Mittler der Erlösung ist (1,3). So wie die Welt durch das Wort sinnvoll geordnet ist, so vollzieht sich auch Erlösung in einer Ordnung, die in SĂ€tzen niedergelegt ist.

Die christliche Erlösung fusst auf dem Regelsystem der Schrift. Die Schrift ist also – neben der Person des Mittlers – das zweite wichtige Bindeglied zwischen den bewĂ€hrten Ordnungen und dem Neuen. Ohne Ordnung können wir nicht existieren. Wenn es aber eine Ordnung gibt, dann ist auch Gerechtigkeit möglich. Denn Gerechtigkeit ist nichts anderes als Ordnung im Tun und Ergehen.
Hier verĂ€ndert nicht das Erbarmen die Welt. Erbarmen hat seinen Ort im konkreten GegenĂŒber zum NĂ€chsten. In der Weltgeschichte aber gilt Gerechtigkeit. Mit dem Kreuz ist die Verteilung auf der Waage der Weltgeschichte so ungleich geworden, dass jede Freigabe des WĂ€gvorganges die Seite jener begĂŒnstigt, die schon lĂ€ngst Gerechtigkeit verdient haben. Das alles gilt, wenn es denn ĂŒberhaupt Ordnung und Gerechtigkeit gibt in der Welt.

 

Jesu Tod als SĂŒhnopfer

  • SĂŒhnopfer ist dasselbe wie Schuld- oder SĂŒndopfer. Durch diese Opfer sollten „bĂŒrgerlich nicht strafbare Vergehen und Verunreinigungen“ vor Gott gesĂŒhnt werden (Hand auf Kopf des Tieres, Verbrennung von Fett 3. Mo 4,2-12; 8,8-11; Hebr 13,11; rote Kuh 4. Mo 19,10; Ps 51,9; Hebr 9,13.14). Beim Verbrennen stellt der Rauch die Verbindung mit Gott her. Da die Verbrennung entscheidend war ist es schwer Jesu Tod als SĂŒhnopfer anzusehen. Auch ist der Schritt vom Menschenopfer zum Tieropfer unumkehrbar. Das Passahlamm wurde nicht als SĂŒhnopfer betrachtet. Auch in Röm 3,25 (Ort der SĂŒhne) liegt keine Opferterminologie vor.
  • Auch kein Tamid-Opfer, das jeden Tag vollzogen wurde.
  • Die NT-Stellen ĂŒber Jesu Selbsthingabe sind nicht im Sinne eines freiwilligen Opfers zu verstehen. Jesus ersehnte seinen Tod nicht. Gottes Wille, dem sich Jesus unterwirft, besteht nach Markus 14,32ff. darin, dass Jesus nicht weglĂ€uft oder Gegengewalt ĂŒbt.
  • Auch jede im engeren Sinne kultische Auslegung (eine kultische Institution des Opferdienstes am Tempel wĂ€re der direkte Hintergrund, die unmittelbare Bildvorlage fĂŒr die sprachliche Erfassung von Jesu Tod) der Aussagen ĂŒber den Tod Jesu ist abzulehnen. Das Gegenteil, den Opfergedanke fĂŒr das NT ĂŒberhaupt zu bestreiten fĂŒhrt aber auch nicht weit.
  • Bedeutet nicht der Tod Jesu die grundsĂ€tzliche Abschaffung des Opfers als kultische Praxis und zerbricht nicht Opfer ĂŒberhaupt als Heilsweg? Ist es nicht als Vollzugsweise und Denkform des Heils ĂŒberholt? „Gott selbst hat das Heil seiner alles neu machenden NĂ€he bewirkt, deshalb bedarf es keiner Opfer und keines Opferkultes mehr.“ (Dalferth) Opfer seien auch nicht im Sinne „Ich gebe, weil du gegeben hast,“ also als Dankopfer nötig oder sinnvoll. Dagegen ist Folgendes mit Nachdruck zu antworten:
    • Opfer ist nicht auf die Formel zu beschrĂ€nken: Ich gebe, weil du gegeben hast. Diese SĂ€tze gehen am anthropologischen Sinn der Opfer vorbei. Wenn der Mensch durch Gnade und Rechtfertigung zu einem neuen Menschen geworden ist, dann wird das Opfer auf der neuen Ebene wieder neu lebendig. Das kultische Opfer umfasst dann den Gottesdienst. Und wo es um ein GegenĂŒber im Miteinander geht, ist auch das Geben wichtig. Wer aus Angst vor Werkgerechtigkeit nicht freudig Gott zur Ehre geben kann, ist und bleibt ein armer, gebrochener Mensch. Ein angstfreies kultische GegenĂŒber von Gott und Mensch ist eine Frucht der Erlösung. Als Erlöster kann der Christ mit einem kultischen Opfer, seinem Beten, Fasten und Singen Wirklichkeit verĂ€ndern. So ist das Opfer auch erst sinnvoll, wenn der Mensch Gott Ă€hnlicher geworden ist (vgl. Mt 5,23; Mk 11,23-25) z.B. indem er vergibt. Jeder Weg auf dem der Mensch Gott Ă€hnlicher wird (nach Paulus exklusiv durch den Glauben), bedeutet Gotteskindschaft. Wer Kind ist, wird erhört. Wer Kind ist, kann mit dem, was er gibt etwas bewirken. Gotteskinder haben Anteil an Gottes Schöpfermacht – sie können Berge versetzen.
    • Wer sagt, Kinder hĂ€tten es nicht nötig, ihren Eltern zeichenhaft Anerkennung zukommen zu lassen, der verkennt, dass derartige Zeichen eben nicht beziehungsfeindliche Leistungen sind, sondern elementar menschliche Äusserungen im Rahmen des Miteinanders. In der tat kann man leicht beobachten, dass die Angst vor Werkgerechtigkeit, zu einem völligen Zerfall der Gottesdienstformen gefĂŒhrt hat.
  • Opfer bringt auch eine bestehende Beziehung sichtbar zum Ausdruck. Wer zu seiner Frau sagt: Ich schenke dir nichts zum Geburtstag, denn du weißt ja, ich liebe dich, wird kaum auf VerstĂ€ndnis stossen. Denn gerade die Liebe macht sichtbare Zeichen notwendig.
  • Da ein direkter Anschluss der Auffassung von Jesu Tod an torahgemĂ€sse SĂŒhnopfer nicht möglich war, und da die Auslegung ebenso abzuweisen war, nach der es im Christentum in gar keiner Hinsicht um Opfer gehe, wird hier ein dritter Weg vorgestellt: Die Opferkonzeption der Bibel ist ĂŒberhaupt nicht einzugrenzen auf die Tötung eines Lebewesens und noch viel weniger auf Blutvergiessen. Es gibt eine Opfervorstellung, die nicht an den Tempelaltar gebunden ist. Im Sinne dieser weiteren Opfervorstellung ist Jesu Leben (inklusive Tod) ein Opfer, und zwar auch zur stellvertretenden Aufhebung der SĂŒnden.
  • Auch dort, wo Jesu Blut im Mittelpunkt der Aussage steht, geht es nicht um eine Übertragung von am Altar vergossenem Blut her. Vielmehr scheint es sich um eine Metaphorisierung des Bundesschlussrituals nach 2. Mo 24,8f zu handeln, also um das Besprengen mit Blut, mit dem man das Trinken aus dem Becher beim Mahl erfasst.

