Zwischen Engagement und Innerlichkeit

Zwischen Engagement und Innerlichkeit

von Dorothea Gebauer | 20.06.2012

Vier Persönlichkeiten, vier Wege, als Christ in der Welt zu leben und Reich Gottes zu bauen. Mit Nikolaus Graf von Zinzendorf, Dietrich Bonhoeffer, Eva von Thiele-Winkler und Anna Schlatter wurden an der Ostertagung in Moscia grosse Vorbilder anschaulich.

Hellwach und sehr interessiert folgten die Teilnehmenden der Ostertagung den AusfĂŒhrungen von Peter Zimmerling, Professor an der UniversitĂ€t Leipzig.

Zinzendorf: Welteroberer und Abenteurer fĂŒr Gott

Nikolaus Graf von Zinzendorf (1700 – 1760), BegrĂŒnder der Weltmission, kommt aus einer frommen und weltoffenen Familie. Seine Grossmutter zĂ€hlt zu den gebildetsten Frauen des 18. Jahrhunderts. Als AchtjĂ€hriger setzt er sich bereits mit dem christlichen Glauben auseinander und erfĂ€hrt Zweifel: «Die raffiniertesten Gedanken der Atheisten entsponnen sich in meinem GemĂŒte.» Was ihn schliesslich zum Glauben fĂŒhrt, ist die «Noblesse des GemĂŒts Jesu». Sein Opfertod rĂŒhrt ihn zutiefst. Beim Lesen des Neuen Testaments kommt dem Grafen in den Sinn: Jesus liebt mit einer unnachahmlichen EgalitĂ€t! Vor Gott sind alle Menschen gleich, er will die «Egalisierung aller Seelen».

Diese Erkenntnis wird bei ihm zur Vorlage, gesellschaftliches Leben komplett umzugestalten. Keine Leibeigenschaft, keine Sklaverei, kein StandesdĂŒnkel. Bei Jesus höre alles auf: Stand, GemĂŒt, Rang. Christus sei der «Menschenfreund». 14 Frauen werden bei Zinzendorf ordiniert, er will sie aus ihrer BeschrĂ€nkung auf Haus und Familie befreien und lĂ€sst sie predigen.
Gleichheit heisst bei ihm aber nicht Gleichmacherei. Immer wieder mahnt er, die Unterschiede der Menschen zu studieren, ihre IndividualitĂ€t zu wĂŒrdigen und niemanden zu stigmatisieren. Unterschiede sollen bejaht und der Gemeinschaft zugefĂŒhrt werden. Denn nur in der Gemeinschaft sei Christsein lebbar. Der Referent betont, wie fröhlich und lebensbejahend die ZinzendorfÂŽsche Frömmigkeit gewesen sei. FĂŒr die Herrenhuter ist die Welt kein Jammertal, das Elend der eigenen SĂŒnde solle nicht dauernd, sondern nur dann und wann angeschaut werden. Herrnhuter Christen seien dazu bestimmt, «in den Himmel zu tanzen».

