Zwischen Zeit und Ewigkeit

Zwischen Zeit und Ewigkeit

von Daniel Kummer | 14.09.2012

Einblicke in die ostjüdische Erweckungsbewegung des 18. Jahrhunderts

Wir wünschen uns das Hereinbrechen von Gottes Gegenwart in unsere Zeit. Diese Sehnsucht, in Form der Messiaserwartung im ostjüdischen Chassidismus, ist es wohl, die viele anzieht.

Die Menschen erhofften sich in dieser Bewegung im 18. und 19. Jahrhundert das Eingreifen Gottes in ihren oft bedrängten und leidvollen Alltag. Auch wenn Einiges an der Bewegung abstösst und irritiert, so begeistert doch die engagierte Hinwendung zu Gott und zum Leben. In der Bewegung beobachten wir eine Verschränkung von Diesseits und Jenseits, wie sie auch für die VBG unter dem Begriff des «integrierten Christseins» ein zentrales Anliegen ist.

Gott in allen Dingen

Martin Buber bringt die Lehre des Chassidismus wie folgt auf den Punkt:

«Sie lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Gott ist in jedem Ding zu schauen und durch jede reine Tat zu erreichen. Diese Einsicht ist aber keineswegs, wie man vermeint hat, der pantheistischen Weltanschauung gleichzusetzen. Für die chassidische Lehre ist die ganze Welt nur ein Wort aus Gottes Mund; und dennoch ist das geringste Ding in der Welt würdig, dass Gott sich aus ihm dem Menschen, der ihn wahrhaft sucht, offenbare1.»

Durch diese Gegenwärtigkeit Gottes wird das ganze Leben geheiligt: «Darum gilt es nicht, in einzelnen Stunden nur und mit bestimmten Worten und Gebärden Gott zu dienen, sondern mit dem ganzen Leben, mit dem ganzen Alltag, mit der ganze Weltlichkeit. Nicht darin besteht das Heil des Menschen, dass er sich vom Weltlichen fernhalte, sondern dass er es heilige, es dem göttlichen Sinn weihe: seine Arbeit und seine Speise, seine Ruhe und seine Wanderschaft, den Aufbau der Familie und den Aufbau der Gesellschaft2.»

Die Spaltung des Alltags überwinden

Auch VBG-Freunde wünschen sich, dass Gott in allem, was sie tun, verherrlicht wird, dass die Spaltung von Glaube und Arbeit überwunden wird und die Arbeit durch den Glauben auf Gott hin Tiefe und Prägnanz gewinnt. Am wesentlichsten ist dieses Rechnen mit Gottes Wirklichkeit wohl in den zwischenmenschlichen Begegnungen. Gerade hier geht es darum, nur Angedeutetes zu hören und zu merken, welches die eigentlichen Bedürfnisse sind. Buber beschreibt das Verpassen einer solchen Begegnung in seinen autobiographischen Fragmenten:

«Es ereignete sich nichts weiter, als dass ich einmal, an einem Vormittag nach einem Morgen ‹religiöser› Begeisterung, den Besuch eines unbekannten jungen Mannes empfing, ohne mit der Seele dabei zu sein. Ich liess es durchaus nicht an einem freundlichen Entgegenkommen fehlen, ich behandelte ihn nicht nachlässiger als alle seine Altersgenossen, [...] ich unterhielt mich mit ihm aufmerksam und freimütig – und unterliess nur, die Fragen zu erraten, die er nicht stellte. Diese Fragen habe ich später, nicht lange darauf, von einem seiner Freunde – er selbst lebte schon nicht mehr (er fiel zu Anfang des ersten Weltkriegs) – ihrem wesentlichen Gehalt nach erfahren, erfahren, dass er nicht beiläufig, sondern schicksalhaft zu mir gekommen war, nicht um Plauderei, sondern um Entscheidung, gerade zu mir, gerade in dieser Stunde. Was erwarten wir, wenn wir verzweifeln und doch noch zu einem Mensch gehen? Wohl eine Gegenwärtigkeit, durch die uns gesagt wird, dass es ihn dennoch gibt, den Sinn3.»

Von solchen Begegnungen, in denen Gottes Gegenwart helfend sichtbar wird, berichten die «Erzählungen der Chassidim», die wohl grösste Sammlung zum Chassidismus, die Buber 1949 herausgab. Einige Anliegen der Bewegung möchte ich anhand der von Buber überlieferten Geschichten nachzeichnen.

Heilende Paradoxe

Von Glaubenszweifeln geplagt fragt sich ein Jünger des Rabbi Noach, wie das gehen soll, wenn er im Glaubensbekenntnis sagt, er glaube, obwohl er noch sündigt:

«‹Ich sage: Ich glaube. Glaube ich wirklich, wie geht es dann zu, dass ich sündige? Glaube ich aber nicht wirklich, warum sage ich dann eine Lüge her?› ‹Es heisst’, sagte Rabbi Noach zu ihm, der Spruch ,Ich glaube` sei ein Gebet. ,Ich möge glauben`, das bedeute er. Da glühte der Chassid auf: ‹So ist es recht›, schrie er, ‹so ist es recht! Möge ich glauben, Herr der Welt! Möge ich glauben!4›»

Im Wunsch, Gott zu dienen, braucht jemand nicht den Appell an den Willen, sondern den Gnadenzuspruch, der seinen Konflikt aufnimmt und auf Gott hin lenkt.