VI. Schuld und SĂŒhne

SĂŒhne – ein Wort mit Vergangenheit
In der Bibel besteht zwischen der SĂŒnde als Tat und des Schuld als Resultat kein Unterschied. SĂŒndigen heisst Schuld auf sich laden. SĂŒhne heisst Befreiung von dieser Schuld, sei sie nun als Last, als Macht, Krankheit oder Befleckung vorgestellt.
Im Alltag leben diese Begriffe noch weiter: Der StrĂ€fling hat nach 10 Jahren seine Tat gesĂŒhnt. In der Religion sind die Begriffe oft ausgewandert. Jede Art von SĂŒhnevorstellung erscheint als Zumutung.

  • Man sucht heute nicht mehr den gnĂ€digen Gott. Man weiss ja, dass er gnĂ€dig ist, damit ist aber die Luft schon raus.
  • Selbst wo man von der SĂŒnde spricht bleibt die Dimension der Schuld rĂ€tselhaft. Haben nicht Humanwissenschaftler immer wieder zu zeigen versucht: Der Mensch sei nicht schuldig?
  • Schuld erscheint auch nicht ablösbar vom TĂ€ter. Gerade bei der SĂŒhnevorstellung geschieht eine solche aber immer wieder. Einer sĂŒhnt die Schuld eines anderen.
  • Da unser Gottesbild seit Jahrzehnten ausschliesslich personalistisch geprĂ€gt ist, denkt man, dass eine Befreiung von der SĂŒndenschuld nur darin bestehen kann, dass Gott die Beleidigung verzeiht. FĂŒr SĂŒhne ist da kein Platz mehr. Geht es nicht auch ohne Kreuzesqual und Blut? Ist das alles nicht mittelalterliches Geisslertum?


SĂŒhne als Aufhebung von Schuld

  • Zwar spricht man von der Schuld (des 2. Weltkrieges) aber von der Vergebung dieser Schuld hört man nichts.
  • Gerade dass so viele Menschen „Therapie“ benötigen, in denen es auch immer um die alten Themen von Schuld und SĂŒhne geht, weist darauf hin, dass es hier um ein ernstes Feld der Wirklichkeit geht.
  • Zwei Wege sind auszuschliessen:
    • Die Verlagerung in die SubjektivitĂ€t und vollstĂ€ndige Psychologisierung von Schuld und SĂŒhne.
    • Eine objektivistische Deutung, als sei eine objektive Wertordnung verletzt worden, die durch die entsprechend Leistung wiederhergestellt werden mĂŒsse („Wiedergutmachung“), eine „SĂŒhne“ im Sinne des Strafrechtes – als wĂ€re allein auf der Ebene der sichtbaren Dinge etwas zu beheben. Wo es doch auch um Dinge im unsichtbaren und inneren Bereicht geht, also auch um Trauer, Scham, Erinnerung etc.
  • Anselm bietet gewiss keine biblische Lösung an (Jesus musste Mensch werden und sterben, um Gott fĂŒr die ihm durch die SĂŒnde zugefĂŒgte Beleidigung Satisfaktion anzubieten). Allerdings hat Anselm noch etwas im Blick, das wir wiedergewinnen mĂŒssen: Die Ehre Gottes – eine Kategorie der Beziehung. Es geht nicht um eine persönliche Beleidigung. „Ehre“ war zumindest fĂŒr germanische Vorstellungen etwas Heiliges und nicht etwas Subjektives.
  • Es gibt ein engeres, technisch geprĂ€gtes VerstĂ€ndnis von SĂŒhne: SĂŒhne ist die kultisch-rituelle Beseitigung von SĂŒndenschuld (Im AT durch diverse SĂŒndopfer möglich, SĂŒndenbock). In keinem wie auch immer gearteten VerstĂ€ndnis, das sich am AT orientiert, ist der Tod Jesu als SĂŒhnetod zu verstehen. Menschenblut ist rituell nicht zulĂ€ssige. Und der Ort seines Todes ist nicht der Tempel, der einzig zulĂ€ssige Ort fĂŒr rituelle SĂŒhne in Israel. Die neutestamentlichen Worte bestehen daher auf Metapherbasis und sind sakralrechtlich Ă€usserst wackelig.  
  • SĂŒhne: in einem Zeichen greifbare, wirksame Aufhebung von SĂŒndenschuld. (Röm 3,25, 1.Kor 15,3).

 
Vergebung als Wunder
Zwischen Heilungswunder und SĂŒndenvergebung bestehen öfter direkte Querbeziehungen. In beiden wird ein Machtwort gesprochen: Mk 2,1-12: Nimm dein Bett... Deine SĂŒnden sind dir vergeben. Auch hier herrscht die Regel der „kultischen UngleichmĂ€ssigkeit“: kleine Zeichen können Grosses bewirken. SĂŒhne kann immer nur zeichenhaft vollzogen werden, nicht nach dem Grundsatz strikter Gleichheit. Schon in der Bergpredigt mahnt Jesus, den Grundsatz der 1 zu 1 Entsprechung (Auge um Auge) zu vergessen. In der Bergpredigt wird klar, dass schon bei unverhĂ€ltnismĂ€ssig geringem Anlass das Gebot verletzt wird. Schon das Kleinste ist erheblich.

Gestörte Ordnung – geheilte Ordnung
Wie beim Wunder wird gestörte Ordnung wiederhergestellt – hier im Bereich der Gerechtigkeit. Es geht um die Störung von Tabuzonen, von heiligen Bereichen: In der SexualitĂ€t geht es um den Bereich im Zusammenhang mit der Entstehung, beim Mord mit dem Vergehen des Lebens. Oder es geht um das elementare Feld des menschlichen Miteinanders. Ordnung wir repariert, indem Opfer geheilt und TĂ€ter entlastet werden.