MÀnnliche SpiritualitÀt

In seinen AusfĂŒhrungen zu Zinzendorfs «Streiteridee» entfaltet Zimmerling die Notwendigkeit einer mĂ€nnlichen SpiritualitĂ€t. Deren Charakteristika seien es wert, in Gemeinden wieder gelebt zu werden, die SpiritualitĂ€t weitestgehend Frauen ĂŒberlĂ€sst. Zinzendorf wegen seines emanzipatorischen Gedankenguts als Frauenversteher oder Weichling zu stigmatisieren, wĂ€re falsch. Zinzendorf sei ein Welteroberer, ein Abenteurer gewesen, habe Europa durchwandert und sogar Kanzler von DĂ€nemark werden wollen. Am Ende unterhĂ€lt er in den Antillen oder in der Karibik Kolonien und lernt den HĂ€uptling der Irokesen kennen. Bereits als 14-JĂ€hriger macht sich Zinzendorf Sorgen darĂŒber, ob es denn noch «genĂŒgend Unbekehrte gibt, die sich noch gewinnen lassen.»
Gott ist bei Zinzendorf ein leidenschaftlicher Gott: «Unser Glaube darf leidenschaftlich sein. HĂ€ufig verwechseln wir diesen mit Bravsein oder Wohltemperiertheit. Nicht attraktiv fĂŒr MĂ€nner», resĂŒmiert Zimmerling. Glaube bei MĂ€nnern wirke manchmal «autoritĂ€r, profillos oder konfirmandenhaft». «Im Mann steckt viel Leidenschaft, die man zĂŒnden kann!» Das sei ihm, Zimmerling, klar geworden, als er sich zum ersten Mal im Fussballstadion aufgehalten und gehört habe, wie MĂ€nner laut singen können. Entgegen einem evangelikalen Trend warnt Zimmerling aber davor, sich zu sehr in der Beschreibung der Andersartigkeit sogenannter mĂ€nnlicher oder weiblicher SpiritualitĂ€t aufzuhalten. Die «Schnittmenge» von Mann und Frau, nĂ€mlich deren beider Menschsein, sei grösser als der Unterschied der GeschlechteridentitĂ€t. Wenn aber Gemeinden das MĂ€nnliche stĂ€rker integrieren, werde evangelische SpiritualitĂ€t konfliktfreudiger, und sie werde mehr fĂŒr Gott riskieren. Der frĂŒhe Pietismus sei sehr progressiv gewesen und habe einen «missionarischen Impetus» gehabt, wĂ€hrend der aktuelle sich eher bewahrend gebĂ€rde.

Anna Schlatter (1773 – 1826): Stille suchen und Freundschaft pflegen

Anna Schlatter gilt als aufgeklĂ€rte Pietistin. Als GeschĂ€ftsfrau und Mutter von zehn Kindern ist sie doppelt eingebunden, sehnt sich viel nach Stille und findet sie auch. Ihr Beispiel zeigt Möglichkeiten eines kontemplativen Lebens inmitten eines umtriebigen Alltags auf. Sie soll ein innerlich reiches Leben gepflegt und dabei ein selbststĂ€ndiges Denken mit eigenem Urteil gehabt haben. WĂŒrde sie heute leben, wĂ€re sie die geborene Netzwerkerin. Sie pflegt Beziehungen ĂŒber konfessionelle Grenzen hinaus. Sie sucht Kontakt zur AllgĂ€uer Erweckungsbewegung, besucht den katholischen Gottesdient mit Michael Seiler und pilgert nach Königsfeld, um Herrnhuter Spuren zu entdecken. Auch pflegt sie Kontakte nach Basel mit Christian Friedrich Spittler, dem GrĂŒnder der Pilgermission, oder zu Johann Christoph Blumhardt in SĂŒddeutschland.
Dabei schreibt sie so viele Briefe, dass sich ihr Mann ĂŒber die hohen Papierkosten Ă€rgert. UnzĂ€hlige Menschen leitet sie zu einem Leben im Glauben an. Diese Briefe seien aber auch voller Humor, sodass man beim Lesen laut lachen mĂŒsse. Sie teile sich darin in ihrer ganzen Person mit, und das mache ihre Korrespondenz anziehend, so Zimmerling. Mit ihrem Sohn Caspar diskutiert sie ĂŒber die charismatische Bewegung. «Du glaubst nicht richtig», sagen die Töchter, welche die Vernunft in geistlichen Dingen als nicht kompetent erachten. Sie lĂ€sst ihre Kinder an ihren vielerlei Freundschaften teilhaben. «Kinder brauchen das. Sie sollen Beziehungen ĂŒber die Kleinfamilie hinaus zu erwachsenen Bezugspersonen haben», ergĂ€nzt Zimmerling. Eltern mĂŒssten das bewusst fördern.