In diesem Sinn ist auch die nächste Geschichte zu verstehen, in der es um die Verführung durch den bösen Trieb geht. Ähnlich wie für die Erziehung gilt wohl auch für die Glaubensvermittlung, dass die Fokussierung auf die Bösartigkeit des Menschen mehr verstockt als heilt. Ist es doch Gottes Güte, die uns zur Umkehr leitet (Röm 2,4b). So wird auch von Rabbi Jaakob Jizchak berichtet, wie sehr der Verführte die Hilfe und nicht die Belehrung braucht:

«Du musst ihn eben lieben, diesen Menschen, der Böses tut, du musst ihm hebend helfen, dem Wirbel zu entkommen, in den ihn der Trieb zieht, du musst ihm hebend erkennen helfen, was oben und was unten ist, anders als hebend wirst du nichts zustandebringen, sondern er wird dich zur Tür hinausschmeissen, und er wird recht haben5.»

Gerade nicht der Blick auf das Böse bringt den Menschen Gott näher, sondern er braucht die Begegnung mit der Güte Gottes, die wandelt und heilt.

Fokussierung auf das Leben

Noch mehr als die Wundertaten der Chassidim zeigen deren seelsorgerliche Weisungen Gottes Güte. Sie helfen den Juden in Bedrängnis ihre Hoffnung auf Gott nicht wegzuwerfen. Dies ist das Kernthema der Bewegung, wie es auch Elie Wiesel in seinem Buch «Geschichten gegen die Melancholie» aufnimmt. Wichtiger als der Kampf gegen die Sünde ist der Kampf gegen die Hoffnungslosigkeit: «Einmal klagte Rabbi Jaakob Jizchak ein Mann, wie sehr er unter der Heimsuchung der bösen Gelüste zu leiden habe und wie er darüber in eine tiefe Schwermut verfalle. ‹Halte dir die Schwermut fern›, sagte der Rabbi, nachdem er ihm mit Rat und Weisung das Herz gestärkt hatte, ‹sie schadet dem Dienste Gottes mehr als die Sünde. Um was der Satan sich so müht, ist nicht die Sünde des Menschen, sondern seine Schwermut darüber, dass er wieder gesündigt hat und von der Sünde nicht loskommt. Da hat er die arme Seele im Netz der Verzweiflung eingefangen6.›»

Nicht die eigene Haut retten

Dabei ist der Rabbi weder abgehoben, noch zieht er sich in die geistliche Welt zurück. Im Gegenteil ist er den Bedrängungen und Anfechtungen wohl stärker ausgesetzt als seine Jünger. Deshalb fährt die obige Erzählung fort: «Es ist aber hier ein Wort hinzuzufügen, das Jaakob Jizchak einem Schüler im Zwiegespräch anvertraute und das dieser uns überliefert hat. ‹Es nimmt mich wunder›, sagte er, ‹wie das zugeht: es kommen zu mir Menschen im Stande der Schwermut, und wenn sie von mir fortziehen, sind sie aufgehellt, und ich selber bin doch...› Hier wollte er, den ersten Lauten nach zu schliessen, das Wort ‹schwermütig› aussprechen, hielt aber sogleich inne und sagte: ‹und ich selber bin doch schwarz und leuchte nicht7.›»

Mutig, auch Gott gegenüber

Der Rabbi verbindet sich mit den Leidenden und spannt so einen Schirm auf, unter dem seine Mitmenschen ein Stück Geborgenheit und Zuversicht finden können. Unter diesem Schirm darf man auch Gott gegenüber mutig und forsch sein und muss das erfahrene Leiden nicht einfach schweigend ertragen, sondern darf aufbegehren, wie in der nächsten Geschichte deutlich wird:

«Einer Nachbarin Rabbi Mosche Löbs starb ein Kind nach dem andern im ersten Jahr. Einmal schrie sie im Haus des Zaddiks auf: ‹Das ist kein guter Gott, der einem Kinder gibt, um sie einem wieder nehmen zu können, das ist ein grausamer Gott!› Die Ehefrau des Rabbis fuhr sie an: ‹So darf ein Mensch nicht reden! Man muss sagen: Gottes Gnade ist unerforschlich, und was er tut, ist wohlgetan.› – ‹Nicht doch›, sprach der Rabbi, der die Unterredung in seiner Kammer gehört hatte und nun heraustrat, ‹man soll sich nicht drein fügen. Fasset Mut, Frau, und fasset Kraft: übers Jahr werdet Ihr einen Sohn gebären, und ich werde ihn einst unter den Trauhimmel führen.› Und so geschah es8.»

Lassen wir uns durch die chassidischen Geschichten ermutigen, von Gott getröstet und mutig durch den Alltag zu gehen, offen für das Verborgene, das Gott uns bereithält.

 

1    Martin Buber in Gesammelte Werke III, 962; hier zitiert nach Kirsch, S. 64
2    ebd.
3    ebd., S. 107
4    Martin Buber: Die Erzählungen der Chassidim, S. 626
5    Martin Buber: Zwischen Zeit und Ewigkeit, S. 76
6    Martin Buber: Zwischen Zeit und Ewigkeit, S. 15
7    ebd., S. 16
8    Martin Buber: Die Erzählungen der Chassidim, S. 538