Der himmlische Altar
Der Tod Jesu hat seine theologische Bedeutung nicht im Rahmen der Kulturordnung des Tempels. Was das Gesetz zu Blut und Opfer sagt, gilt hier nicht. Seine Bedeutung ist im kultischen Raum vor Gott. Hier vor Gott gelten einige Regeln anders als in der sichtbaren Welt: Vor Gott gilt Stellvertretung; Zeichen setzen RealitĂ€t und sind Formeln die Art der gĂŒltigen Sprache. Das kann man sich am „Segnen“ klar machen. Der Segen ist eine Formel und setzt Wirklichkeit. Es gilt auch die kultische UnverhĂ€ltnismĂ€ssigkeit: Mit ein paar Worten, wird ein ganzes Volk gesegnet.
In diesem Bereich vor Gott wird durch Jesus die Ordnung wiederhergestellt.

Blut als Zeichen der SĂŒhne
Nicht die kausale VerknĂŒpfung gilt: Weil Jesus gestorben ist, vergibt Gott.
Es bedeutet noch viel weniger eine absolute Bedingung: Wenn Jesus nicht gestorben wÀre, hÀtte Gott nicht vergeben.
Und schon gar nicht gilt ein finales VerhÀltnis: Gott hat Jesus in die Welt gesandt, damit er sterbe.
Alle diese Arten von Logik sind nicht die des Neuen Testamentes. Es geht um eine viel freiere Verbindung zwischen Blut und Jesus.

Wovon hat Jesus erlöst?

  • Auffallend viele Texte sagen nicht, wovon Jesus durch seinen Tod befreit hat. Sie geben sich damit zufrieden, dass Jesus Herr und Retter, Menschensohn und Messias ist. Wenn einer Gott in Christus begegnet, ist er so ĂŒberwĂ€ltigt, dass er gar nicht alles aufzĂ€hlen muss, was ihm nun widerfahren ist.
  • Unter den Texten, die NĂ€heres sagen, beziehen sich die einen auf die SĂŒndenschuld, die anderen auf MĂ€chte und Gewalten wie Tod und Teufel (Befreiung von AnklĂ€gern und verfĂŒhrerischen GegenmĂ€chten).
  • Wenn man sagt, Jesus habe von SĂŒndenschuld befreit, dann bedeutet das, er befreit vom zweiten Tod, von dem, was Verlöschen und Ausgelöschtwerden bedeutet. Damit wird den Menschen durch das Evangelium die Angst vor dem Tod genommen.
  • Viele Menschen fragen: Besteht ĂŒberhaupt ErlösungsbedĂŒrftigkeit? Fahrten nach Taize, Reinkarnationsgedanken, esoterische Praktiken sprechen eine deutliche Sprache von der allgemeinen Unversöhntheit der Menschen.


SĂŒhne, Schuld und Gottes Liebe
Paulus spricht im Zusammenhang mit Jesu stellvertretendem Tod oft von Liebe: Röm 5,8-10; 8,35.39; 2. Kor 5,14; Eph 5,25-33.
Der Tod Jesu hat eine sakramentale wie eine soziale Funktion – und gerade die Zusammengehörigkeit dieser beiden Funktionen zeigt, wie wenig beides auch sonst voneinander zu trennen ist. Denn in sakramentaler Hinsicht ist dieser Tod stellvertretend und Reparatur der gestörten Ordnung. In sozialer Hinsicht ist er Erweis treuer Liebe.

SĂŒhne und Versöhnung

  • Katallage ist ein Fachausdruck. So kann man nicht auch an anderen Stellen von Versöhnung sprechen, nur wenn da etwas von Liebe, Vergebung oder Aufhebung von SĂŒnden steht.
  • Zur Rede von der Versöhnung gehören regelmĂ€ssig folgende assoziierte Stichwörter: Friede und Feindschaft, einst und jetzt, hinzutreten (zu Gottes Thron) und Gnade, Freimut (vor Gott) und eben versöhnen (katallasso), Tod oder Blut. Vor allem sind die Partner jeweils sehr umfassend: Gott und Mensch, Heiden und Juden, Menschen verschiedener Völker.
  • Man hat herausgefunden, dass im Hintergrund dieser FachausdrĂŒcke wohl die Welt der hellenistischen Diplomatie steht. Sie war gefragt, wenn es darum ging, Frieden zu stiften unter den Völkern, und hier ging es auch um das Zugelassenwerden vor den Thron des Herrschers. Von hier aus versteht sich auch, dass sich Paulus als Gesandter der Versöhnung versteht.
  • Nur eine Schwierigkeit ergibt sich bei dieser Herleitung: Welche Funktion hat der Tod Jesu? Der Tod des Friedensstifters sprengt den Rahmen der Diplomatie. Man muss auch bedenken, dass Versöhnung in keinem Fall spezifisch kultisch gedacht wird - im Sinne eines blutigen Opferkultes. Zwei mögliche Deutungen ergeben sich:
    • Gerade im Rahmen von Friedensverhandlungen ist die Ermordung des Friedensvermittlers, des Legaten, der Frieden anbieten soll, das denkbar grösste Verbrechen. Denn Boten sind sakrosankt, Friedensboten zumal. Wenn Gott also trotz der Ermordung des Friedensvermittlers sein Angebot aufrecht erhĂ€lt und z.B. durch Paulus erneut anbietet, dann ist das wahre, unĂŒbertreffliche Feindesliebe - Röm 5,10. er, der Rache hĂ€tte ĂŒben mĂŒssen und können, der der absolut StĂ€rkere in diesem Krieg ist, kapituliert, damit endlich Frieden sei.
    • Eine zweite Denkmöglichkeit wĂ€re: Versöhnung folgt in der Regel auf Zerstörung. Mit der Ermordung Jesu ist ein fĂŒr allemal genug Zerstörung geschehen. Diese Tat ist der Höhepunkt im Krieg Mensch gegen Gott. Nachdem so der Gipfel der Bosheit erreicht war, blieb in dieser hoffnungslosen Situation nur noch der radikal andere Weg, es mit dem Zuspruch der Liebe zu versuchen.
  • Jedoch wird man jeden Gedanken daran, dass durch den Tod Jesu eine Art "Reparationsleistung" erbracht werden sollte oder dass die schuldhafte Ungleichheit durch ein Leistungshandeln ausgeglichen werden sollte, welches der Tod Jesu sei, abzuweisen haben. Nein, Gott ist auf zeichenhafte Reparationsleistungen, zumal in dieser Gestalt, kaum angewiesen.