Liebevoll und streng, aber RÀume der Freiheit gewÀhren

Als Mutter und PĂ€dagogin will Anna Schlatter Erziehungsfragen vom Glauben her lösen. Erziehen ist fĂŒr sie eine geistliche Aufgabe. Mutter Schlatter ist von grosser menschlicher WĂ€rme und kann deshalb schreiben: «Alle meine Kinder hĂ€ngen an mir.» Sie ist sehr liebevoll, aber auch sehr streng. «Eine Mischung, die offenbar möglich ist», kommentiert Zimmerling. Auch rechnet sie mit der Bosheit der SĂŒnde und will – fĂŒr uns befremdlich – «den Eigenwillen des Kindes brechen». In ihrem Heim gibt es eine Hausordnung und fĂŒr jedes Kind besondere Aufgaben. Sie praktiziert keine «Affenliebe», scheint nĂŒchtern.
Auf CharakterschwĂ€chen weist sie ohne Umschweife hin, spricht aber auch ĂŒber StĂ€rken. Ihr ist wichtig, dass VĂ€ter an der Erziehung beteiligt werden. So wie Gott als guter Vater an den Menschen handelt, sei der reale Vater fĂŒr Kinder unerlĂ€sslich. Geburtstage feiert sie als regelrechte Freudenfeste. Ihr Glaube scheint keine Ă€ngstliche Enge zu verbreiten, vielmehr ist sie bemĂŒht, die FreiheitsspielrĂ€ume ihrer Kinder stetig zu erweitern.
Adolf Schlatter, grosser Theologe und Enkel Anna Schlatters, hat ĂŒber seine Grossmutter geschrieben. In seiner Erinnerung erstarrt sie nicht zum Heiligenbild. Es ist ihr aber gelungen, die Liebe ihres Sohnes und Enkels konsequent auf Jesus auszurichten.

Eva von Thiele-Winkler: Ordnungssinn und FĂŒhrungslust (1866 – 1930)

Eva von Thiele-Winkler ist eine starke, fromme Frau und dabei klein und zierlich von Gestalt. Sie stammt aus der schlesischen Oberschicht und hat damit Zugang zu Bildung. Gemeinsam mit acht Geschwistern wird sie in preussischen Tugenden erzogen und zu Anspruchslosigkeit und Pflichtbewusstsein angehalten. Sie ist als junges MĂ€dchen sehr abenteuerlustig, durchstreift stundenlang allein die WĂ€lder oder turnt im Stadtpalais auf den DĂ€chern herum. Sie hat einen «natĂŒrlichen Drang nach Weite». Ihr Vater ist evangelisch, ihre Mutter katholisch mit mystischer AusprĂ€gung. Ihre Eltern erziehen sie nicht konfessionell, sie besucht keine Gottesdienste. Mit 16 Jahren lĂ€sst sie sich konfirmieren. Gott spricht zu ihr, sie erkennt Jesus als guten Hirten, der das Verlorene sucht, und sieht sich berufen, dasselbe zu tun. Sie sieht das Elend der Armen und Verwahrlosten in Schlesien. Trotz der Privilegien ihres Standes hat sie Freude an BedĂŒrfnislosigkeit.
Mit 23 Jahren wird sie «Mutter Eva» gerufen. Sie zeigt deutliche FĂŒhrungsqualitĂ€ten und ĂŒbernimmt Leitungsaufgaben. Ihre Liebe zur Armut ist derart gross, dass manche ihr Werkgerechtigkeit vorwerfen. Sie ringt lange damit, katholisch zu werden. Friedrich Bodelschwingh, GrĂŒnder der Betheler Anstalten und ein Freund, rĂ€t ihr davon ab. Sie sieht diakonisches Handeln im Welthorizont und grĂŒndet eigene Missionsgesellschaften in China, ein Waisenhaus in Guatemala und die Afrika Inlandmission.

Dietrich Bonhoeffer: dem Rad in die Speichen fallen

Am Ostersonntag, 9. April, vor 67 Jahren ist Dietrich Bonhoeffer den MĂ€rtyrertod gestorben. Nach einem der letzten Befehle Hitlers wird er ermordet, weil er fĂŒr seine Überzeugungen einstand. Der Bonhoeffer-Forscher und -Kenner Zimmerling stellt seinen MĂ€rtyrertod in den Kontext der Hoffnung auf die Auferstehung. In seinen AusfĂŒhrungen bezieht er sich auf die Aussage Bonhoeffers: «FĂŒr mich nicht das Ende, sondern der Anfang eines neuen Lebens.» – «Unser Sieg ĂŒber den Tod ist gewiss!», freut sich Zimmerling