VII. War Jesu Leiden Gottes Plan?

Die perfekte Grausamkeit

  • Nicht wenige Texte sprechen davon, dass Jesus leiden musste oder dass Propheten dies vorhergesagt hĂ€tten. Man könnte nun meinen, dass Gott in seiner Allmacht festgesetzt habe, dass sein Sohn gekreuzigt werden muss. Wie wenn Gott alles geplant hĂ€tte und es keine Alternative gĂ€be. HĂ€tten wir anders, billiger erlöst werden können?
  • Gerade mit den Worten „Allmacht“ und „Allwissenheit“ hat man aber leicht theologische Problemen. Gott wird zum Gefangenen seiner eigenen PrĂ€destination.
  • In den Psalmen von Qumran hat man Texte entdeckt, die davon reden, dass Gott alles vorausbedacht hat. Das deutet darauf hin, dass es hier nicht um ein eisernes Gesetz oder einen unabĂ€nderlichen Fahrplan geht. Diese Texte sagen etwas ĂŒber die Geborgenheit aller menschlichen  Wege in Gottes Hand.


Der geplante Mord

  • Gott erscheint oft in unseren Lösungen als Computer oder Sklave von SachzwĂ€ngen.
  • Auch die Mörder Jesu hĂ€tten dann keine andere Wahl gehabt. Aber keine Schrift des NT lĂ€sst Zweifel daran, dass Jesus durch menschliche Bosheit zum Opfer gefallen ist. WĂ€hren alle nur Vollstrecker eines Plans, dann wĂ€re niemand ernsthaft schuldig oder verantwortlich zu machen. Wenn dem so wĂ€re, könnte man noch andere Verbrechen als SachzwĂ€nge der Geschichte darstellen. Wenn Gott alles allmĂ€chtig und allwissend festgesetzt hat, warum dann nicht auch unsere Verbrechen?
  • Das „muss“, bedeutet offenbar etwas anderes.


Der  Blick zurĂŒck

  • In 2. Kor 4,10 sagt Paulus, er habe leiden mĂŒssen, damit das Leben Jesu an ihm offenbar werde. Wird Paulus also zum Leiden gezwungen, weil nur so etwas ĂŒber das von Jesus herkommende Leben offenbar wird? Nein.
  • Die Hilfe Gottes setzt das Leiden des Paulus notwendig voraus. Denn ohne Leiden wĂ€re keine Hilfe gewesen. Die Situationen gaben Anlass dafĂŒr, dass Gottes Hilfe erkennbar wurde. Insofern setzt Gottes Hilfe das Leiden voraus. Eben so, wie ein Ereignis auf ein anderes antwortet, das vorher da ist.
  • Das Gleiche gilt beim Tod von Lazarus, der dazu diente, Gottes Sohn dadurch zu verherrlichen (Joh 11,4). Es wĂ€re zynisch, wenn Jesus den Tod eines Menschen in Kauf nĂ€hme, um daran Gottes Wundermacht zu zeigen. Aber er hat zugewartet. Das geschieht auch bei uns. Wartet Gott bei uns auch deshalb, um uns mit um so grösserer Herrlichkeit zu beschenken?
  • Auch in Röm 5,20 muss nicht die SĂŒnde zuerst mĂ€chtige werden, damit (im Sinne des heutigen Sprachgebrauchs) die Gnade umso mĂ€chtiger sich erweisen kann. Richtig mĂŒsste man sagen: Wo die Schuld gross geworden ist, besteht fĂŒr Gott ein Anlass zu zeigen, dass seine Gnade noch reicher geworden ist.
  • Bei Lazarus greift Jesus nicht ein, so auch Gott nicht am Kreuz. Wartet Gott deshalb, um mit der Zuwendung mit um so grösserer Herrlichkeit antworten können?
  • Das „muss“ betrifft nie das letzte Ziel der Ereignisse, sondern immer nur das Vorletzte. Also das, was dem Ziel Gottes vorangeht und leider oft vorangehen muss. Im Nachhinein erkennt man dann, dass Gottes Weg ĂŒber diese Stationen gefĂŒhrt hat, auch wenn sie als Stationen nicht geplant, gewollt oder verursacht waren. Sie sind aus dem RĂŒckblick notwendig, weil es immer Vorletztes geben muss, wo es letztes gibt


Jesu Tod – ErfĂŒllung prophetischer Weissagungen?

  • Etwas vorherzuahnen oder vorherzuwissen bedeutet nicht, dass das betreffende Ereignis notwendig geschehen musste. Denn kontingente Ereignisse bleiben kontingent, auch wenn man sie vorher weiss (kontingent ist alles Zeitliche, VergĂ€ngliche, eben nicht von Ewigkeit her Notwendige, das scheinbar ZufĂ€llige).
  • Jesus weiss vorher, dass einer seiner JĂŒnger ihn verraten wird. Dennoch ist Judas schuldig. Es ist kein Automatismus. Nirgends ist gesagt, dass die Erlösung nur so geschehen konnte.
  • Gott kommt ĂŒber die Taten der freien Menschen zum Ziel. Darin ist Gott allmĂ€chtig, dass er aus allem etwas machen kann. Gott ist der Herr der Geschichte, doch nicht im Sinne des Planens. Leiden und Tod Jesu bekommen einen Sinn in dieser Geschichte, doch von ihrem Ziel her, von einem Ziel her, das Erlösung und Befreiung der Kreatur heisst. Hier und nur hier ist Gottes eigentlicher „Wille“ zu orten und zu finden. Auch Jesu Leiden und Tod wird Gott zu diesem Ziel hin wenden können.


Dein Wille geschehe

  • Zweimal kommt der Wille Gottes in der JesusĂŒberlieferung vor: Im Unservater und vor seinem Tod. Im Unservater kann man auch ĂŒbersetzen: Lass uns und andere deinen Willen tun. Und, Lass alle Menschen deine Herrschaft gehorsam annehmen, statt: Dein Reich komme.
  • In Mk 14,36 ist die andere Stelle: Aber nicht was ich will (soll geschehen), sondern was du willst. Das heisst nicht: wenn du mich töten willst, so tu es, sondern: Von mir aus möchte ich weglaufen oder mich wehren. Willst du das – oder willst du, dass ich bleibe und mich nicht wehre? Im Gebet erkennt Jesus, dass das letztere Gottes Wille ist.
  • Das gesamte biblische Gottesbild lĂ€sst – soweit ich sehe – die Annahme nicht zu, Gott wolle direkt, zielgerichtet und grundlos den Tod einer Kreatur. Nach unserer Erkenntnis, will Gott um jeden Preis und kompromisslos Leben. Er will den Tod einzelner auch nicht als Voraussetzung und BrĂŒcke fĂŒr das Leben anderer.
  • Aber warum greift Gott nicht ein? Dazu ist wohl auf das Lazarusbeispiel zu verweisen. Vielleicht greift Gott nicht ein, um der grösseren Herrlichkeit willen.
  • Wenn alles immer so kommen mĂŒsste, wozu dann das Gebet? Der Zwang der Vorherbestimmung wĂŒrde jede Freude im Glauben töten. Jesu Leben und Tod zeigt: bei allem, was immer auch kommt, darf man sich ganz Gott anvertrauen. Und selbst am Kreuz tut Jesus nichts anderes als dies, wenn er ruft: Wozu hast du mich verlassen?

VIII: Hölle, wo ist dein Sieg?

Der MĂ€rtyrer und die Machtfrage

  • Das Leben der Menschen, auf die Gott seine Hand gelegt hatte, vollzog sich nach der Anschauung des FrĂŒhjudentums als eine Serie von Versuchungen, die von der Gegenseite (Teufel, Welt, SĂŒnde) her den zum Abfallen bringen soll, der zu Gott gehörte. So konnte man auch die Widerworte und Misshandlungen deuten, die das Gottesvolk zu ertragen hatte. Die Stichworte dieses Lebenskonzeptes lauten daher: Glaube (Beziehung zu Gott) – Geduld (angesichts von Versuchung und Leiden) – Sieg (das ist das Standhalten darin).
  • Ebenso fasste Jesus nach Lk 22,28 sein Leben als Abfolge von Versuchungen auf. Nach Joh 12,31 kann Jesus sagen: Jetzt wird der Herrscher der Welt entmachtet (d.h. Jesus siegt). Nach Mk 14,32-42 besteht Jesus seine Versuchung am Anfang des Leidens mit Gebet, nach Mk 13,34 auch die am Ende seines Lebens auf diese Weise. Denn mit dem Ruf: „Mein Gott wozu hast du mich verlassen?“ Besteht Jesus die grösste Versuchung, den Glauben an Gott aufzugeben.
  • Jesus siegt dadurch ĂŒber Leiden und Versuchung, letztlich ĂŒber Tod und Teufel, indem er nicht weglĂ€uft, seine Sendung nicht verrĂ€t, den Widerspruch ertrĂ€gt, keine Gewalt ĂŒbt, in Geduld sich töten lĂ€sst.
  • Der Hintergrund: Gott und die MĂ€chtigen der Welt, sind am Ende der Zeiten in einen gewaltigen Konflikt geraten: Der Widerstand der Welt erweist geradezu, dass einer nicht zur Welt gehört. Die Welt tötet, Gott gibt das Leben. Die Welt tötet die MĂ€rtyrer mit Notwendigkeit, sie ist soweit unter der Macht Satans, dass sie von ihrer Art her kaum anders kann.. Der ans Kreuz Geschlagene ist daher Vorbild des MĂ€rtyrers. Sein Tod wird gerade in den vier Evangelien so gedeutet. Aussagen ĂŒber die stellvertretende Bedeutung speziell des Todes fehlen daher in diesen Schriften fast ganz.

IX. Das ganze Leben

Liebe und Gehorsam
Gott hat nicht am Tode Jesu gefallen gehabt. Nein, er hat am Leben Jesu gefallen gehabt und an Jesu Art, sein Leben im Dienst an seinen JĂŒngern zu „verschwenden“. Wo wir uns gewöhnlich auf Jesu Blut konzentrieren, zeigt das NT, dass das ganze Leben Jesu Gehorsam und Bestehen in der Versuchung, das ganze Leben SĂŒhne fĂŒr unsere SĂŒnden und Ausgleich fĂŒr unsere Schuld war. Der Tod ist nur die Spitze, an der alles sichtbar wird:

  • Mk 10,45 Der Menschensohn ist gekommen zu dienen und sein Leben zu lassen als Lösegeld fĂŒr viele. Lösegeld bezieht sich sicher auf die Aufhebung von SĂŒndenschuld. Auch in Spr 10,12 und 1. Petr 4,8 deckt die Liebe eine Menge von SĂŒnden zu. Aus dem Kontext sieht man, dass „Sein Leben geben“ nicht heissen muss: Das Leben in das Martyrium hingeben, so schnell wie nur möglich, dem Tode zustreben, sondern: so intensiv wie nur möglich zu dienen, fĂŒr andere dazusein. Dabei ist der Tod selbstverstĂ€ndlich nicht ausgenommen, sondern inbegriffen. Das gilt auch fĂŒr Joh 10,11.15.
  • Wer sein Leben fĂŒr jemanden riskiert, sucht nicht den Tod, sondern schenkt seine ganze Existenz diesem anderen. Joh 13,1 und 15,13. Leben geben ist auch hier nicht erwĂ€hnt, wegen des Nutzens, der ein toter Freund bringt. Es heisst: Im Notfall bereit sein, selbst auch das Leben zu geben. Nicht wegen der SĂŒhne der SĂŒnden, sondern um dem Freund zu helfen in grösster Not.
  • Nach Röm 5,19 sind Christen durch Jesu Gehorsam gerecht gemacht worden. Jesu gesamter Dienst ist Gehorsam, und dieser Gehorsam reicht sogar bis zum Tod hin (Phil 2,6).


Hingabe und Sendung

  • Man muss Stellen, in denen von „geben“ im Zusammenhang mit Jesus gesprochen wird nicht mit dem Tode Jesu verknĂŒpfen. Sie mĂŒssen auch nicht im Sinne von „Sich-Opfern“ interpretiert werden (vgl. auch Apg 15,26 MĂ€nner, die ihr Leben gegeben haben: Sie leben aber noch). Dennoch ist nicht zu bestreiten, dass in vielen Texten Jesu Tod im Blick steht. Doch hier geht es um Texte, in denen der Tod bestenfalls inbegriffen ist. Jedenfalls nicht isoliert vom ganzen Leben zu sehen ist. Nach Luthers Übersetzung scheint (Röm 4,25 und 8,32) Gott Jesus direkt ans Messer geliefert zu haben. Und wenn man Luthers Übersetzung von Gal 1,4 und 2,20 liest erhĂ€lt man den Eindruck, dass Jesus sich gewissermassen todessĂŒchtig so schnell wie möglich ans Kreuz begeben wollte, um dem schrecklichen Willen des Vaters eilfertig nachzukommen.
  • Der grie. Wortlaut begĂŒnstigt diese Übersetzung nicht, denn im Griechischen ist von Geben oder Übergeben die Rede, von Überlassen oder „den Menschen aussetzen“: Gott hat seinen Sohn nicht geschont, sondern ihn den Menschen ausgesetzt. Gott ĂŒberlĂ€sst Jesus den Menschen – er unternimmt auch nichts dagegen, wenn sie ihn misshandeln. Auch Jesus geht es nicht um ein aktives SĂŒhnehandeln, sondern um den Verzicht auf Gegenwehr und den Einsatz des ganzen Lebens. Es macht einen Unterschied, ob man direkt in den Tod geht, oder ob man ohne RĂŒcksicht auf Verluste sich fĂŒr Menschen einsetzt. Nur das letztere mag ich zu erkennen, und jede Deutung in die Richtung, Gott habe doch Jesu Tod geplant und gewollt, weil er nicht anders konnte und den Tod Jesus brauchte, trifft nicht den Sinn der biblischen Aussagen.
  • Jesu Sendung ist vergleichbar, wie wenn jemand freiwillig auf eine AussĂ€tzigen-Insel geht um das Evangelium zu bringen. Das Ziel war die Mission, der Tod durch Lepra war zu erwarten und kam dann auch frĂŒher oder spĂ€ter. Und doch wird niemand den Oberen vorwerfen wollen, sie seien die Mörder des Missionars. Er hatte seine Aufgabe und wusste, was er tat und was er zu erwarten hatte, und er reiste im Auftrag der Oberen. Ebenso sendet Gott (Röm 4,25) seinen Sohn ohne Schutz vor dem Tod. Vielleicht kann man sagen: Wie auch immer Jesus gestorben wĂ€re, es wĂ€re der Tod eines Unschuldigen gewesen und damit der Sieg ĂŒber die SĂŒnde.
  • In Röm 8,32 ist Jesus das Geschenk Gottes. Dabei klingt die Opferung Isaaks an (1. Mo 22, 16). Doch auch dort geht es nicht zuerst um das Opfer sondern um den Gehorsam. Weder hat Abraham geschlachtet noch geopfert, er war nur gehorsam. In beiden FĂ€llen gibt es etwas, das wichtiger ist als die Liebe des Vaters zum ersten und einzigen Sohn. Bei Abraham ist dieses Wichtigere, das noch mehr geliebt wird, Gott. Bei Gott nach Römer 8 sind es die Menschen.
  • Gott tötet nicht selbst. Er ĂŒberlĂ€sst Jesus nur den Menschen. In Röm 8,32 geht es nicht um ein von Gott selbst inszeniertes Opfer an sich selbst!

Weder bringt Gott Jesus zum Tod, noch liefert Jesus sich in ein notwendiges Opfer hinein.

X. Das Ziel des Leidens

Ein Weg zur Herrschaft
Ein verbreiteter theologischer Ansatz im NT reiht den Tod Jesu ein in andere Wege, auf denen Jesus zum Herrn und EigentĂŒmer von Menschen wird, die ihm vorher nicht gehörten. Es wird gewissermassen ein Preis bezahlt, so dass Jesus zum Herrn werden kann. Aber der Tod ist nur eine Möglichkeit dazu. Z.B. Röm 14,9: „Ist doch Jesus deshalb gestorben und wieder lebendig geworden, um ĂŒber Tote und Lebende zu herrschen.“ Er ist gestorben um ĂŒber Tote zu herrschen. Um Herr zu werden muss er in den Bereich derer kommen, die aufsuchen, deren Herr er sein will. Jesus ist anfangs im Besitz von etwas (ewiges Leben, Herrschaft, Reichtum, GottĂ€hnlichkeit, Freiheit etc.), das er aufgibt zugunsten begĂŒnstigter Menschen. So wird er arm (sterblich). Das, was er aufgibt kommt dadurch den BegĂŒnstigten zugute. Der Preis der bezahlt wird, wird also nicht Satan bezahlt. Das Gut, das er aufgibt, wird an seine Untertanen verteilt. Texte: Röm 14,9; 2. Kor 5,14-15; Joh 13,8.13 (er wird Sklave); Phil 2,6-11; 1. Kor 7,23 (Preis = die Menschwerdung als Ganzes); 2. Kor 8,9; Mk 10,44f; Hebr 5,8; 2. Kor 5,21.
An anderen Stellen dagegen ist ausdrĂŒcklich vom Tod Jesu die Rede, durch den die Christen gekauft sind: Off 5,9; Apg 20,28; 1. Petr 1,19.

XI. Neues Leben durch den Tod

Jesu Blut und das Taufwasser
FĂŒr drei frĂŒhchristliche Schriften lassen sich Argumente finden, dass die Wassertaufe der Christen die Reinigung und Heiligung schenkt, die Jesu Leidens-Blut begrĂŒndet und stiftet. Das Taufwasser ersetzt und „verlĂ€ngert“ dabei Christi Blut: 1. Joh 1,7 (5,8); 1. Petr 1,2 (3,21);
Off 1,5 (5,9;7,9;7,14;22,14).

Ein neues Volk
HĂ€ufig geht man davon aus, dass fĂŒr die Entstehung der frĂŒhchristlichen Heidenmission allein die Erfahrung des Heiligen Geistes (besonders das Zungenreden – Apg 10,44-46) massgeblich war. Doch daneben zeigt sich noch ein anderer Weg: In den oben zitierten Texten findet man, dass das Lamm mit seinem Blut fĂŒr Gott ein neues Volk gewonnen hat, und zwar, indem es diese Völker mit seinem Blut „besprengt“ oder darin gewaschen hat.
Es geht um die Frage, wie soll das vergossene Blut von Jesus zu Menschen kommen, die zeitlich und geographisch weit entfernt sind?

  • Nach Röm 3,25 wird der stellvertretende Tod Jesu zugĂ€nglich durch den Glauben. Der Glaube hat hier genau die Rolle einer BevollmĂ€chtigung eines Rechtsanwaltes durch seinen Mandanten. Wie der Mandant unterschreibt: „Hiermit bevollmĂ€chtige ich den Anwalt Y, mich zu vertreten, besonders vor Gericht“, so bedeutet der Glaube an Jesus: Ich vertraue mich Jesus an, gebe meine Vollmacht ihm, damit er mich vor Gott rechtsgĂŒltig vertreten kann. So bewirkt der Glaube, dass alles, was Jesus getan hat oder tut, fĂŒr den Glaubenden wirksam werden kann.
  • 1. Petr 3,21f und Hebr 6,2f, sowie die Apg kennen aber auch die Taufe. Hier gibt es einen  Zugang zum Christwerden ĂŒber das Blut Jesu durch die Taufe. Das Wasser steht symbolisch fĂŒr das reinigende Blut des Lammes, fĂŒr Jesu stellvertretenden Tod.
  • Zusammenfassend:
    • Der Tod Jesu war stellvertretend fĂŒr die SĂŒnden.
    • Weil Jesus radikal gerecht war, konnte er alle SĂŒnden aufheben, die es je gab.
    • Die stellvertretende Tat Jesu kann man sich aneignen durch Glaube oder Wassertaufe.
    • Die Heiden sind die klassischen SĂŒnder (Gal 2,15).
    • Wenn sie glauben und/oder sich taufen lassen, werden sie durch Jesu Tod gereinigt.

Damit tritt der Tod Jesu neben die sonst bekannte Bedeutung des HG. Das gilt insbesondere fĂŒr die Schriften 1. Petr, Hebr und Off. Die Gegenprobe bestĂ€tigt, dass der HG in diesen Schriften eine geringe Rolle spielt.

 

Das Bundesblut im Abendmahl
Im Abendmahl ersetzt der Wein das Blut, wie das Taufwasser, das Blut des Erlösers. In der frĂŒhchristlichen Deutung des Weines im Abendmahlsbecher gibt es viele verschiedene Bilder:

  • Wein als Symbol des Messias: Der Weinstock ist zwar oft ein Bild fĂŒr Israel, in besonderer Weise aber des Messias (1. Mo 49,11). FĂŒr Jesus stellt das erste Wunder seine Eigenart als Messias gegenĂŒber Johannes dem TĂ€ufer dar (Joh 2,1-11 Kana). Beim Abendmahl reicht Jesus Wein. Er selbst ist wie Wein, denn er ist der Messias. Diesen Wein zu trinken heisst: Jesus ganz (sein Wort, seine Vollmacht) in sich aufzunehmen.
  • Wein ist Traubenblut: 1. Mo 49,11
  • Vergossen fĂŒr viele: Vergossen spielt auf 2. Mo 24,6 an. Beim Bundesschluss wurde Blut an die Teilnehmer gesprengt, jetzt wird Wein aus dem Becher in die Kehle der Teilnehmer gegossen. Eine FlĂŒssigkeit gelangt in beiden FĂ€llen an die Menschen, die Teilnehmer des Bundes werden.
  • Der Bundesschluss: Da das Judentum keinen Bund des Messias kennt, muss man, um die Becherworte Jesu verstehen zu können, im Hebr nachfragen (Hebr 8,6;9,15;12,24) Jesus ist Bundesmittler durch sein Blut, wie Mose. Eine Beziehung von Blut und Wein kennt der Verfasser aber nicht. Das Abendmahl erwĂ€hnt er gar nicht, und das Blut des Bundes bezieht er auf die Taufe. Sie ist die Besprengung zum Bundesschluss.
  • Bundesschluss und Becherwort: Wein ist kein Mittel zur Reinigung, noch zur EntsĂŒndigung, noch steht er fĂŒr den Tod. Am schwerwiegendsten ist, dass der Wein getrunken wird, das Bundesblut aber nicht. Daher besteht die Ähnlichkeit zu 2. Mo 24,3-8 nur darin, dass eine rote FlĂŒssigkeit an viele verteilt wird, die Partner des Bundes sind. Das bedeutet, dass man den Bund Jesu sehr eigenstĂ€ndig deuten muss.
  • Wein und Tod: Wenn das Band zwischen Wein und Blut locker ist, entfĂ€llt die zwingende Notwendigkeit, den von Jesus gereichten Wein nach den ersten drei Evangelien auf Jesu Tod zu beziehen.
  • Vergebung der SĂŒnden: Hat die Teilnahme am Mahl, wie das Taufwasser, eine sĂŒndenvergebende Wirkung? Nirgends ausser in Mt 26,28 wird das Trinken von Wein in Beziehung gesetzt zur Vergebung von SĂŒnden. Der Bund, von dem Mt 26,36 spricht, deute ich auf die hier von Jesus der Gemeinde verliehene Vollmacht, SĂŒnden zu vergeben (vgl. Mt 18,15-19). Beim Mahl stiftet Jesu den Bund, die diese Vollmacht erhalten.
  • Kelchwort nach den Evangelien: Jesu Bund bezieht sich auf sein Wirken, fĂŒr Gott sein Volk vorbereitet zu haben. Jesus tat das als Messias.
  • Paulus: „Ihr verkĂŒndet den Tod des Herrn“:  Auch hier ist nicht die Vergebung der Inhalt des Bundes. Der Bezug des Herrenmahles auf den Tod Jesu ist bei Paulus klar erkennbar. Dennoch ist von SĂŒnde und SĂŒndenvergebung jedenfalls hier keine Rede. Statt dessen ist das Mahl adventlich verstanden: Weil der Sitz Jesu leer bleibt, ist es ein Mahl in Erwartung der Wiederkunft des Herrn.


Das Brotwort
Eine gĂ€ngige Frömmigkeitspraxis bezieht die Brotworte auf den Kreuzestod Jesu. Das Brot entsprĂ€che demnach dem gekreuzigten Jesus, bildete also den sterbenden ab. Diese Deutung kam zustande, weil man das Abendmahl im ganzen als Vorausdarstellung des Todes Jesu sah. Es spricht aber nichts dagegen, das letzte Mahl als Deutung des gesamten Lebens Jesu zu sehen. Dann aber heisst das Brotwort frei ĂŒbersetzt: „Ich bin wie Brot fĂŒr euch, Brot ist Nahrung und Leben, alles, was ich gesagt und getan habe, ich selbst, bin Brot des Lebens fĂŒr euch, eignet mich euch an.

  • FĂŒr einige Ausleger, bildet das Brotwort dennoch eine BrĂŒcke zu Jesu Tod, weil das Brot gebrochen wurde. Nun ist der Tod Jesu aber kein Tod durch Zerteilen (Joh 19,33.36 – Jesu Beine wurden nicht gebrochen), auch ist das Zerteilen von Brot im Judentum nie ein Zeichen fĂŒr den Tod. Es gibt auch keinen SĂŒhneritus mit Brot.
  • Das letzte Mahl ist in vielfacher Hinsicht ein Zeichen: Nach Lk 22,27 wird das Dienen bei Tisch zum Bild fĂŒr Jesu gesamtes Dasein; nach Joh 13,8-16 nimmt Jesu FĂŒssewaschen dieselbe Rolle ein. Das ganze Mahl kann auch Zeichen fĂŒr das zu erwartende himmlische Gastmahl sein (Lk 22,29f; Mt 26).


Resultat: Bei den Deutworten zu Brot und Wein ist die Beziehung zu Blut und Tod Jesu nicht so einlinig und sicher, wie oft angenommen. Zu oft wird unterschlagen, dass vom Bund die Rede ist. Beim Brotwort fehlt der Bezug auf Jesu Tod möglicherweise ganz.

Konkretion: Zur SpiritualitÀt des Abendmahles
Wenn das Abendmahl nicht mehr nur auf die Passion Jesu bezogen wird, sondern auf sein ganzes Leben und Wirken, auf seine Sendung, seinen Gehorsam und Dienst, dann Àndert sich auch dessen geistliche Bedeutung.
So sagt er beim Austeilen des Brotes: Das Brot, das ihr da seht, ist ein Teil des einen umfassenden Lebens, das ich euch zu geben habe: mich selbst.
Beim Wein sagte er: Ihr zusammen bildet mit Gott durch mich einen Bund. Indem ihr aus einem einzigen Becher trinkt, wird ein neuer, unverbrĂŒchlicher Bund geschlossen, wird der alte Bund erneuert (Jer 31). Es ist der Bund mit Gott. Gott hat sich noch einmal und endgĂŒltig mit euch verbunden. Denn durch den Bundesvermittler Jesus ist er so nahe gekommen wie noch nie zuvor.
Wo immer JĂŒngerinnen und JĂŒnger zum Mahl zusammenkommen und seinen Namen anrufen oder sein GedĂ€chtnis feiern, ist er geheimnisvoll gegenwĂ€rtig, wie Gott im brennenden Dornbusch. Denn das ist die Substanz des Bundes: Gottes Gegenwart hört niemals auf. Wo die Gemeinde Mahl feiert, wird das Wohnen Gottes unter den Menschen Wirklichkeit.

XII. Paulus und die Theologie des Kreuzes

Man kann voraussetzen, dass ĂŒberall, wo von Kreuz die Rede ist, die Bedeutung „Schande“ eine grosse Rolle spielt, denn das Kreuz ist die schĂ€ndlichste Hinrichtungsart. Z.B. Gal 5,24: der hat das Fleisch gekreuzigt – bedeutet: Er hat dem Bereich der SchwĂ€che und SuchtanfĂ€lligkeit den Abschied gegeben. Oder Gal 6,14: Durch Jesus ist mit die Welt gekreuzigt; will sagen, dass Paulus durch die Verbindung mit Jesus mit der Welt nichts mehr zu tun haben will. Aus dem Zusammenhang geht es um das, was Ansehen bringt. Zur Diskussion stehen daher die WertmassstĂ€be. Paulus macht hier ernst mit dem Verzicht auf die gesamte Dimension des Prestiges unter Menschen. Denn er ist davon ĂŒberzeugt, dass in diesem Feld die Ungerechtigkeit subtil ist und jeder Unfriede geboren wird. Das Kreuz hat demnach hier erkennbar zu tun mit radikalem Verzicht auf Ehrgeiz. Aber mit SĂŒhne oder SĂŒndenvergebung hat es hier nichts zu tun.
In diesem Sinn redet Paulus davon, dass sich die Menschen, die sich auf den Namen Jesu taufen lassen, mit ihm kreuzigen lassen, nĂ€mlich von allem frĂŒheren radikal Abschied nehmen.
1.Kor 1 ist die Hauptfundstelle fĂŒr paulinische Kreuzestheologie. Hier verbindet er das Kreuz durchgehend mit Torheit und setzt dagegen die Weisheit der Welt. Die Tatsache, dass ein Gekreuzigter verkĂŒndigt wird, bedeutet: Absage an allen Kollegen-Ehrgeiz unter den VerkĂŒndigern. Denn Gott ist immer auf der Seite derer, die ohne Ansehen sind. Wer einen Gekreuzigten verkĂŒndigt, hat nichts bei den Angebern zu suchen. Die ganze christliche Botschaft ist im wesentlichen dies: Gott wird dort gefunden, wo jede Art von Macht nicht mehr besteht. Die Botschaft des Kreuzes vermittelt diese Einsicht. Die „Weisheit der Welt“ dagegen meint immer noch, das, was bĂŒrgerliche Geltung habe, sei auch fĂŒr und vor Gott wertvoll.
Der Gekreuzigte kann so gut wie niemand sonst das wahre Wesen Gottes zugĂ€nglich machen: Dass er nĂ€mlich einer ist, der das Geringe erwĂ€hlt und der Prestige unter Menschen, insbesondere solches nach der Formel „Wissen ist Ansehen“, unter gar keinen UmstĂ€nden ertragen kann.

XIII. Musste Jesus am Kreuz sterben?     Schlussthesen

  1. Grund fĂŒr Jesu Hinrichtung war sein Anspruch, „König“ zu sein.
  2. Das Kreuz sagt wer die Menschen  sind  - und wer Gott ist:  Der der die Feinde liebt.
  3. Nach dem NT vergibt Gott einerseits direkt und frei (Lk 15) oder „geregelt“. Schuld verschwindet nicht spurlos. Sie wird am Kreuz in ihrer ganzen Schrecklichkeit sichtbar gemacht und anschaulich „entsorgt“. Dabei greift das NT das Zeichen des Blutes auf und lĂ€sst es ein bleibendes Zeichen fĂŒr Erlösung werden.
  4. Die Konsequenz aus der Botschaft von Jesus am Kreuz könnte ebenso Mitleiden sein und nicht nur allein der juristische Stellvertretungsgedanke.
  5. Jesu Tod ist kein Opfer im kultisch-rituellen Sinn. Am Verbot des Menschenopfers seit Abraham fĂŒhrt kein Weg vorbei.
  6. Opfer heisst Gott anerkennen und setzt keine Gewalt und Blutvergiessen voraus. In diesem Sinn war Jesu Leben und Sterben Opfer.
  7. Jesu Tod fĂŒr die SĂŒnden ist ein Geschehen „am himmlischen Altar“. Es gehört in die spirituelle Wirklichkeit Gottes. Jesus ist unser Mittler vor Gottes Thron.
  8. Es gab keinen Plan Gottes, nach dem Jesu leiden musste. Selbst Vorherwissen ist etwas anderes als geplante Notwendigkeit. Die einzige wirkliche Notwendigkeit, die es gibt, besteht darin, dass gottlose Systeme mörderisch sind und Unschuldige töten.
  9. Weder hat der Vater Jesus „ans Messer geliefert“, noch hat sich der Sohn zum Martyrium gedrĂ€ngt.
  10. Jesus hat das Heil durch sein ganzes Leben gewirkt und nicht nur durch das Kreuz allein.
  11. Jesu Blut wurde durch Taufwasser und Abendmahlswein „ersetzt“.
  12. Jesus hat durch sein Blut eine neues Gottesvolk geschaffen hat.
  13. Das Brotwort beim Abendmahl meint nicht Jesu Leichnam am Kreuz. Das Becherwort meint nicht primÀr Leidensblut, sondern bezieht sich auf Jesus als Mittler des Bundes.
  14. Paulus gebraucht die Worte „Versöhnen“ und „Kreuz“ jeweils sehr gezielt und genau. Bei Versöhnung geht es um das Ende der Feindschaft, beim Kreuz um Schande, also einer totalen Umkehr der Werte.